Mutterstadt Wieder zuhause: Tabakdose der Mutterstadter „Tabakfabriken Ferdinand Dellheim und Söhne“
Eine versiegelte Tabakdose der einstigen Mutterstadter Tabakfabrik Ferdinand Dellheim und Söhne ist als Schenkung an das Ortshistorische Museum zurückgekehrt. Der vorherige Besitzer hatte sich Anfang des Jahres an die Gemeindearchivarin Christina Wolf gewandt, weil er mehr über die Geschichte der Tabakfabrik erfahren wollte. Nachdem er über das Schicksal der Familie Dellheim informiert worden war, entschied er sich, die Dose dem Museum zu überlassen. Mit der Sendung schrieb er: „Nun ist die Dose wieder zuhause.“
Die Dose trägt die Aufschrift „Hochfeiner Maracaibo Canaster ohne Rippen, Ferdinand Dellheim Söhne, Rauchtabak-Fabriken-Mutterstadt“ und ist noch original versiegelt. Vor einigen Jahren war sie auf einem Flohmarkt in Bayern angeboten worden. Die dort auf dem Etikett vermerkte Jahreszahl 1847 hält die Archivarin allerdings für eine spätere Ergänzung, die vermutlich den Wert des Stückes steigern sollte.
Aufschwung durch die Franzosen
Die Geschichte der Dose führt zurück in die große Zeit des Tabaks in Mutterstadt. Nach Angaben von Heinrich Eyselein in seiner Ortschronik von 1967 war das Tabakrauchen bereits seit dem Dreißigjährigen Krieg auch in Mutterstadt eine weit verbreitete Sitte. Kurfürst Karl Ludwig von der Pfalz führte nach seinem Regierungsantritt den Tabakanbau in der Rheinebene ein. Bereits 1719 sah sich das Mutterstadter Dorfgericht veranlasst, gegen das Rauchen in Scheunen und beim Flachsputzen vorzugehen. Im Jahr 1734 werden erstmals Tabakkulturen in Mutterstadt erwähnt.
Einen besonderen Aufschwung erlebte der Tabakanbau Anfang des 19. Jahrhunderts durch Maßnahmen der französischen Regierung. Seitdem spielte er für die Wirtschaft des Dorfes eine wichtige Rolle. Im Jahr 1880 waren nach einem Verzeichnis im Gemeindearchiv 298 Tabakpflanzer in Mutterstadt registriert.
Die älteste Zigarrenfabrik des Orts war das Familienunternehmen Massott, das 1867 gegründet wurde. In den 1910er-Jahren kamen weitere Betriebe hinzu. Den Höhepunkt erreichte die Entwicklung 1919, als 20 Tabakfabrikanten und ihre Betriebe als Neugründungen aufgeführt wurden. Zu ihnen gehörte auch die Tabakfabrik Ferdinand Dellheim und Söhne in der Schulstraße 18.
Rückkehr des Erinnerungsstücks
In den Jahren 1920 bis 1922 arbeiteten dort neun Beschäftigte, überwiegend Frauen. Nach dem Tod von Ferdinand Dellheim im Jahr 1926 kam es zu Erbauseinandersetzungen, die schließlich zur Schließung des Betriebs führten. Seine Witwe Henriette, genannt Jette, zog anschließend mit den Kindern nach Mannheim.
Ferdinands Sohn Emil Dellheim aus erster Ehe mit Sara Reis aus Haßloch hatte 1924 Lilli Berg geheiratet. Das Paar bekam zwei Kinder, Hannelore und Arthur Ferdinand. Emil Dellheim floh 1938 mit seiner Familie in die USA. Dort arbeitete er wieder im Tabakgeschäft für die Amber Tip Cigar Company in Red Lion. Er starb 1955 in Baltimore, seine Frau 1977.
Arthur Ferdinand Dellheim war zehn Jahre alt, als er Deutschland verließ. In den 1970er-Jahren besuchte er erstmals wieder Mutterstadt und traf dort Ruth Külbs, eine geborene Dellheim. Im Jahr 2005 hielt er anlässlich der Gedenkfeier zum 100. Jahrestag der Fertigstellung der 1938 zerstörten Mutterstadter Synagoge im Historischen Rathaus eine vielbeachtete Rede zur Versöhnung.
Mit der Rückkehr der Tabakdose ist nun nicht nur ein seltenes Zeugnis der Mutterstadter Tabakgeschichte, sondern auch ein Erinnerungsstück an die Geschichte der Familie Dellheim wieder in den Ort zurückgekehrt.