Neustadt
„Bitte behaltet eure Tickets!“ Was die Absagen im Neustadter Saalbau für Kunden und Veranstalter bedeuten
Volker Schmidt, der für den Saalbau zuständige Mann, hat eine lange Nacht hinter sich. Während die meisten Neustadter sicher schon ihre Matratze hüteten, verschickte er am frühen Donnerstag erste Eil-Mails an die von der offiziellen Absage betroffenen Veranstalter. Ausgiebige Gespräche auf der Suche nach Lösungen, sprich: Ersatzterminen, folgten dann am Morgen. Das Telefon bei der Tourist, Kongress & Saalbau GmbH (TKS) klingelte aber auch deshalb gestern ununterbrochen den ganzen Tag über, weil auch viele besorgte Kartenkäufer dringend erfahren wollten, was ihre Tickets jetzt noch wert sind – obwohl die TKS ja eigentlich nur den Saal vermietet und mit dem Vorverkauf selbst nichts zu tun hat. Den regelt jeder Veranstalter in Eigenregie.
Manche Veranstalter zeigen Einsicht, manche nicht
„So eine Ausnahmesituation habe ich den 21 Jahren, die ich das jetzt schon mache, noch nie erlebt“, sagt Schmidt. Wie es der Zufall so will, wäre Neustadts größter Veranstaltungsraum in den nächsten Wochen nämlich äußerst gefragt gewesen. Städtische und privatwirtschaftliche Kulturevents und nicht weniger als vier Abi-Bälle reihten sich im Terminbuch aneinander. Allein an diesem Wochenende standen eigentlich drei große Musikveranstaltungen an: das Musical „Ab in den Süden“, die kubanische Tanzshow „Havana Nights“ und ein Michael-Jackson-Tribute.
Die Reaktionen der Veranstalter seien dabei ganz unterschiedlich, so Schmidt. „Manche zeigen Einsicht, manche nicht.“ So sei zum Beispiel für „Ab in den Süden“ ohne große Umstände ein Ersatztermin am 10. Juni gefunden worden. Auch das Management von Gerd Dudenhöffer, der am 20. März mit seinem neuesten Heinz-Becker-Programm kommen wollte, habe sich sehr verständnisvoll gezeigt. Andere, die Schmidt nicht nennen will, aber eben nicht.
1000 Plätze für bis zu 90 Euro – es geht um verdammt viel Geld
Dabei spiele auch die immer noch durch die Gegend geisternde Aussage, dass nur Events mit mehr als 1000 Besuchern in der Pflicht seien, eine Rolle. Der Saalbau mit seinen maximal 1005 Plätzen hätte damit kein unlösbares Problem. Schmidt hat seinen Mails an die „Mieter“ bislang nur die allgemeine Presseerklärung der Stadt vom Mittwoch angehängt. Eine rechtsverbindliche Erklärung, die die TKS vor eventuellen Schadensersatzforderungen schützt, solle aber noch folgen. Wobei er allerdings gut verstehen könne, dass die Veranstalter nervös sind: „Es geht schließlich um sehr viel Geld.“ Die Produktion „Havana Nights“ zum Beispiel fahre mit drei Tourbussen und einem großen Lkw durch die Lande, so Schmidt. Und da die Show mit Spitzenpreisen von fast 90 Euro nahezu ausverkauft war, kann jeder ausrechnen, welche Summen hier im Raum stehen.
