Mannheim
Wie auf der Kneipenmeile von Mallorca: Die Schlagertanten auf der Seebühne
Die Seebühne im Mannheimer Luisenpark wurde von den Ladys auf Stöckelschuhen und im Glitzerdirndl in ihrer ganzen Breite und Länge bespielt. Die ausverkauften Ränge waren von vielen eingefleischten Fans besetzt, das für Samstagabend vorhergesagte Gewitter blieb aus und die Cateringkräfte durften die ganze Vorstellung hindurch ihre Kaltgetränke an den Mann und die Frau bringen. Das waren beste Voraussetzungen für einen tollen Abend.
Céline Bouvier verscheuchte Thorsten Riehle, der das Publikum freudestrahlend informierte, dass bei dem Solidaritätsfestival schon mehr als 2900 Karten verkauft worden sind, energisch von der Bühne. „Jetzt mach’, wir haben nur 90 Minuten“, rief sie aus dem Hintergrund, bevor die erste Cover-Version angestimmt wurde: „I’m so Excited“. Da zeigte sich: Die Pointer Sisters sind nichts gegen die Schlagertanten, die von jedem Gassenhauer eine eigene Interpretation bieten. „Wir haben nur Lieblingslieder auf der Set-List“, verkündete Celine Bouvier. „Let’s Get Loud“ wurde als ostlambukische Nationalhymne angekündigt, und das Lied „Vincent“ sangen die Schlagertanten mit Inbrunst, weil es wegen seiner ersten Strophe im Radio verboten worden war. Aus „Simply the Best“ wurde „Ihr seid de Beschde“.
Wunderbar gehorchte das so gelobte Publikum beim Einüben der Choreographie zu „Corona-La ola“, einem sich steigernden Applaus, der in hochgerissenen Armen gipfelte. „Wir wollen am Montag nicht in der Zeitung lesen: Schlagertanten sind die Superspreader! Neuer Hotspot Seebühne!“, ermahnte Céline Bouvier mit Blick auf die Vorschriften: „Beim Laufen, Gehen oder Stehen will ich deine Maske sehen!“ Vom Tanzen oder Singen war da nicht die Rede … Also intonierten die drei Sängerinnen mit dem Publikum Wolfgang Petrys „Wahnsinn“. Spätestens da fühlten sich alle auf die Kneipenmeile von Mallorca versetzt. Der Ohrwurm wurde nur noch getoppt von „Atemlos“. Die Abstände zwischen den gemeinsam erschienenen Zuschauern wurden trotz der ausgelassenen Stimmung wenigstens eingehalten. Die Karpfen und Schildkröten im Kutzerweiher wurden genauso bei den launigen Moderationen bedacht wie die Libellen und Störche. Ständig im Einsatz waren Schweißtücher und Mini-Ventilatoren.
Die im wahrsten Wortsinn Grande Dame der hiesigen Travestieszene – Markus Beisel überragte seine Mitsängerinnen um Haupteslänge – stichelte gegen Melanie Haag und Francesca Galiano, was das Zeug hielt. Haag hatte sich den Zeh gebrochen und trat barfüßig auf. Sie stieg hin und wieder in einen Minipool mit Wasser und machte den fehlenden Glamour durch umso mehr Stimme wett. „Wie kann man sich an so einem Tag nur den Fuß brechen“, schimpfte Céline Bouvier und klagte, dass die Schlagertanten doch eine ganze Saison nachzuholen hätten: vom Mathaisemarkt bis zur Sandhofener Kerwe, die jetzt eigentlich stattfinden würde.
Bei der Kerwe haben sie im strömenden Regen auch einst zueinandergefunden und bespielen seitdem alle Feste der näheren und weiteren Umgebung. Bis Hamburg und Berlin ist ihr Ruhm schon gedrungen. Ihr Stammsitz aber ist das Rhein-Neckar-Theater, dessen Intendant Markus Beisel ist. „It’s Raining Men“ intonierten die Schlagertanten dann mit Inbrunst als eine der vielen Zugaben. „Ganz schön mutig bei einer Unwetterwarnung“, fanden sie selbst. Als allerallerletzte Zugabe gab es schließlich „I Will Survive“, und die Fans mussten wirklich in die laue Nacht des Luisenparks gehen.