Wachenheim
Big Daddy Wilson bei „Mission in Blues“
Mit einer musikalischen Weinprobe und einem Konzert der Schweizer Gruppe Little Chevy im Bürgerhaus von Ellerstadt endete gestern die achte Ausgabe des überregional bekannten „Mission in Blues“-Festivals. Zuvor hatte es bereits Auftritte der Elville Blues Band feat. Jessica Born und Felix Zöllner am Wachenheimer Burgtalweiher sowie des bekannten Gitarristen und Sängers Biber Herrmann im Hof der Pfadfinder in Ellerstadt gegeben. Erstmals wurde die Veranstaltung in diesem Jahr in Kooperation der Vereine Kunst und Kultur in Ellerstadt (Kukie) und Badehaisel Wachenheim organisiert.
Erster Auftritt war 2016
Der Gig des US-amerikanischen Sängers Big Daddy Wilson mit seinen Goosebumps Bros. war auf der Open-Air-Badehaisel-Bühne der Höhepunkt des Festivals.
Der in Edenton/North Carolina geborene Wilson war 2016 schon einmal bei „MiB“ zu Gast gewesen und hatte damals bleibenden Eindruck hinterlassen. Auch bei seiner erneuten Verpflichtung wurde der Sänger den Ansprüchen gerecht. Mit den Italienern Cesare Nolli (Gitarre, Gesang), Paolo Legramandi (Bass, Gesang) und Nik Taccori (Schlagzeug, Gesang), zusammen die Goosebumps Bros., hatte er sich Begleitmusiker mitgebracht, die internationalen Ruf genießen und beispielsweise auch schon live oder im Studio mit Zucchero, Eric Bibb oder Terence Trent D’Arby gearbeitet haben. Das Trio erhielt während der Show mehrfach die Möglichkeit sich auch solo, ohne den Meister, vorzustellen und präsentierte dabei unter anderem eine überzeugende Version des Coasters-Hits „Down In Mexico“.
Hochkarätige Band
Trotzdem drängte sich die hochkarätige Band nie egoistisch in den Vordergrund. Stattdessen stellte sie ihre ganze Kreativkraft teamgerecht in den Dienst des Big Daddy. Allerdings schaffte sie es mit ihrem Spiel das Repertoire des Sängers nicht nur auf puritanischen Blues zu reduzieren, sondern brachte mit Ausflügen in artverwandte Stilarten viel Farbe in die Darbietung. Aus „Deep In My Soul“, dem Stück mit dem Wilson eröffnete, wurde nicht zuletzt durch die Einflussnahme der Goosebumps eine Funknummer par excellence. „The City Street“ war schweißtreibender Soul, und „He Cares For Me“ ist ein Gospelsong, der an Wilsons Anfänge als begeisterter Fan amerikanischer Kirchenmusik erinnert.
Das Programm des Quartetts war dermaßen breitgefächert, dass sich Adam Wilson Blount, wie Big Daddy bürgerlich heißt, erst nach bereits sechs dargebotenen Stücken mit der Frage „Do you like Blues?“ ans Publikum wandte. Nun näherte er sich der Zwölftaktmusik, die dem Festival ihren Namen gibt, mit „Texas Boogie“ deutlicher an. Zum Lied inspirieren lassen hat sich Wilson beim Besuch eines amerikanischen Juke Joints, einer kleinen Kneipe für Afroamerikaner, die ihn von Größe und Aussehen her ein wenig an das Badehaisel erinnert, wie er erzählte. Mit einer gesungenen Liebeserklärung an seine deutsche Frau Helga, mit der er schon vierzig Jahre verheiratet ist, der Ballade „I Can’t Help But Love You“, entließ der stimmgewaltige Künstler seine Zuhörer in die Pause.
Insektenüberfall
Zurück auf die Bühne kam er fünfzehn Minuten später mit Mantel und Schal. Tatsächlich ließ die Temperatur am Weiher sehr zu wünschen übrig. „We hope we can warm your soul“, tröstete Wilson und gab mit „I Know“ einen (Soul-)Song zum Besten der Erinnerungen an längst vergangene Motown-Tage wachwerden ließ. Nahtlos leiteten die Goosebumps Bros. von hier zu „Ain’t Got No Money“ über, das sich vom Arrangement her großzügig bei dem von J. J. Cale miterfundenen Tulsa-Sound bediente. Auch aus ihrer brandaktuellen Langspielplatte „Plan B“, die erst am Freitag auf den Markt gekommen ist, stellten Wilson und die Bros. einen Titel vor: „Dance Little Momma“.
Für viel Erheiterung sorgte ein Zwischenfall, der sich ereignete, während Wilson gerade eines seiner bekanntesten Stücke, „Love Is The Key“ sang. Irgendein, zugegebenermaßen recht stattliches Insekt, hatte sich plötzlich auf dem Oberarm des Musikers niedergelassen. Dieser bemerkte das erst, als Cesare Nolli versuchte das Tier mit dem Gitarrenhals von seinem Platz zu fegen. Daddy sprang daraufhin wie von der Tarantel gestochen und dem Aufschrei „I’m scared of spiders“ zur Seite und ging erst wieder ans Mikrofon zurück, nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass die Luft jetzt rein sei. Der große Big Daddy konnte sich von nun an als sensibler, verletzlicher Mensch, der er in Wirklichkeit ist, zu erkennen geben. Daher war es auch nicht weiter verwunderlich, dass er sich für die Zugabe „Baby, Don’t Like It“ aufgehoben hatte, einen Song den, wie er augenzwinkernd erklärte, jeder verheiratete Mann verstehen würde, handele er doch davon, dass Ehefrauen es nicht gerne sehen, wenn ihre Gatten länger alleine ausgehen, oder sich irgendwelchem „hoochie coochie stuff“ hingeben. Spätestens jetzt war aus dem Star Big Daddy Wilson der nette Kumpel von nebenan geworden, der seine Sorgen und Nöte gerne in Musik verpackt und mit seinen Fans und Freunden teilt. Das ist Blues. Mission accomplished, Mr. Wilson!