Ludwigshafen Welche Bilder sind im Kopf?
Indische Klangfarbe und westliche Kompositionskunst vermischen sich hier auf fruchtbare Weise. Roots and Shoots heißt die ganz paritätisch mit drei deutschen und drei indischen Musikern besetzte Formation. Im ausverkauften Dome im Ludwigshafener Kulturzentrum Das Haus war das von Sebastian Gramss geleitete Ensemble kurz vor dem Ende seiner vom Goethe-Institut unterstütztem Tour zu Gast.
Die unterschiedlichen kulturellen Wurzeln (Roots) der Musiker ließen im Laufe der Reise durch beide Länder beachtliche Früchte (Shoots) reifen. Der Ludwigshafener Auftritt von war von gegenseitiger Neugier und großem Interesse an der jeweils anderen Kultur geprägt. Klassische indischer Stil verknüpfte sich auf ganz eigene Art mit zeitgenössischer westlicher Musik, vor allem Jazz. „Ich bat Hindol, sich Duke Ellington, Karlheinz Stockhausen und Igor Strawinsky anzuhören“, erinnerte sich Bandleader und Kontrabassist Gramss. Sitar-Spieler Hindol Deb ergänzte: „Ich bekam Sebastian dazu, sich mit Nikhil Banerjee, Ravi Shankar und Bhimsen Joshi zu beschäftigen.“ Auch zwei eigene Kompositionen konnte der aus Delhi stammende Musiker an diesem Abend ansagen. Er studiert in Köln Improvisation an der Musikhochschule. Den überwiegenden Teil der übrigen Stücke dieses Konzerts wie „Karussell“ oder „Kleine Koalition“ hatte Sebastian Gramss eigens für diese Formation komponiert. Beeindruckende Soli und Duette lieferten Flötenspieler Paras Nath und Matthias Muche an der Posaune. Der Ludwigshafener Schlagzeuger und Percussionist Erwin Ditzner trommelte gewohnt kreativ und virtuos und reagierte sensibel auf die Klänge von Tabla-Spieler Amit Mishra. Nicht nur musikalisch war die Begegnung von gegenseitigem Verständnis geprägt, obwohl die beiden Kulturen auf den ersten Blick schwer vereinbar erscheinen. „Die Inder fragen dich oft, welches Bild du bei einem Musikstück im Kopf hast“, erzählte Posaunist Muche von der gemeinsamen Konzertreise. Die Musiker schafften es, sowohl verschiedene Vorstellungen im Kopf als auch unterschiedliche Notationsarten auf dem Papier zu vereinen. Auch die Gewohnheiten der Zuhörer sind in Indien und Deutschland völlig unterschiedlich. Es gibt in Indien Konzerte am frühen Morgen, am Mittag und am Abend, die jeweils eigenen Charakter haben. Das Publikum klassischer indischer Musik ist es gewohnt, bei Konzerten drei Stunden am Stück und länger zuzuhören. Bei ihrer Reise durch Indien im November griffen die Musiker diese Tradition auf und spielten nun auch bei den Konzert in Deutschland im Dezember nicht mehr zwei Sets mit Pause, sondern ungefähr anderthalb Stunden am Stück, um den Fluss nicht zu unterbrechen, wie Gramss erklärte. Allerdings blieben sie bei der westlichen Gewohnheit, überwiegend am Abend aufzutreten. „Die Deutschen sind aufmerksame Zuhörer“, bemerkte Flöten-Spieler Nath, der die menschliche Wärme, die ihn in Deutschland umgibt, sehr schätzt. Mit dem Ludwigshafener Wetter konnte er sich dagegen weniger gut anfreunden. Während die deutschen Musiker im Laufe des Konzerts die Jacken ablegten und ihre T-Shirts durchschwitzten, brauchten die Inder bis zum Ende ihre Schals, an denen die deutschen Musiker gelegentlich freundschaftlich zupften. Solcher Humor, der beim Auftritt immer wieder aufblitzte, und die Sympathie der Musiker füreinander waren auch in der Atmosphäre nach dem Auftritt zu spüren. Indische und deutsche Musiker standen noch eine Stunde nach dem Konzert mit Freunden und Publikum vor dem Haus in der Kälte und unterhielten sich angeregt. Nach dem letzten Auftritt werden sie die Ergebnisse ihrer Arbeit auf einer CD ebenfalls mit Unterstützung des Goethe-Instituts festhalten.