„Wenn wir alles absagen müssen, gehen wir in Konkurs“
Für „Agenda Production“, die Berliner Agentur des kubanischen Tanzmusicals, ist Neustadt nach eigener Aussage die erste Corona-Absage. Die „Havana Nights“-Termine am Freitag in Leipzig und am Sonntag in Hanau, die das Neustadter Gastspiel zeitlich flankieren, sollten – Stand Donnerstag – plangemäß stattfinden. Das müssen sie auch, „denn wenn wir alles absagen müssen, gehen wir in Konkurs“, sagt eine Mitarbeiterin auf Nachfrage. Bis Ende April sind quer durch die ganze Republik derzeit noch 13 Auftritte geplant. Danach endet die Tournee mit den 34 Gastkünstlern aus Kuba, weshalb in diesem Jahr auch kein Ersatztermin für Neustadt mehr gefunden werden kann. Den solle es aber auf alle Fälle 2021 geben, wobei das genaue Datum noch offen sei. Alle bereits erworbenen (sowie auch die von der RHEINPFALZ verlosten Tickets) behielten ihre Gültigkeit. Ob auch eine Rückgabe akzeptiert wird, konnte oder wollte die Agentur nicht beantworten.
Die räumt „Wacky Productions“ aus Pfronten im Allgäu, der Veranstalter des Musicals „Ab in den Süden“ zwar ausdrücklich ein – trotz des bereits fixierten Ersatztermins im Juni. Gleichzeitig appelliert das Unternehmen aber an die Kartenkäufer: „Bitte behaltet eure Tickets!“ Man stehe damit im Einklang mit der gesamten Veranstaltungsbranche, so die Mitarbeiterin Lioba Babel, „um die finanziellen Folgen dieser für alle völlig unverschuldeten Situation nicht ganz auf die Veranstalter fallen zu lassen“.
„Für die Künstler ist das existenzbedrohend“
Dass die Corona-Krise für viele freie Kulturanbieter ein unglaublicher Schlag ins Kontor ist, sieht auch Wolfgang Dinges, der Leiter der Neustadter Kulturabteilung so. Er muss drei Veranstaltungen im Saalbau absagen, darunter in der kommenden Woche gleich zwei Termine der Aboreihen. „Wir schreiben gerade die Abonnenten an.“ Besonders mit Blick auf das Charlie-Chaplin-Musical am Dienstag, eine Show des Südwestpfälzer Produzenten Frank Serr, sagt er: „Für die Künstler ist das existenzbedrohend. Da brechen ganze Monatsgehälter weg.“ Denn ohne sich juristisch zu weit aus dem Fenster lehnen zu wollen, gehe er davon aus, dass die Corona-Krise als Höhere Gewalt zu werten ist. Was bedeutet, dass die freien Anbieter ihre Gagen in den Wind schreiben können. Für das Chaplin-Musical sei das besonders traurig, denn das habe bislang überall sehr gute Kritiken eingefahren.
Ersatztermine sind schwierig, wenn der Peak erst im Juli kommt
Natürlich sollten die beiden Abo-Termine – neben dem Musical noch das Konzert mit dem „Paganini der Blockflöte“ Maurice Steger und der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz am Donnerstag – nachgeholt werden, so Dinges weiter. Wann, lasse sich momentan aber noch nicht absehen, weil der Peak der Epidemie nach neuester Erkenntnis ja erst für Juli/August erwartet werde. „Wir planen jetzt erst einmal bis 8. April. Danach müssen wir weitersehen.“
Zur Sache: Absagen über Absagen in Neustadt und Umgebung
Wer sich in Neustadt an diesem Wochenende auf einen oder mehrere Kulturtermine gefreut hat, muss sich auch jenseits des Saalbaus auf corona-bedingte Absagen oder Verschiebungen einstellen, auch bei kleineren Veranstaltungen – und das scheint erst der Anfang.
