Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Bestseller im Dezember

Anja Gössling schlägt ein Buch von Maria Barbal vor.
Anja Gössling schlägt ein Buch von Maria Barbal vor.

Es ist kein neuer Überflieger in Sicht. Nobelpreisträgerin Annie Ernauxs Werke sind in einigen Buchhandlungen aber viel gefragt.

Erstaunlich: Ein neuer Überflieger ist im Weihnachtsmonat auf den Bestsellerlisten der neun regionalen Buchhandlungen nicht zu entdecken. Allein Dörte Hansens Roman „Zur See“ steht noch immer hoch im Kurs und eroberte sich vier Listenplätze. Nobelpreisträgerin Annie Ernauxs Werke waren im Buchmarkt und in der Neustadter Bücherstube viel gefragt. Roland Kaehlbrandts Sachbuch „Deutsch. Eine Liebeserklärung“ (siehe auch DIE RHEINPFALZ vom 29. November) lag im Buchmarkt und bei Quodlibet vorn.

Näher beleuchtet sei hier Martin Mosebachs Roman „Taube und Wildente“, der bei Hofmann viel Anklang fand. Der Titel bezieht sich nicht etwa auf eine naturkundliche Untersuchung, sondern auf den Namen eines Gemäldes: Es ist das Stillleben eines Frankfurter Malers aus dem 19. Jahrhundert. An diesem Opus entzündet sich ein Streit zwischen dem Protagonisten des Romans Ruprecht Dalandt und seiner Frau, die den Sommer mit der Familie auf ihrem Landsitz in der Provence verbringen. Während Ruprecht von dem Bild überwältigt ist und mit ihm geradezu einen Dialog führt, ist seine Frau wild entschlossen, das Gemälde zu verkaufen. Das Ehepaar hat sich schon länger auseinander gelebt, doch jetzt bahnt sich ein Familiendrama an, in dem lange gehütete Geheimnisse und Neurosen aufbrechen. Mosebach, 1951 in Frankfurt geboren und 2007 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet, ist ein brillanter Roman über menschliche Abgründe, Liebe und Verrat gelungen, in dem die Kunst einen besonderen Stellenwert einnimmt.

„Das Leuchten der Rentiere“

Eine spannende Reise nach Skandinavien treten die Leser des Romans „Das Leuchten der Rentiere“ von Ann-Helén Laestadius an, der bei Frank in Grünstadt erfolgreich lief. Die 1971 geborene schwedische Autorin und Journalistin entstammt dem indigenen Volk der Sámi, auch Samen genannt in Nordeuropa und lebt bei Stockholm. Sie erzählt von dem neunjährigen Sámi-Mädchen Elsa, das miterleben muss, wie ein Mann ihr Rentierkalb tötet. Da der Täter sie zum Schweigen zwingt, kann sie nichts unternehmen und fühlt sich dennoch schuldig. Die Sámi und ihre Herden werden immer mehr bedroht, bis die heranwachsende Elsa endlich Kraft und Mut findet, ihre Angst zu überwinden und das Unrecht zur Sprache zu bringen. Doch wird sie Polizei und Behörden überzeugen können?

Ein sehr persönliches Buch hat Michel Friedman unter dem Titel „Fremd“ vorgelegt, das im Buchmarkt viel gefragt war. In freier Form eines Langgedichtes blickt der 1956 in Paris geborene Sohn jüdischer Eltern, die, von Oskar Schindler gerettet. die Shoah überlebten, auf seine Kindheit und Jugend zurück. Zeit seines Lebens fühlt er sich ausgeschlossen, fremd und nicht dazugehörig. Für dieses Erleben findet der Autor eine außergewöhnliche Form, die keine genaue Genre-Bezeichnung zulässt, ihm jedoch literarische Freiheit ermöglicht. Entstanden ist ein einzigartiges Zeitzeugnis.

Der Weihnachtsmonat ist für Buchhändler traditionsgemäß ein Verkaufserfolg, denn Bücher waren stets als Geschenke begehrt. In diesem Jahr verlief alles recht unterschiedlich. Zufrieden zeigt sich Regine Eisele, Leiterin der Bahnhofsbuchhandlung: „Wir hatten eine Ecke mit Titeln von Nobelpreisträgerin Annie Ernaux eingerichtet, die von den Kunden erstaunlich gut angenommen wurde. Über dieses große Interesse waren wir überrascht und sehr erfreut. Einen weiteren Schwerpunkt bildete Literatur über Gesundheit und Wohlbefinden, die ebenfalls gut ankam. Wir haben übrigens nicht nur von unserem Stammpublikum, sondern auch von vielen Besuchern profitiert, die von außerhalb zum Neustadter Weihnachtsmarkt fuhren und dann zu uns kamen.“ Recht zufrieden ist Werner Libor vom Buchmarkt: „In diesem Jahr gab es an den einzelnen Tagen große Schwankungen, was vor Weihnachten sehr ungewöhnlich war. Dass es endlich wieder einen Weihnachtsmarkt gab, über den sich die Leute freuten, belebte unser Geschäft. Wir beobachteten, dass teure Titel diesmal weniger gefragt waren.“

Kein absoluter Renner

Etwas enttäuscht vom Verkauf in diesem Weihnachtsmonat ist Uta Jung von der Buchhandlung Frank in Eisenberg: „Die Leute hielten sich diesmal eher zurück. An manchen Tagen kam niemand auf die Straße, viele Leute waren krank. Aber wir haben viele Kalender und Gutscheine verkauft, die im Januar eingelöst werden.“

Jutta Laubersheimer, Leiterin der Buchhandlung Hofmann, zeigt sich zufrieden: „Trotz der allgemeinen Wirtschaftslage in diesem Jahr lief der Verkauf definitiv besser als 2021.

