Ludwigshafen Zerrissen zwischen schönen Träumen und brutaler Realität
Seit der Weltwirtschaftskrise 2008 ist die Europabegeisterung in Griechenland Europaskepsis gewichen, um es zurückhaltend zu formulieren. Davon konnten sich die Besucher des Festivals „Nach Athen!“ im Theater im Pfalzbau mit Sophia Marathakis Performance „Hugo: Eine Utopie“ überzeugen. Die Aufführung bot eine Geschichtslektion in Bildern.
Fünf Darsteller der Theatergruppe Atonal aus Athen, zwei Frauen und drei Männer, summen vergnügt die Eurovisionshymne, das „Te Deum“ des Barockkomponisten Marc-Antoine Charpentier. Ob Mann oder Frau, in bürgerlicher Gleichheit tragen alle graue Anzüge und schwarze Krawatten, als wären sie Banker oder Diplomaten. Marathaki geht es in ihrer Performance aber nicht vorrangig um den wirtschaftlichen Absturz Griechenlands, auch nicht um den Grexit, der das mühsam vereinte Europa zu zerreißen drohte. „Hugo: Eine Utopie“ greift tiefer und weit zurück, um an das blutgetränkte Schlachtfeld Europa und an die auf eben diesem kriegerischen Kontinent abgelegten Versprechen einer Zukunft in Frieden und Freiheit, in Gleichheit und Brüderlichkeit zu erinnern. Der utopische Entwurf geht anfangs gründlich bis in die eiszeitliche Vorgeschichte zurück, ruft bald schon mit ironischen Gesten Neandertaler und Homo sapiens auf den Plan, um zu prophezeien: „Die europäische Kultur bewegt sich mit märtyrerischer Gewalt in die Katastrophe“. Eine spanische Wand wird weggezogen, ein gedeckter Tisch erscheint und mit einem Riesensprung geht es zur Französischen Revolution und zu Kaiser Napoleon, zur 48er-Revolution und dem Staatsstreich Napoleons III. Jetzt endlich kommt Victor Hugo, der der Performance den Namen gab, zu Wort. 1849 entwickelte der Verfasser des „Glöckners von Notre-Dame“ die Vision eines vereinten Europas in Frieden und Freiheit. „Hätte die Revolution 1848 Kurs gehalten, wäre Europa ein Volk geworden“, stellt Sophia Marathaki fest. Orgiastisch tanzend, die Faust zu den Klängen der Marseillaise reckend, „Kein Leiden, nur Liebe“ und andere Parolen brüllend, verausgaben sich die Revolutionäre, bis sie erschöpft zu Boden sinken. Die Ernüchterung kehrt ein mit einem grausamen Traum von einem gekreuzigten Pferd aus Curzio Malapartes Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg in dem Roman „Kaputt“. Am Ende schwemmt eine faschistische Sintflut Europa und die Demokratie fort. Ein harmonischer Gesang bricht plötzlich ab, Ende der Vorstellung. Gut, dass die Aufführung auf Griechisch mit Übertiteln gegeben wurde. Nur so kommt der harte Kontrast zwischen melodiöser Sprache und blutrünstigem Inhalt so recht zum Tragen. Die Darsteller bringen eine abstrakte Aussage in kräftige Bilder. Sie führen ein zwischen utopischem Traum und brutaler Realität zerrissenes Europa mitreißend und abwechslungsreich, bald slapstickhaft komisch, bald zu Tode betrübt, vor Augen. Einmal stellen sie die Frage: „Schuf diese Weltmacht ein humanitäres Werk?“ Die Frage lässt sich nur rhetorisch verstehen.