Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Nachtbürgermeister: Vermittler zwischen den Fronten

Pfingsten 2021: Nach Ausschreitungen auf der Heidelberger Neckarwiese räumen Polizisten das Gelände.
Pfingsten 2021: Nach Ausschreitungen auf der Heidelberger Neckarwiese räumen Polizisten das Gelände.

Seit einem halben Jahr sind sie im Amt: die Heidelberger Nachtbürgermeister Jimmy Kneipp und Daniel Adler. Ihre Aufgabe ist es, bei Tag, vor allem aber zu abendlicher Stunde zwischen Feierwilligen, Kneipiers und Anwohnern zu vermitteln. In Pandemiezeiten ist die Arbeit der Night-Mayors nicht gerade weniger, dafür aber umso wichtiger geworden.

Mit einem Klischee räumt Jimmy Kneipp gleich auf: „Unser Arbeitstag beginnt derzeit eher um 8 Uhr morgens als um 20 Uhr am Abend“, sagt der Gastronom, der sich mit dem Mediengestalter Daniel Adler seit dem 15. März den besonderen Job des Heidelberger Nachtbürgermeisters teilt. Langfristig verfolgen sie ein besseres Reglement in der kneipenverwöhnten Altstadt sowie eine (Wieder-)Belebung der Heidelberger Clubwelt. „Wir arbeiten zum Beispiel an einer Achtsamkeits-Kampagne, mit der klar werden soll, dass Wildpinkeln und Geschrei in der Nacht einfach nicht geht, dass Leute dort wohnen“, erklärt Kneipp, der selbst ein Bistro im Stadtteil Rohrbach führt. Kurzfristig mussten die beiden 32-Jährigen aber an anderer Stelle handeln: auf der Neckarwiese.

Bis spät in die Nacht feiernde Jugendliche. Laute Musik, die über den Neckar tönt. Aber auch Tumulte, Ausschreitungen mit der Polizei am Pfingstwochenende, was zwischenzeitlich sogar zu einem Aufenthaltsverbot am grünen Flussufer geführt hatte. Mathias Schiemer, Geschäftsführer von „Heidelberg Marketing“, an welche die Nachtbürgermeister angedockt sind, ist es wichtig zu differenzieren. „Diese Krawallmacher verabreden sich vorher über soziale Netzwerke und sind nicht die typischen Heidelberg-Besucher.“ Unweit der Theodor-Heuss-Brücke wurde zum Beispiel eine Schausteller-Bude demoliert und ein E-Roller durch die Scheiben einer Corona-Teststation geworfen. „So etwas kann die Stadt nicht dulden“, betont Schiemer. Gleichzeitig wollte man etwas für die „Gutfeiernden“ unternehmen.

„Feierbad“ kommt gut an

Und hier kamen die Nachtbürgermeister ins Spiel: „Gerade für die 16- bis 18-Jährigen gibt es in Corona-Zeiten wenig Alternativen, die Neckarwiese hatte sich mit steigenden Temperaturen zum Hotspot entwickelt“, erklärt Kneipp. Um die Lage zu „entzerren“ stellte man gemeinsam mit Jugendorganisationen auf dem Gelände des ehemaligen Schwimmbad-Clubs das „Feierbad“ auf die Beine. Mit Live-Musik, günstigen Getränken und einer geordneten Partywelt. „Es herrscht eine gute Stimmung und ist friedlich. Und auch auf der Neckarwiese ist es seither ruhiger geworden“, sagt der Nachtbürgermeister.

Im Herbst und Winter soll Jugendlichen nun eine Indoor-Alternative geboten werden. „Es gibt bereits Gespräche mit Oberbürgermeister Eckart Würzner. Die genaue Form und den Standort müssen wir noch klären“, erläutert Schiemer. Mit der Ochsenkopfwiese unweit des Hauptbahnhofs steht jungen Menschen zudem seit ein paar Wochen ein Treff ohne Konsumzwang zur Verfügung. Wie es ist, in Corona-Zeiten den Spagat zwischen Abstandswahrung und einer einigermaßen lockeren Atmosphäre zu wagen, davon kann Jimmy Kneipp selbst ein Liedchen singen. Aus einer gewissen Enttäuschung heraus hatte er sich für das Amt als Nachtbürgermeister beworben.

Über Missverständnis ins Amt

„Im Dezember 2020 hatte ich mit anderen Gastronomen einen Glühwein-Spaziergang veranstaltet“, verrät er. Dieser sei auch von der Polizei überwacht und zur Abendstunde aufgelöst worden. Am nächsten Tag mussten die Wirte in der Polizeimeldung und in den Medien lesen, dass im kleinen „Ortskern von Rohrbach alle Dämme gebrochen“ seien und sich eine dicht gedrängte Menschenmenge gebildet hätte. „Das hätte man anders kommunizieren können. Es gab keine dicht gedrängte Menschenmenge, sondern verstreut leider zu viele Kleinstgruppen“, stellt Kneipp klar. Im Freundeskreis echauffierte er sich über die Darstellung und die Welle der Empörung. Und las kurz darauf die Stellenausschreibung für das Amt des Nachtbürgermeisters.

„Da dachte ich, statt nur zu meckern, kannst du auch selbst handeln“, betont der Gastronom. Und da Kollege Daniel Adler gerade auf seinem Blog über den missverstandenen Glühwein-Tag schrieb, trafen sie den Entschluss, sich als Tandem für das Amt zu bewerben. Um zu vermitteln, um Konflikte zu entschärfen und im Spannungsfeld zwischen Nachtschwärmern, Kneipiers und Anwohnern immer alle Interessen zu sehen und zu verstehen.

Jimmy Kneipp (links) ist einer von zwei Heidelberger Nachtbürgermeistern (neben ihm Mathias Schiemer vom Marketingbüro der Stadt
Jimmy Kneipp (links) ist einer von zwei Heidelberger Nachtbürgermeistern (neben ihm Mathias Schiemer vom Marketingbüro der Stadt).
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