Diesmal gab es keinen absoluten Renner. Sonst war ein Run der Käufer auf politische Bücher zu beobachten, doch es fehlte ein solches Glanzlicht seitens der Verlage, so dass sich das Interesse auf einzelne Titel verteilte.“ Monika Strefler von Frank in Grünstadt bilanziert: „Wir sind positiv überrascht. Obwohl die allgemeine Stimmung in diesem Jahr nicht so großartig war, gab es immer wieder Spitzentage, so auch am 24. Dezember, und Bücher als Geschenke unterm Weihnachtsbaum kamen gut an.“

Buchtipp

Anja Gössling von der Buchhandlung Frank in Bad Dürkheim hat den Roman „Die Zeit, die vor uns liegt“ (191 Seiten, 22 Euro, Diana Verlag) der spanischen Autorin Maria Barbal mit wachsender Begeisterung gelesen. Als Buch des Monats empfiehlt sie ihn heute: „Die 1949 geborene, in Barcelona lebende Schriftstellerin gilt als eine der wichtigsten und erfolgreichsten katalanischen Autorinnen der Gegenwart. Sie erzählt die Geschichte von Armand und Elena, beide Mitte, Ende sechzig, die in einem Yoga-Kurs in Barcelona aufeinander treffen. Sie fühlen sich sofort voneinander angezogen, befreunden sich, verbringen immer mehr Zeit miteinander und kommen sich näher. Beide leben seit Jahren einen geregelten, etwas langweiligen Alltag und sind resigniert. Armand hat seine Frau nach einer schweren Krankheit verloren. Zu seinem einzigen in Südengland lebenden Sohn hat er ein angespanntes, distanziertes Verhältnis. Elena, eine pensionierte Grundschullehrerin, führt eine unerfüllte, festgefahrene Ehe. Ihr Mann und sie leben nebeneinander her und unternehmen nichts mehr gemeinsam.

Liebesgeschichte der besonderen Art

Die beiden Hauptfiguren fühlen sich einsam und unglücklich. Doch gemeinsam geben sie einander Halt, fühlen sich wieder lebendig und können ihrem eingefahrenen, eintönigen Alltag entfliehen. Es dauert jedoch nicht lange, bis die Katastrophen und Verletzungen der vergangenen Jahre in ihre Beziehung einbrechen. Beide wissen, dass sie ihre Vergangenheit aufarbeiten müssen, um frei für den neuen Partner zu werden.

Die Autorin leuchtet die Gefühlswelt der beiden aus wechselnder Perspektive aus und lässt sie ihre Erinnerungen und Empfindungen aussprechen. Wird eine gemeinsame Zukunft möglich sein?

Diese Liebesgeschichte der besonderen Art erzählt Maria Barbal ruhig, unaufgeregt in klarer, einfacher Sprache. Es ist ein Buch über das Alter, verpasste Gelegenheiten, über das Vergehen der Zeit und über Zuversicht und den Mut, durch Entscheidungen etwas verändern zu können. Im letzten Kapitel des Romans ermuntert die Autorin den Leser dazu, über eigene Lebensentwürfe nachzudenken – und schenkt Hoffnung, der „Zeit, die vor uns liegt“, eine neue Chance zu geben. Was angesichts des Jahresbeginns sehr aktuell ist. Viel Vergnügen und Zuversicht!“

Bestseller

Bahnhofsbuchhandlung (Neustadt)

1. Juli Zeh: Über Menschen

2. Annie Ernaux: Die Jahre

3. Ingrid Noll: Tea Time

Buchmarkt (Bad Dürkheim)

1. Annie Ernaux: Die Scham

2. Roland Kaehlbrandt: Deutsch. Eine Liebeserklärung

3. Michel Friedman: Fremd

Frank (Bad Dürkheim)

1. Ulrich Wickert: Die Schatten von Paris

2. Andrea Wulf: Fabelhafte Rebellen

3. Michelle Obama: Das Licht in uns

Frank (Eisenberg)

1. Torsten Sträter: Du kannst alles lassen, du musst es nur wollen

2. Dörte Hansen: Zur See

3. Charlotte Link: Die einsame Nacht

Frank (Grünstadt)

1. Jenny Colgan: Weihnachten in der kleinen Buchhandlung

2. Ann-Helén Laestadius: Das Leuchten der Rentiere

3. Michael Kobr / Volker Klüpfel: Die Unverbesserlichen – Der große Coup des Monsieur Lipaire

Hofmann (Neustadt)

1. Robert Menasse: Die Erweiterung

2. Martin Mosebach: Taube und Wildente

3. Stefano Antonelli: Banksy – Die Kunst der Straße im großen Bildband

Neustadter Bücherstube

1. Dörte Hansen: Zur See

2. Edvard Hoem: Der Geigenbauer

3. Angela Steidele: Aufklärung

Osiander (Neustadt)

1. Sebastian Fitzek: Mimik

2. Dörte Hansen: Zur See

3. Steve Cavanagh: Fifty-Fifty

Quodlibet (Neustadt)

1. Rafik Schami: Die Geburt

2. Roland Kaehlbrandt: Deutsch. Eine Liebeserklärung

3. Dörte Hansen: Zur Seewss

x