Turnen
Wie eine K rähe einen Turner motiviert
Herr Eichhorn, wie sind Sie auf die Krähe gekommen?
Bei unserer letzten Übungsleiterausbildung im Herbst in Edenkoben hat eine Teilnehmerin mich darauf aufmerksam gemacht. Es ging um das Sportabzeichen im Turnen, worauf man achten muss und was man machen kann. Die Teilnehmerin, die Yoga betreibt, hat mir gesagt – ich komme ja vom Turnen –: Du kannst bestimmt die Krähe. Ich wusste von dieser Krähe, weil mein Schwager auch Yogalehrer ist. Bei einem Familienfest haben wir das auch schon mal gemacht. Die einfache Krähe. Da habe ich gesagt, ja klar, die Krähe kann ich und hab gezeigt, wie ich die Krähe mache. Dann hat sie gesagt, ja, da gibt’s aber noch ganz viele deutlich schwierigere Variationen davon. Die kannst Du bestimmt auch. Dann hat sie mir versucht, die seitliche Krähe zu erklären, wie das funktioniert mit den Beinen. Die kannte ich nicht.
Hat die funktioniert?
Wir waren schon am Ende der Zeit. Sie hat nur gesagt, das eine Bein vor, das andere zurück und so ungefähr. Daheim habe ich dann gegoogelt nach Krähen im Yoga und habe dann auch diese seitliche Krähe gefunden. Am nächsten Tag nach der Abschlussbesprechung habe ich gesagt, ich habe gestern Abend noch nach der seitlichen Krähe gesucht, habe danach gegoogelt und wollte die euch mal zeigen. Ich habe daheim vor dem Fernseher geübt. Das war ganz lustig. Die Leute haben das gut gefunden. Dann ging der Lockdown im November wieder los, und wir haben versucht, über unsere Social-Media-Kanäle die Leute zu motivieren. Wir haben Lehrvideos eingestellt. Die wurden ganz gut angenommen, aber längere Videos gucken sich nicht so viele an. Als Weihnachten kam, habe ich mit meiner Kollegin Finja Coerdt, die ist zuständig für die Social-Media-Kanäle bei uns, überlegt, ob es was Kürzeres, Lustigeres gibt, da ist mir die Krähe wieder eingefallen. Zwischendrin habe ich auch mal andere Krähen-Varianten probiert, und als Turner sind mir die nicht schwergefallen. Da habe ich vorgeschlagen, wir könnten so eine Art Challenge machen.
Wie lief das dann ab?
Wir haben verabredet, dass wir im Januar beginnen, in fünf Serien die Challenge zu machen. Wir haben hier beim Sportbund gefilmt und haben das dann online gestellt auf Instagram, Facebook, Youtube.
Wie waren die Reaktionen?
Es ist nicht so, dass uns eine Welle von Krähen getroffen hätte. Wir haben ja versucht, zu animieren, das auch zu machen, und der Ansatz war der, dass man auch ein bisschen Abwechslung braucht, dass so langsam die Ideen ausgehen, was man daheim im Hometraining machen kann. Wir haben auch immer kommuniziert, es darf auch gern unter erleichterten Bedingungen gemacht werden oder eine pfiffige Idee erfunden werden, wie man diese Position auch erreichen könnte. Dass man was unterlegt, dass der Partner oder die Partnerin einem die Beine hält oder wie auch immer. Sie musste nicht perfekt sein, sondern durfte auch lustig sein. Es kamen richtig schöne Ausführungen. Es war nicht die große Masse, aber 40, 50 haben wir bekommen und schöne Kommentare.
Was ist das Besondere an der Krähe?
Die Krähe ist schon ein bisschen anspruchsvoll. Ich fand die Krähen so geeignet, weil sie aus meiner Sicht imposant sind, aber gar nicht so schwer. Die erste Krähe, da bin ich überzeugt, können ganz viele realisieren. Mir ging es um den sportlichen Anreiz und die Herausforderung, darum, die Leute ein bisschen zu kitzeln.