„Wir haben den Appell der Stadt Neustadt vernommen und sagen hiermit auch alle unsere geplanten Termine ab“, sagt Rolf Raule vom Kulturverein Wespennest. Das betrifft zunächst einmal konkret das lange ausverkaufte Konzert mit dem „Trio Farfarello“ am Samstag. Ob auch Abi Wallenstein am 28. März geopfert werden muss, werde man nächste Woche entscheiden. „Aber wahrscheinlich wird es so kommen.“ Glück im Unglück hat der Verein, weil in beiden Fällen schon lange gute Beziehungen zu den Künstlern bestehen – die verlieren zwar einen Auftritt, fordern aber kein Ausfallhonorar ein. „Bei Gruppen aus den USA müssten wir bezahlen.“
Auch die Fördergemeinschaft Herrenhof in Mußbach muss eine schmerzliche Absage verkraften: Die Vernissage zur Ausstellung der Süd-pfälzer Künstlerfamilie Deutsch, die für Sonntagvormittag geplant war, wurde gestrichen. „Da wären sicher 300 bis 400 Leute gekommen“, sagt ein enttäuschter Uwe Kreitmann, der Vorsitzende der FGH. Die Absage ist umso bedauerlicher, als Haegar Deutsch extra für die Eröffnung eine opulente Video-Collage vorbereitet hatte, die im Festsaal präsentiert werden sollte. Ob die nachgeholt werden kann, steht in den Sternen. Die Ausstellung an sich, die Skulpturen von Karl-Heinz und Alexandra Deutsch zeigt, soll aber ab Mittwoch zu den ganz normalen Öffnungszeiten zu sehen sein. Auch den Termin mit der A-cappella-Gruppe „Sixpack“ am 21. März möchte Kreitmann gerne verschieben. „Falls sie aber nicht zustimmen, können wir es aus finanziellen Gründen nicht absagen.“
Auch der Kleinkunstverein „Reblaus“ und der Stadtverband für Kultur haben für dieses Wochenende geplante Veranstaltungen bereits abgesagt. Der Verband verschiebt jetzt zudem noch seine auf 24. März terminierte Mitgliederversammlung. Andere Veranstalter wie das Roxy-Kino oder das „Theater in der Kurve“ planen dagegen bislang keine Stornierungen. „Ich bemerke nur, dass die Leute mehr Wert auf Sicherheitsabstand legen“, sagt Kino-Betreiber Michael Kaltenegger. Auch die Kindertheaterveranstaltungen im Haßlocher Blaubär und im Hambacher Schloss finden statt, ebenso wie die Kinderzauber-Matinee mit Stefanus am Sonntagvormittag im Konfetti und – keine Kinderveranstaltung – das Festkonzert mit Christoff Keggenhoff zur Wiederinbetriebnahme der Späth-Orgel in der Kirche St. Kosmas und Damian in Maikammer.
Und auch der Neustadter Meisterkurs für Violine, der am Sonntag mit 13 Teilnehmern startet, soll wie geplant über die Bühne gehen. Allerdings hat das GDA-Wohnstift das abschließende Wettbewerbskonzert wegen der Virus-Krise abgesagt. Dieses finde nun zum gleichen Zeitpunkt, am Samstag, 21. März, um 19 Uhr, in der Aula des Neustadter Klosters statt, wo erstmals auch der Unterricht seinen Platz hat, so der Vorsitzende des Fördervereins, Jörg Sebastian Schmidt. Da durch den Ortswechsel vermutlich auch weniger Zuschauer kommen werden, sei das Risiko kalkulierbar. Der Konzertsaal im Kloster fasst rund 100 Personen.
Für die Zeit danach gibt es auch bereits etliche Absagen: Der Kabarettabend mit Gerd Kannegieser am 20. März in Lambrecht ist ebenso gecancelt wie die Lesung des „Literarischen Forums“ mit Helga Bürster am 27. März in der Neustadter Stadtbücherei. „Unter den jetzigen Umständen halten wir dies für ein Gebot der Vernunft. Wir möchten die Lesung in einem späteren Programm gerne nachholen“, sagt der LitFo-Vorsitzende Frank Schwarz. Das von der Stadt veranstaltete „Democracy is coming“-Konzert am 28. März soll nach Auskunft von Kulturabteilungsleiter Wolfgang Dinges ebenfalls verschoben werden. „Wir verhandeln gerade mit den Künstlern“. Und zu (un-)guter Letzt bleiben auch die Villa Böhm und das darin befindliche Neustadter Stadtmuseum ab sofort geschlossen, und zwar bis voraussichtlich 31. Mai. Hier ist der Grund aber nicht Corona, sondern die Sanierung des Parks, die jetzt anläuft.