Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Warum die BASF erst jetzt der Zwangsarbeiter gedenkt

Arbeitet die Unternehmensgeschichte auf: die Historikerin Susan Becker.
Arbeitet die Unternehmensgeschichte auf: die Historikerin Susan Becker.

Mit der Verlegung einer „Stolperschwelle“ wird am Dienstag der Zwangsarbeiter in den IG Farben-Werken Ludwigshafen und Oppau gedacht. Während des Kriegs waren dort insgesamt über 30.000 Zwangsarbeiter beschäftigt. Über diese dunkle Kapitel der Unternehmensgeschichte haben wir mit der BASF-Historikerin Susan Becker gesprochen.

Frau Dr. Becker, wie ist bisher das Thema Zwangsarbeit von der BASF aufgearbeitet worden?
Der Beginn war 1990 zum 125-jährigen Firmenjubiläum. Damals hat man erstmals für die Öffentlichkeit sichtbar das Thema aufgegriffen. Es gab eine Jubiläumsausstellung, die im Rathaus-Center gezeigt wurde, wo dieser Aspekt der Unternehmensgeschichte thematisiert wurde. Dann wurde 2002 die wissenschaftlich aufgearbeitete Unternehmensgeschichte der BASF als Buch neu veröffentlicht, darin wurde auch die Zeit des Nationalsozialismus aufgearbeitet. Zum Firmenjubiläum 2015 gab es im Stadtmuseum auch eine Sonderausstellung zum IG Farben-Werk in Auschwitz und dem dortigen Lager Buna-Monowitz, die wir im letzten Jahr im Besucherzentrum aufgebaut hatten, wegen Corona aber nicht wie geplant zeigen konnten.

Es hat bis in die 1990er-Jahre gedauert, bis sich die deutsche Industrie mit dem Kapitel Zwangsarbeit und Entschädigungen auseinandergesetzt hat. Warum war das so lange ein Tabu-Thema?
Ich würde sagen, die Industrie ist da auch letztlich ein Spiegelbild der Gesellschaft. Das Thema ist durch Sammelklagen von Opferanwälten in das breitere Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt worden. Das hat die Unternehmung zu einer Reaktion herausgefordert.

Die Bundesregierung stand lange auf dem Standpunkt, dass erst nach einer Wiedervereinigung und einem Friedensvertrag über das Thema Entschädigungen gesprochen werden könne. Vorher hat die BASF auch nicht reagiert, oder?
Nein. Aber man muss dabei berücksichtigen, dass die BASF juristisch gesehen nicht der Rechtsnachfolger der IG Farben ist. Es gab die IG Farben in Liquidation als Rechtsnachfolger, um sich mit Schadensersatzforderungen von Zwangsarbeitern auseinanderzusetzen.

Blicken wir zurück auf die Unternehmensgeschichte im Zweiten Weltkrieg. Durch die Einberufung der Männer fehlte es an Arbeitskräften auch im IG Farben-Werk Ludwigshafen. Also mussten Ausländer die Arbeit machen. Der Höhepunkt war 1943 erreicht, als ein Drittel der Belegschaft aus Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen bestand.
Es waren während des Kriegs insgesamt über 30.000 Zwangsarbeiter – darunter etwa 7000 Kriegsgefangene – im Werk Ludwigshafen und Oppau beschäftigt. Die ersten kamen 1940.

Wie muss man sich das konkret vorstellen: Was hat ein Zwangsarbeiter im Werk erlebt, wie wurden diese Leute behandelt?
Das lässt sich pauschal nicht sagen. Es gab grob gesagt drei Kategorien: Die Kriegsgefangenen, ausländische Zivilarbeiter aus westlichen Ländern und dem Osten sowie KZ-Häftlinge – letztere kamen aber in Ludwigshafen nicht zum Einsatz. Die westlichen Zivilarbeiter, zum Beispiel aus Italien, wurden annähernd gleich entlohnt wie die deutschen Arbeiter. Sie hatten es besser als die polnischen Arbeiter oder die sogenannten Ostarbeiter aus der Sowjetunion, die weniger Lohn und schlechtere Verpflegung erhielten. Die Ostarbeiter standen entsprechend der NS-Ideologie ganz unten in der Hierarchie. Sie durften beispielsweise auch die Lager in ihrer Freizeit nicht verlassen – zumindest bis Ende 1942.