Wie lange haben Sie selbst geübt?
Das hat nicht lang gedauert. Ich bin ja Turner, bin nach wie vor im Training, bin von der Beweglichkeit und von der Kraft her nicht schlecht ausgestattet. Mir ist das nicht schwergefallen.
Ist auch mal was schiefgegangen?
Klar bin ich auch mal umgekippt. Je höher ich das Bein gebracht habe, umso schwieriger wird es dann. Aber das sind wir als Turner gewohnt. Wir machen ja dauernd Handstände in verschiedenen Variationen. Auf den Händen zu stehen, ist für mich kein Problem.
Fällt es einem Sportler wie Ihnen leicht, sich im Lockdown zu motivieren, oder haben Sie da auch Ihre Durchhänger, und wie schaffen Sie es dann, sich zum Training aufzuraffen?
Diese Krähenchallenge war zum Beispiel ein Punkt, der mich auch weiter motiviert hat. Aber Sie haben recht, irgendwann stinkt einem das mit dem vielen Hometraining. Wir haben seit vielen Wochen auch Onlinetraining mit unseren Turnkollegen aus Ramstein vom Turn-Team Sickingen. Wir machen das Stützpunkttraining für den Turngau Sickingen, die Region Rockenhausen bis Waldmohr, seit vielen Wochen freitagsabends online. Da haben wir auch die Krähen gemacht, die vergangenen fünf Wochen zum Abschluss vor unserem Kraftausdauer-Work-out. Insofern hat mir die Krähe geholfen, mich zu motivieren und meine Jungs zu animieren und die Kooperation mit dem Turn-Team Sickingen. Meine beiden Jungs wohnen noch bei mir Zuhause, studieren hier an der Uni Mathematik, schon zwei Semester lang online. Die trainieren jeden Tag.
Und Sie trainieren dann mit?
Ich schaffe das nicht jeden Tag, aber drei-, viermal die Woche trainiere ich auch mit. Wir haben in der Einliegerwohnung ein Pauschenpferd. Das ist das einzige Gerät, das wir jetzt turnen können. Wir haben ja noch fünf andere. Barren, Reck, Ringe, Sprung, Boden, da geht wenig. Da müssen wir uns auch immer was einfallen lassen, um neue Aspekte zu setzen. Da helfen auch so Kleinigkeiten wie eine Krähenchallenge. Am meisten hilft mir dabei aber diese intrinsische Motivation meiner beiden Söhne, vor der ich Riesenrespekt habe. Die machen jeden Tag ihr Training, egal, was ist. Montags Turnen, dienstags Outdoortraining, mittwochs Turnen mit anschließendem Langhanteltraining und den Ringen, die an der Kellertreppe hängen, donnerstags spielen sie Volleyball zu zweit und einer kommt noch dazu. Sie trainieren auch die Hobbyvolleyballgruppe in unserem Verein, machen jetzt online Jugendtraining mit den Volleyballern. Donnerstags trainieren sie vorher noch draußen, und freitags turnen wir wieder im Stützpunkttraining. Wenn es wärmer wird, können wir wieder auf die Wiese, trotzdem lechzen wir danach, dass wir wieder in die Turnhalle können.
Was denken Sie, wo im Sport der Lockdown und die Folgen der Coronakrise am meisten nagen und wo es die langwierigsten Spätfolgen gibt?
