Neustadt China als Chance und als Risiko
Von „durch die Bank hohen Qualitäten“ spricht Verkostungsleiter Christian Wolf zum gestrigen Auftakt der 23. Auflage des internationalen Weinpreises Mundus Vini des Meininger Verlags: Noch bis Sonntag werden die 175 Fachverkoster aus 43 Ländern insgesamt 4311 Weine aus 38 Herkunftsnationen im Saalbau testen.
„Zahlenmäßig ist es eine leichte Steigerung im Vergleich zum Vorjahr“, sagt Wolf. Während bei der Frühjahrsverkostung des Wettbewerbs unmittelbar vor der Eröffnung der Fachmesse Pro Wein in Düsseldorf im Februar vorwiegend junge Weine angestellt worden waren, seien es jetzt größtenteils die Jahrgänge 2017, 2016 und älter: „Das hängt mit den Reifezeiten der Weine auf der Hefe, im Fass oder auf der Flasche zusammen“, erklärt Wolf. So seien es bei der Sommerverkostung vorwiegend die höheren Qualitätsstufen, die um eine der Auszeichnungen Silber, Gold und Großes Gold buhlen. Die relativ wenigen ersten Weine des Jahrgangs 2018 kämen aus Neuseeland, Australien und Südafrika. Die unterschiedlichen Lesezeiten auf der Nord- und der Südhalbkugel sind es auch, die für eine unterschiedliche Zusammensetzung der Verkoster sorgen: Weil der Herbst dort schon vorbei ist, sei die „Neue Welt“ besonders stark in der Jury vertreten, während die Vertreter aus Europa wegen der laufenden Weinlese im Vergleich zum Frühjahr weniger stark repräsentiert seien. Insgesamt immer stärker seien die Frauen im Testerfeld vertreten: Sie stellten mittlerweile 30 Prozent der Jury, deren Durchschnittsalter sinke: „So mancher Verkoster steigt aus Altersgründen aus“, hat Wolf beobachtet. „Wir sind wieder sehr international aufgestellt“, meint Ulrich Fischer, Mitglied im Mundus Vini-Vorstand: Er berichtet unter anderem von einer Jury, die mit sieben Mitgliedern aus sieben Herkunftsnationen aus drei Kontinenten besetzt ist. „Vor allem Juroren, die das erste Mal dabei sind, sind von der Atmosphäre in Neustadt und der Umgebung begeistert“, sagt Fischer. Er habe gestern wieder sehr spannende Weine verkostet, berichtet Fischer und schwärmt von einem 2011er Chasseles Grand Cru aus der Nähe des Genfer Sees und einer Reihe von kleinen Rebsorten aus Italien. Wie vielfältig die Rebsorte Sauvignon Blanc ausgebaut werden kann, habe eine Probe restsüßer Weine bewiesen. Über die Verkostungen hinaus ist der heutige Freitag erstmals einem „Wine Export Meeting“ für alle deutschen Winzer, Winzergenossenschaften und Kellereien gewidmet: Dabei werde es um neue potentielle Absatzmärkte wie China oder Thailand gehen, erklärt Wolf. China beispielsweise sei mittlerweile das zweitgrößte Anbaugebiet der Welt, das zwar viele Tafeltrauben und Trauben für die Rosinenproduktion anbaut, mit einer Rebfläche von 250.000 Hektar allein für Weintrauben aber durchaus auch zu einem ernstzunehmenden Wettbewerber werden könne. Zu 80 Prozent würden in China stilistisch am Bordeaux orientierte Rotweine wie Cabernet Sauvignon, Merlot oder Syrah produziert. „Die spannende Frage ist jetzt, wie sich die Qualitäten entwickeln. Möglicherweise sind Weine aus China in einigen Jahren auch auf den europäischen Märkten präsent“, meint Wolf. Andererseits sei China aber auch ein interessanter Exportmarkt für hiesige Winzer: „Wir haben mal ausgerechnet, dass es der gesamte Weltmarkt gar nicht hergäbe, wenn sich die Trinkgewohnheiten dahingehend änderten, dass jeder Chinese im Durchschnitt einen Liter Wein pro Jahr tränke“, sagt Wolf.