Wie viele Lager gab es im Werk?
Zwischen den beiden damals noch räumlich getrennten Werken Ludwigshafen und Oppau befanden sich sieben Lager. Sie waren teilweise eingezäunt und wurden vom Werkschutz bewacht, im Fall des Kriegsgefangenenlagers auch von Wehrmachtsangehörigen. Ostarbeiter durften die Lager im Gegensatz zu anderen Insassen nur in bewachten Gruppen verlassen. Andere, wie Italiener und Franzosen, wurden wesentlich besser behandelt. Zu Beginn gab es auch ausländische Zivilbeschäftigte, die aus Italien, den Niederlanden oder der Slowakei durchaus freiwillig kamen. Es gab vielfältige Anwerbemaßnahmen von deutschen Arbeitsämtern. Mit den ersten Kriegsgefangenen aus Belgien fing im Sommer 1940 die Zwangsarbeit an. Ab Mai 1942 gab es diverse Verordnungen, die es den ausländischen Arbeitskräften untersagten, das Arbeitsverhältnis zu beenden. Sie mussten hierbleiben und weiterarbeiten. Was ursprünglich freiwillig angefangen hatte, wurde dann letztlich auch zur Zwangsarbeit.

In der Stadt wurde es den Zwangsarbeitern oft untersagt, bei Luftangriffen die Bunker zu betreten. Wie war das im Werk?
Ein grundsätzliches Verbot galt im Werk nicht. Während der Arbeitszeit durften ausländische Arbeitskräfte in die Bunker rein. In Einzelfällen wurde trotzdem auch mal der Zugang verwehrt – das hing auch vom Bunkerwart ab. Die besser geschützten Luftschutzräume waren auch den Deutschen vorbehalten. Ganz anders sah es außerhalb der Arbeitszeit aus. Nachts mussten die Ausländer in den Lagern bleiben, die keine Luftschutzräume, sondern nur Splittergräben hatten. Bei Luftangriffen waren sie so gut wie gar nicht geschützt. Deswegen gibt es auch mehr Todesopfer unter den Ausländern als bei der anderen Belegschaft.

Gibt es da Zahlen über Tote im Werk?
Es ist ganz schwierig, etwas Verlässliches zu sagen. Wir wissen, es gab unter den Zwangsarbeitern über 300 Tote durch den Luftkrieg. Wer aber fragt, wie viele Menschen Opfer der Arbeits- und Lebensbedingungen im Werk geworden sind, dann können wir das nicht genau sagen.

Wie sah der Arbeitstag eines Zwangsarbeiters aus? Wie viele Stunden musste er arbeiten?
Grundsätzlich nicht viel anders als bei den deutschen Beschäftigten. Das hatte organisatorische Gründe. Die Anlagen liefen gleichgetaktet. Es hätte keinen Sinn ergeben, unterschiedliche Schichtpläne aufzustellen. Die Arbeitszeit lag bei zehn Stunden und mehr. Und die Ausländer mussten zusätzlich noch in die Lager marschieren. Außerdem wurden sie – ganz besonders die Ostarbeiter – hauptsächlich für Schwer- und Schwerstarbeiten eingesetzt.

Wie ist den Quellenlage zu den Zwangsarbeitern?
Eher schlecht. Es gibt Zahlen, Statistiken – die sind vorhanden und geben einen Überblick, wie viele Zwangsarbeiter es gab. Was den Arbeitsalltag, die Diskriminierung und die Behandlung der Arbeiter betrifft, ist das bei uns nur spärlich dokumentiert. Zu den Menschen hinter den Zahlen findet sich weniger Material.

Was ist bei Kriegsende aus den Zwangsarbeitern im Werk geworden?
Diese bedauernswerten Menschen wurden wieder in Lager zusammengepfercht. Die Alliierten bezeichnet sie als „Displaced Persons“, also Zivilisten, die sich kriegsbedingt außerhalb ihres Heimatstaats aufhielten. Besonders tragisch ist, dass insbesondere Arbeiter aus der Sowjetunion bei ihrer Rückkehr in der Regel erneut zu Zwangsarbeit verurteilt wurden, weil man ihnen unterstellte, sie hätten freiwillig für die Deutschen gearbeitet und mit dem Feind kollaboriert.

Nach dem Krieg wurden 1947/48 leitende Angestellte der IG Farben von den Alliierten vor Gericht gestellt. Wie hat das zu Aufarbeitung beigetragen?
Ich würde sagen: gar nicht. Man muss das im zeitgenössischem Zusammenhang sehen. Der ehemalige Ludwigshafener Betriebsleiter Carl Wurster wurde freigesprochen. Er wurde 1952 bei der Wiedergründung der BASF Vorstandsvorsitzender. Für ihn und seine mitangeklagten Kollegen bei IG Farben waren die Freisprüche auch eine Art Absolution. Einer der Anklagepunkte bezog sich ja auf die Zwangsarbeit. Warum hätten sich diese Manager als Verbrecher sehen sollen und an einer weiteren Aufarbeitung Interesse zeigen sollen? Der IG-Farben-Prozess hatte auch eine Signalwirkung für die junge Bundesrepublik. Die Gesellschaft hatte kein Interesse daran, sich mit dem Thema NS-Zeit auseinanderzusetzen.