Ich mache ja Aus- und Fortbildung im Bereich Sportpraxis. Da haben wir Wege gefunden, trotz des Lockdowns recht viel zu machen. Ich bin aber auch Ehrenamtler im Verein, Sportwart und Trainer. Da läuft nicht viel, und da geht vieles verloren, gerade die Breitensportgruppen. Ich hab noch eine Kinderturngruppe und eine allgemeine Geräteturngruppe, die nur einmal die Woche Training hat und nur ein-, zweimal ein Wettkämpfchen oder eine Turnschau im Jahr. Da habe ich die Befürchtung, dass die eventuell verloren gehen. Da kann ich online nichts anbieten, das schaffe ich zeitlich nicht. Nach dem ersten Lockdown kamen die alle wieder, und jetzt habe ich von den meisten seit Weihnachten nichts mehr gehört. Das ist meine Befürchtung, dass man in so eine Trägheitsschleife reinkommt. Ich spüre das ein bisschen an mir selbst. Wenn meine Jungs nicht wären, dann glaube ich nicht, dass ich dann so viel trainieren würde. Das ist auch das größte Plus des Vereinssports, dass es da ein Zusammengehörigkeitsgefühl gibt, ein Gruppenerlebnis. Ich bin Sportler durch und durch. Mein Leben lang ist Sport eine ganz wichtige Sache für mich, als Aktiver, ich habe Sport studiert, habe lange Wettkämpfe geturnt, auch nicht so schlecht, ich bin Trainer geworden, gehe jetzt noch an Barren, Reck und Ringe dran. Ich mache auch andere Sportarten, habe auch Trainingslizenzen im Tennis und Skilaufen. Sport ist schon mein Leben, aber ich habe ein Alter erreicht, wo den inneren Schweinehund zu überwinden immer ein bisschen schwieriger wird. Wenn man da junge Leute um sich hat, bei denen das nicht so ist, hilft mir das auch, dass ich nicht schlappmache.
Können Sie all denen einen Tipp geben, die es nicht schaffen? Die auf der Couch liegen und gern die Kurve kriegen würden, wieder was zu tun. Wie schaffen sie es, sich zu motivieren?
Sich in den sozialen Netzwerken umschauen, was man für Möglichkeiten hätte, sich sportlich zu betätigen. Da gibt es eine Fülle von Angeboten, auch bei uns, beim Sportbund. Der beste Tipp ist, einen Freund oder eine Freundin zu finden, mit der man zusammen was angeht, damit man sich nicht alleine überwinden muss. Für mich als Turner ist Laufen das Schlimmste. Meine Kinder laufen, die haben mich da mitgezogen. Man sollte einen Sportpartner suchen und dann die Onlineangebote nutzen. Meine Tochter ist auch sportlich, braucht das auch, geht laufen, trainiert eine Volleyballgruppe online und macht Work-out-Training mit Pamela Reif. Es hilft auch, erst mal das zu machen, was man vielleicht früher schon mal länger gemacht hat oder wo man auch eine gewisse Affinität hat. Keinem macht der Sport Spaß, bei dem man nicht gut ist. Was Fundamentales ist, dass man was ordentlich macht und dass man es regelmäßig macht und dass man Spaß hat.
Da sind wir wieder bei den Sportvereinen und dabei, wie wichtig sie sind.
Genau. Ich bin nach wie vor überzeugt, die Sportvereine sind der Zugang, der am wichtigsten ist für die Gesellschaft. Da hat man dieses Miteinander, diese festen Zeiten, das ist einschränkend, aber auch sehr hilfreich. Immer montags abends ist das Training. Das hilft einem, eine Regelmäßigkeit reinzubringen. Und wenn man dann noch Gleichgesinnte trifft, mit denen man sich gut versteht, kann es schöner nicht sein. Deswegen bin ich seit jeher ein Sport- und ein Vereinsmensch.
Wie läuft es an der Krähenfront? Gibt es noch Krähen, die Sie noch nicht geschafft haben?
Es gibt tatsächlich welche, die ich nicht kann, die extrem schwierig sind, nicht von der Kraft, sondern von der Beweglichkeit her. Da gibt es Sachen, wo Extremitäten verknotet sind und man sich noch stützen soll. Das Krähenthema ist aber jetzt für mich abgeschlossen. Ich bin mittlerweile von der Krähe zum Pfau gekommen. Den übe ich jetzt immer zum Abschluss des Trainings. Den kriege ich auch noch hin.
Die Krähen-Challenge