Mannheim
E-Scooter: Willi Fritschi ist der Hüter der Roller
Freitagabend, 22 Uhr. Während andere zu Bett gehen oder vor einem Club anstehen, beginnt für Willi Fritschi erst der Arbeitstag. In seinem Laden in der Ludwigshafener Walzmühle reihen sich Hunderte E-Roller, die mit Strom versorgt werden. Auf einer Stadtkarte an der Wand sind mit kleinen Steckfähnchen die festen Startpunkte markiert. „Hundert dürfen in den Quadraten starten, so wie bei den drei Mitbewerbern“, sagt Fritschi mit Verweis auf die E-Scooter-Konkurrenz von Tier, Lime und Bolt, mit denen er sich das Feld teilt.
Race-Room wird zu Scooter-Ladestation
Inzwischen gibt es knapp 3500 Leih-Scooter in Mannheim und Ludwigshafen. Bird ist mit rund 400 E-Rollern der kleinste Anbieter, Marktführer ist Tier mit mehr als 1000. Durchschnittlich kommt jeder Roller pro Tag fünf bis sechs Mal zum Einsatz, vor allem für kurze Fahrten von zwei bis zu drei Kilometern.
Erst im Oktober übernahm der gebürtige Mannheimer Fritschi die Bird-Flotte. Zuvor führte er zehn Jahre lang einen Computer-Laden für Rennfahr-Simulationen in der Walzmühle. „Aber wer kommt mit Corona-Test und Maske schon zum Autospielen? Es war Zeit für etwas Neues“, erklärt er seinen Wechsel. Also verwandelte Fritschi seinen Race-Room in eine große E-Scooter-Ladestation, tauschte das virtuelle Fahrvergnügen gegen ein echtes ein.
Die Sterne weisen den Weg
„Alle Roller, deren Akku unter 30 Prozent liegt, werden mir angezeigt“, sagt er mit Blick aufs Smartphone – und startet seinen grünen Vito, um die roten Stecknadeln auf seiner digitalen Straßenkarte anzusteuern. Ein Navigationsgerät braucht Fritschi längst nicht mehr. Wie ein Taxifahrer kennt er inzwischen jeden Winkel der beiden Städte, obwohl jede Tour anders verläuft. „Das ist das Spannende, ich fahre nach Bedarf, also dahin, wo die Roller zuletzt abgestellt wurden oder liegengeblieben sind“, erläutert er.
Die meisten Scooter sind in dieser Nacht sauber geparkt und leicht zu finden. Neben Anlehnbügeln am Berliner Platz in Ludwigshafen oder im Mannheimer Lindenhof, manchmal etwas versteckt hinter einem Trafokästchen – oder irgendwo am Ende Mannheims auf dubios wirkenden Parkplätzen, wo Rhein und Neckar zusammenfließen und nur noch die Sterne und Satellitenbilder den Weg zu den Scootern weisen.
Fritschi weiß um Probleme mit Scootern
„Sobald sie das Einzugsgebiet verlassen, fahren sie nur noch Schrittgeschwindigkeit“, sagt Fritschi über manch erfolglosen Fahrversuch unbedarfter Nutzer am Rande der Stadt. Zwischen Waldhof und Schönau gabelt der Herr der Roller gleich zwei Flitzer auf, denen auf halber Strecke der Saft ausgegangen ist. „Die Kunden bekommen die möglichen Kilometer angezeigt, aber manche versuchen es halt trotzdem“, erklärt Fritschi, wie es zu den Stopps mitten in der Pampa kommt. Bleiben die Roller tagelang ungenutzt, landen sie automatisch auf dem Radar des Flottenmanagers, der sich immer wieder neue Startpunkte überlegt.
Tückisch wird es, wenn er beim Fundort ins Leere blickt, die letzte GPS-Ortung nicht mit dem tatsächlichen Standort des Scooters übereinstimmt. Meist wird Fritschi dann im Gebüsch fündig, einmal musste er ein Exemplar auch aus einem Teich fischen. Der oftmals achtlose Umgang mit den E-Scootern, das wilde Parken oder Fahren bei Trunkenheit gefällt ihm natürlich nicht. „Der schlechte Ruf belastet mich, da gibt es auch nichts schönzureden. Meist sind es aber nicht die Kunden, sondern Passanten, die sie umschmeißen oder ins Gebüsch werfen“, bedauert er.
Nächtliches Fahren beruhigend
Mit einem Parkverbot wird mittlerweile versucht, gegenzusteuern. Werden die Leihroller in Flussnähe oder anderen Verbotszonen abgestellt, wird eine Strafgebühr fällig. „Es ist aber nicht so wie in Köln, dass wir die Roller ständig aus dem Wasser ziehen müssen“, sagt Fritschi. Nur einmal sagte sein GPS glasklar, dass ein Scooter im Rhein dahintreiben würde. Tatsächlich aber befand sich der Roller mitten auf der Konrad-Adenauer-Brücke. Da anzuhalten, sei nicht leicht gewesen. „Mannheim wäre abgegrast“, sagt er schließlich, als die Uhr schon 2 Uhr schlägt und kein weiterer Roller mehr auf die Ladefläche seines Vitos passt.
Irgendwie erinnert das Suchen und Einsammeln der Scooter an den Beruf eines Schäfers. Einsam, aber beruhigend. „Ich mag es, nachts die Straße für mich zu haben“, sagt Fritschi. Im Laden angekommen, werden die Scooter aufgeladen, danach sind die zwölf Kilo schweren Flitzer wieder fit für rund 25 Kilometer Wegstrecke. Willi Fritschi aber braucht erstmal ein paar Stunden Schlaf, um seine E-Roller am nächsten Abend aufs Neue wieder einsammeln zu können.