Ludwigshafen Wo sind die utopischen Bilder?
In welcher Zukunft wollen wir leben? Aus unterschiedlichen Perspektiven haben Experten auf einem sogenannten „Zukunfts-Forum“ begleitend zu der Ausstellung „Wie leben?“ im Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum Stellung zu dieser Frage genommen. Prominentester Referent war der Soziologe Harald Welzer, der der Gegenwart insgesamt Utopie-Mangel vorwarf.
Höher und höher schießt das Ersatzbauwerk für die „Tortenschachtel“ auf dem Berliner Platz gen Himmel. Jedenfalls vorerst noch in den Köpfen der Planer. Der Anklang im Namen des „Metropol“ getauften Hochhauses an Fritz Langs bahnbrechenden Film „Metropolis“ aus dem Jahr 1927 ist sicherlich nicht beabsichtigt. Der architektonische Drang in die Höhe hat aber seit Beginn des 20. Jahrhunderts die ganze Welt ergriffen. Für das Stadtbild in „Metropolis“ war eine der Inspirationen die Skyline von Manhattan, wie der Heidelberger Kunsthistoriker Henry Keazor in einem sehr informativen Vortrag über die zahlreichen Einflüsse aus Kunst, Religion und Mythologie auf den Film darlegte. Der ursprünglich vorgesehene deutsche Titel „Neubabelsburg“ mit seiner Anspielung auf den alttestamentarischen Turmbau zu Babel hätte dem Film vielleicht besser angestanden. „New Babylon“ taufte dafür der Maler und Bildhauer Constant eher willkürlich seinen utopischen Stadtentwurf. Denn statt Wolkenkratzern sah er eher ein horizontales Geflecht vor und strebte dabei eine enge Verbindung zwischen Wohnen und Arbeiten an. Der in Ludwigshafen geborene und in Wiesbaden lehrende Städtebauarchitekt Thilo Hilpert stellte die seit den 50er Jahren entwickelte und auf der documenta 11 im Jahr 2002 wiederentdeckte urbane Vision Constants aus dem Stegreif und hemdsärmelig vor. Nebenbei ließ Hilpert kein gutes Haar am heutigen Erscheinungsbild seiner Geburtsstadt. In der Stadtplanung seien „fundamentale Fehler“ gemacht worden. Die Stadt habe früher „einen Haufen Geld“ gehabt, aber „nichts richtig gemacht“. Aus Hilperts pauschaler Kritik ragten zwei konkrete Steine des Anstoßes heraus: Die Hochstraßen hätten das Gesicht der Stadt fundamental verändert, und die Stadt habe „ihr Naturpotenzial“ nicht erschlossen . Eine solch allgemein gehaltene Verdammung mochten die anderen Forums-Teilnehmer so nicht stehen lassen. Ludwigshafen sei nur ein Beispiel von vielen für eine misslungene Stadtplanung in Deutschland, widersprach Museumsleiter René Zechlin. Damit fand er die Zustimmung Annette Beckers vom Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt. Ihr Beitrag zu dem Symposium mit zahlreichen, im Laufe des Nachmittags häufig wechselnden Zuhörern bestand aus einer langen Reihe von Beispielen gemeinschaftlichen Wohnens. Viele Zuhörer zog selbstverständlich der auch aus dem Fernsehen bekannte Soziologe Harald Welzer an. Er warf Politik und Gesellschaft, insbesondere aber der Ökologie-Bewegung, vor, es völlig versäumt zu haben, „den Bildhaushalt einer utopischen Zukunft zu entwerfen“. Einerseits gebe es dystopische Bilder wie den Eisbären auf der Scholle oder abgeholzte Regenwälder, andererseits im Überfluss den Konsumkapitalismus fördernde Reklamebilder. „Völlig entleert“ jedoch sei die Stelle, an der alternative Zukunftsbilder ihren Platz hätten. Heftig kritisierte Welzer Silicon Valley. Die Computerindustrie gebe vor, alle Probleme lösen und die Welt so bewohnbar machen zu können wie nie. Dabei trage sie mit ihrem Energieverbrauch bei zum Zerstörungswerk der Globalisierung. Im Vergleich mit dieser neuen „Angeberindustrie“, wie Welzer die Digitalisierung nannte, erscheine der Kapitalismus alten Schlages sogar geradezu charmant. Doch der Erfolg des Wachstumsmodells unterdrücke Alternativen. Dabei könne sich jeder ausrechnen, betonte Welzer, dass unendliches Wachstum in einem endlichen Lebensraum unmöglich sei.