Würden Sie die Urteile im IG Farben-Prozess aus heutiger Sicht als gerecht bezeichnen?
Die Forschung sagt: Das Beweismaterial war eigentlich erdrückend. Trotzdem sind die Urteile relativ mild ausgefallen. Da kommt der „Kalte Krieg“ ins Spiel. Die Urteilsverkündung fiel in den Zeitraum der Berliner Blockade, als die Sowjetunion West-Berlin blockierte. Die West-Alliierten hatte kein großes Interesse mehr daran, die Deutschen auf die Anklagebank zu setzen und zu verurteilen. Es ging nun vielmehr darum, Westdeutschland als Verbündeten zu gewinnen.

Es hat bis 2001 gedauert, bis Entschädigungen an die Zwangsarbeiter flossen. Die deutsche Industrie zahlte fünf Milliarden Mark in eine Stiftung, die das übernahm. Wie hoch war der Beitrag der BASF?
Zirka 70 Millionen Euro wurden von der BASF eingezahlt.

2007 wurden die Zahlungen eingestellt. Damit war das Thema dann abhakt?
Für die deutsche Industrie schon. Durch die Zahlung in den Fonds sollte eine dauerhafte Rechtssicherheit entstehen – das war eine der Voraussetzungen.

Jetzt wird 76 Jahre nach Kriegsende eine Stolperschwelle vor dem Besucherzentrum verlegt, die an die Zwangsarbeiter im Werk Ludwigshafen erinnert. Das ist eine lange Zeit.
Ja. Man muss dabei aber berücksichtigen, dass sich ein Unternehmen wie eine Gesellschaft verändert. Die BASF hat auch den Umgang mit der eigenen Geschichte verändert. Der erste Schritt war, das Unternehmensarchiv für die wissenschaftliche Forschung zu öffnen. Publikationen und Beiträge in Büchern folgten. Die Bereitschaft hat zugenommen, sich in Bereiche zu wagen, die man früher nicht gewählt hätte.

Die Gedenkaktion dreht sich um Zwangsarbeit im Werk Ludwigshafen, warum wurde dabei das IG-Werk Auschwitz-Monowitz ausgeklammert, in dem 30.000 KZ-Häftlinge getötet wurden?
Das hat mit der Gedenkform der Stolpersteine zu tun. Sie erinnern an den letzten Wohnort der Deportierten. Das ist ein ganz starker lokaler Bezug. Und das gilt auch für die Stolperschwelle, die im Gedenken an die Zwangsarbeiter hier am Standort Ludwigshafen eingesetzt waren. Das heißt nicht, dass wir die KZ-Häftlinge ausblenden. Wir verlegen diese Stolperschwelle direkt vor dem Eingang zum Besucherzentrum. Wer zu uns kommt, soll darauf aufmerksam werden. Wir werden auch eine Informationstafel dazu aufstellen.

Wie kam es zu der Idee der Stolperschwelle?
Wir haben im vergangenen Jahr bei der überarbeiteten Ausstellung zu Buna-Monowitz gemerkt, dass es im Unternehmen eine sehr große Bereitschaft gibt, Haltung zu diesem Thema zu beziehen – und auch gegen Rassismus und Diskriminierung. Das hat den Anstoß gegeben, Kontakt mit dem Verein „Ludwigshafen setzt Stolpersteine“ aufzunehmen.

Ist das Thema Zwangsarbeit ausreichend historisch aufgearbeitet – oder kommt da noch was?
Es gibt immer wieder Punkte, bei denen man sich mehr Informationen wünschen würde. Um mehr herauszubekommen, müsste jemand ein ganz intensives Quellenstudium betreiben. Das ist auch ein Appell an die Forschung, sich dieser Mühe zu unterziehen. Das Thema ist nie zu Ende. Der Blickwinkel ändert sich immer wieder.

 

Zur Person

Dr. Susan Becker (53) hat Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte studiert, arbeitet seit 2000 für die BASF als Unternehmenshistorikerin.

Auch viele Frauen wurden zur Arbeit nach Ludwigshafen verschleppt.
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Im Krieg bestand ein Drittel der Belegschaft in der BASF aus Zwangsarbeitern.
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Eines der sieben IG-Lager, die Aufnahme entstand 1941.
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Der Chemiekonzern zeigt Flagge: das Hauptverwaltungsgebäude 1938.
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