Deidesheim
Comedian Toby Käp spricht im Interview über seine Behinderung – und die Witze darüber
Herr Käp, im Vorgespräch sprachen Sie von Ihrer neusten Fanpost. Was stand da drin?
Ich lese Ihnen die Kernaussage vor: „Dann kam der hörbehinderte Toby Käp, der Witze über hörbehinderte Menschen darstellte. Mit tut so etwas sehr weh, denn ich arbeite mit behinderten Menschen. So etwas kann man einfach nicht bringen.“
Ihre Reaktion?
Unabhängig, ob behindert oder nicht: Ich denke, jeder Mensch soll über sich Witze machen dürfen, solange er nicht nach unten tritt. Weil ich betroffen bin, trete ich nicht nach unten. Ich äffe keine Behinderten nach, sondern rede über meine Behinderungen. Ich rede über meinen Alltag und meine Sichtweise auf die Gesellschaft. Und zwar sehr direkt, was manchmal brutal ist. Hätte die Zuschauerin Recht, dürften nur noch Schwule über Schwule und Heteros über Heteros reden. Das ist eine deutsche Denke, dieses Schubladendenken. Ich finde es übergriffig zu urteilen, dass sich Behinderte schlecht fühlen bei meinen Auftritten. Die Zuschauerin ist selber nicht behindert, sie arbeitet mit diesen Leuten. Behinderte regen sich über meine Shows eher nicht auf.
Mal ganz generell gefragt: Wann ist Comedy über Minderheiten okay?
Der Kabarettist Serdar Somuncu sagt: „Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung.“ Der Komiker Chris Tall hat mal gesagt: „Stellt euch mal vor, wir würden uns über alle lustig machen, nur über eine spezielle Gruppe nicht. Wie ausgrenzend wäre das!“ Und der Medienforscher Benedikt Porzelt spricht von zwei Funktionen des Humors: Menschen einzubinden – durch das gemeinsame Lachen wird jemand in die Gemeinschaft reingeholt. Humor kann aber auch ausgrenzen und Menschen aus der Gemeinschaft rausdrängen.
Zum Beispiel?
Der Gag des Comedians Olaf Schubert über onanierende Taubstumme. Das Wort ist diskriminierend und falsch. Taube Menschen haben eine eigene Sprache und sind nicht stumm. Wenn ich sie als stumm deklariere, spreche ich ihnen eine eigene Meinung ab. Das ist ein ganz gefährliches Pflaster. Ich kann guten Gewissens sagen, dass ich versuche aufzuklären über eine Behinderung, die man nicht direkt sieht. Hörgeschädigten Menschen sieht man ihre Beeinträchtigung weniger an als einem Rollstuhlfahrer. Ich moderiere auch die Veranstaltungsreihe „Comedy Lounge barrierefrei“ – mit Gebärdensprachdolmetscher, damit Hörgeschädigte, Gehörlose und Hörende zusammen lachen können. Integrativer geht’s ja wohl nicht.
Kennengelernt hab ich Sie auf dem Hundeplatz mit Ihrer Hündin Frieda. Mit der Salami in der Tasche neben dem Schritt haben Sie für Lacher gesorgt. Sind Hundemenschen Ihr Testpublikum?
Die Salami in der Hose, das war nicht geplant. Das war 100-prozentig ich. Den Satz habe ich mir danach für die Bühne aufgeschrieben. Meine Texte teste ich eher im Freundeskreis – Gags, die missverständlich sein könnten, schicke ich Freunden, die nenne ich „mein ethisches Gewissen“. Und ich teste neues Material auf Open-Stages in Städten wie Frankfurt, Köln und Heidelberg. Das sind offene Bühnen, auf denen Künstler kostenlos und spontan vor Publikum auftreten. Unterschiedliches Publikum in verschiedenen Städten ist ein guter Gradmesser für eine neue Show.
Sie arbeiten doppelt in der Kulturszene – als freischaffender Künstler und beim Boulevardtheater im Theaterbüro. Waren die vergangenen Monate eine Abmagerungskur?
Ich war nicht brotlos. Nur kreativ brotlos. Künstler leben von Eindrücken im täglichen Leben. Und wenn man dazu verdammt wird, daheim die Wand anzugucken, fehlen die Inspirationen. Im Theater habe ich ein festes Gehalt. Die Pandemie hat gezeigt, dass ein zweites Standbein nie verkehrt ist. Es ist schön, vor und hinter den Kulissen zu arbeiten. Das Ziel ist in beiden Fällen dasselbe: zu helfen, die Leute zu unterhalten. In den letzten Monaten musste ich einen Haufen Karten umbuchen, da die Veranstaltungen ausfielen. Ich hoffe jetzt für mich und meine Kollegen, dass es bald wieder richtig losgeht.
Ist Ihr Name eigentlich echt?
Ja, Tobias Käp steht in meinem Personalausweis. Das hab ich mir nicht ausgedacht. Passt zu meinem Handicap und auch zu meiner Kappe. So laufe ich auch im Alltag herum. Meine Bühnenfigur und der echte Toby, das ist nahezu dieselbe Person.
