Mannheim
Wagner und die Magie des Kopfkinos: Neujahrskonzert des Nationaltheater-Orchesters
Mit Mannheim verbindet Gastdirigent Axel Kober mehr als nur ein paar schöne Erinnerungen auf der Durchreise zu den ganz großen Opernhäusern Europas. Vom Mannheimer Nationaltheater aus startete Axel Kober nach fünfjährigem Engagement als Generalmusikdirektor 2007 seine Karriere an die Pulte in Leipzig, Dortmund, Berlin, Bayreuth, Wien, Venedig und weiter. Etablierte sich nicht zuletzt als Interpret gerade der Werke von Richard Wagner und Richard Strauß auf internationalem Parkett. Und mit eben diesen beiden Leuchttürmen des spätromantischen Musiktheaters hatte er sich gewünscht, beim Neujahrskonzert des Nationaltheater-Orchesters als Gast am Pult ins Konzertjahr 2026 hineinzumusizieren.
Ein Programm war es, das sich statt der zu Jahreswechsel-Konzerten gängigen kleinteiligen Werkfolge auf zwei komplexe, in sich geschlossene und kontrastierende Kompositionen kaprizierte. Dem Ersten Akt von Wagners „Walküre“, der zweiten Oper der „Ring-des-Nibelungen“-Tetralogie gesellten sich dem bestens disponierten Nationaltheater-Orchester zudem mit Astrid Kessler, Sopran (Sieglinde), Jonathan Stoughton, Tenor (Siegmund), und Sung Ha, Bass (Hunding) fantastische Solisten – zwei davon Mitglieder des Nationaltheaters – hinzu, die in Wagner-Partien an bedeutenden Bühnen reüssiert haben.
Balance-Akt zwischen Drama und Klangrausch
Nun sind konzertante Wiedergaben, zumal solch dramatischer, mit psychologischem Tiefgang angereicherter Szenerie, immer auch etwas problematisch. Die Protagonisten üben den Spagat zwischen reiner musikalischer Darstellung und doch etwas situativer Mimik und Gestik, ein Balance-Akt, der den Protagonisten des Abends bestens glückte. Letztendlich schafft es dann doch meist die Musik, das Fehlen des schönen Bühnenscheins vergessen zu machen.
Im Opal war man eingeladen, die Augen zu schließen, sich dem Kopfkino anzuvertrauen, sich dem Fest der Stimmen hinzugeben: dem kraftvollen, dennoch mit betörendem Schmelz und funkelnden Höhen aufwartenden Sopran von Astrid Kessler; den mühelosen tenoralen Aufschwüngen und dem alabasterpolierten Gestaltungsprofil des Briten Jonathan Stoughton und nicht zuletzt dem markanten, unüberhörbar an Wagner geschulten Bassbariton des Koreaners Sung Ha mit seiner klaren Diktion und brillanten Textartikulation.
Dass zwischen Orchester und dem Mann am Pult, Axel Kober, die Chemie stimmte, spürte man vom ersten furiosen Auftakt an. Das mündete in ein symbiotisches Musizieren, wie es keineswegs alltäglich ist zwischen Ensembles und Gastdirigenten. Dies tat wohl und zeitigte ein konzentriertes und hellwaches Reagieren auf Kobers differenzierte klangliche Vorstellungen. Sein Wagner beharrt nicht auf vordergründigen Affekt, sondern bebildert die Aktion der Charaktere mit einem weiten Spektrum pastoser Schattierungen. Er beschränkt die klangliche Überwältigung auf wenige große, überbordende Momente – die zu hinreißender Wirkung emporwachsen. Und ohne den Einsatz der Gesamtheit zu schmälern – es war die Stunde der Celli und Kontrabässe, denen Wagner zum Auftakt für sein delikates Inzest-Drama viele Sologänge gewährt und die hinreißend agierten.
Explodierender Lachsack
Mit der Orchester-Suite zum „Rosenkavalier“ von Richard Strauss ging es nach der Pause im beschwingten Wiener-Walzer-Duktus weiter. Und auch wenn das komödiantische Konvolut der Oper von 2011 im Schnelldurchlauf vorüberrauscht, glaubt man doch, die espritgeladenen Dialoge, das ironische Geplänkel auch im nonverbalen Debakel der instrumentalen „Kontrahenten“ zu vernehmen.
Axel Kober lenkte strukturiert, dabei tempofreudig, zuweilen ausgelassen durch die Partitur, steuerte die Strauss’schen Überraschungsmomente präzise, ließ dem Klang viel Raum, sich schmelzend und schmachtend zu entfalten und kitzelte Momente unbeschreiblich schöner, pastoser Sinnlichkeit heraus. Dann wieder explodierte der Lachsack geradezu, schwang sich die Walzer-Seligkeit in einen Klangrausch von himmelstürmender Energie. Und stets blieb dieser Hauch von Wiener Schmäh und zauberhaft getupfter Ironie. Daraus erwuchs große Orchesterkunst, im märchenhaft schimmernden Tutti-Klang wie in den brillant vorgetragenen Solo-Passagen.
Was hat der Kinderchor damit zu tun?
Der Richard-Wagner-Verband Mannheim-Kurpfalz bedachte Axel Kober im Anschluss mit der Ehrenmitgliedschaft, auch mit Blick auf seine Verdienste um den künstlerischen Nachwuchs. Denn seiner Initiative verdankt sich die Gründung des Kinderchors am Nationaltheater. Der hatte mit der Zugabe – der Schlussszene aus Engelbert Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“ einen märchenhaften Auftritt. Großer hochverdienter Beifall in einem Opernhaus, das bis auf letzte Plätze gefüllt war.