Ist Inklusions-Comedy für Sie auch ein bisschen Therapie?
Auf jeden Fall. Das gilt insgesamt für Stand-Up-Comedy, die der Schauspieler und Regisseur Gerd Buurmann als die einzige Psychotherapie bezeichnet, für die man Geld bekommt. Erfolgreich auf der Bühne zu stehen, hat auf jeden Fall mein Selbstbewusstsein gestärkt.
Wie wurden Sie hörgeschädigt?
Das fing mit meiner Geburt an, die war nicht rosig. Ich war unterversorgt mit Sauerstoff, weil sich die Nabelschnur um meinen Hals geschlungen hat und musste mehrfach reanimiert werden. Daher habe ich einen Hörverlust und trage eine Brille.
Und wie kamen Sie auf die Bühne?
Später hatte ich einen Freund, mit dem ich einen Podcast gemacht hab’. Und der meinte, ich solle das, was ich denke und was mir passiert, auf die Bühne bringen. Die Initialzündung kam durch den Comedian Falk Schug, der mir geholfen hat, in der Kleinkunstszene Fuß zu fassen.
Wann ist der Alltag für Sie schwierig?
Die Corona-Masken haben das Leben nicht vereinfacht. Mit Maske versteht man mich schlechter. Beim Türken habe ich Döner bestellt und bekam einen Dürüm. Das ist situativ komisch, aber auch sehr schade. In den Corona-Verordnungen steht, dass man bei der Kommunikation mit Hörgeschädigten die Maske kurz absetzen darf. Das machen aber die wenigsten. Das Telefonieren mit unbekannten Stimmen ist für mich auch nicht immer leicht. Besonders in der Pfalz, ich kann kein Pfälzisch.
Helfen Politiker Behinderten?
Oft werden politische Entscheidungen von Menschen ohne Handicap für Menschen mit Handicap getroffen. An der Uni Heidelberg gab es eine Beauftragte für chronisch kranke Studierende. Sie musste entscheiden, was sinnvoll ist für diese Studenten, obwohl sie selbst nicht krank war. Woher will sie also wissen, was für die Betroffenen sinnvoll ist?
Hätten Sie die Wahl einer Wiedergeburt, würden Sie sich ein gesundes Leben wünschen?
Ich kenne mein Leben nicht anders. Und ich kann mit meinen Defiziten ganz gut leben.
In Deidesheim werden Sie gemeinsam mit dem blinden Kollegen Timur Turga auftreten. Beschreiben Sie doch mal die Show und wie es zu der Zusammenarbeit kam.
Timur saß vor fünf Jahren bei mir im Publikum. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch und haben festgestellt, dass wir trotz unserer verschiedenen Arten von Humor – er erzählerisch ausmalend und absurd komisch und ich sehr sarkastisch und britisch – miteinander super harmonieren. Irgendwann hab ich gesagt: „Ich hab’ Bock, mit dir ein Programm aufzustellen. Einfach zusammen auf der Bühne sein und über Behinderungen reden.“ Dann haben wir überlegt, wie wir das nennen können. Ich sagte „Du bist blind und ich hörgeschädigt. Es ist doch nichts geiler, als das Motto „Ungesehen und unerhört“. Die Moderation ist komplett improvisiert. Jeder spielt aber sein eigenes Set.
In der Pfalz spielen Sie selten. Wollen Sie kein Nestbeschmutzer sein?
Das liegt eher daran, dass ich Comedy für Leute zwischen 20 und 50 mache, die Zugang zu urbanen Themen haben. Dieses Publikum sitzt eher in Städten wie Mannheim, Mainz oder Heidelberg. Wenn ich etwa über meine Bisexualität rede, dann können das Leute auf dem Land das weniger nachvollziehen.
Termin
Toby Käp tritt gemeinsam mit Timur Turga am Freitag, 1. Oktober um 20 Uhr als Gast des Boulevardtheaters Deidesheim im Programm „Ungesehen und unerhört“ in der Deidesheimer Stadthalle auf. Karten (19,80 Euro) bei Brillen-Bott in Deidesheim oder unter www.boulevard-deidesheim.de.
Zur Person: Toby Käp
Der 33 Jahre alte gebürtige Gerolsteiner ist in der Eifel aufgewachsen und lebt mit seiner Hündin Frieda inzwischen in Deidesheim. Mit 14 Jahren kam er auf ein Schulinternat für Hörgeschädigte im Schwarzwald, weil er daheim in der Regelschule wegen seiner Hörbehinderung ständig gemobbt wurde. In Heidelberg studierte er Geschichte und evangelische Religion. Seit sechs Jahren tritt Käp als Autodidakt bundesweit mit Comedy-Soloprogrammen auf. 2017 war er sowohl Finalist beim Night-Wash-Talent- Award als auch beim Mannheimer Comedy-Cup und schaffte es in diesem Jahr beim 24. Bielefelder Kabarettpreis in die Endrunde. Vor drei Jahren gewann Käp die Kabarett-Talente Show in Salzburg. Seit einem Jahr leitet er das Veranstaltungsbüro des Boulevardtheaters Deidesheim.