Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Von null auf hundert: Mundstuhl im Capitol

Nicht so schlecht gealtert: Ande Werner (links) und Lars Niedereichholz, die seit 1997 als Mundstuhl unterwegs sind.
Nicht so schlecht gealtert: Ande Werner (links) und Lars Niedereichholz, die seit 1997 als Mundstuhl unterwegs sind.

Exakt 666 Besucher sind gekommen, um Mundstuhl zu sehen. „The Number of the Beast“ – und die beiden geraten sich gleich über die Frage „Kiss oder AC/DC?“ in die Haare.

„Die geilste Rockmusik gab’s ja wohl in den 70er- und 80er-Jahren“, sind sich die beiden Hessen noch einig. „Du musstest dich damals entscheiden, entweder warst du Kiss- oder AC/DC-Fan“, sehen sie nur zwei Möglichkeiten, über die sie von null auf hundert in Rage geraten. „Kiss war ja wohl tausendmal geiler als AC/DC“, findet Lars Niedereichholz, der die australischen Hard-Rocker („Highway to Hell“) auch gleich noch als „Koalabär-Fresser“ und „Wombat-Ficker“ beschimpft. Kiss („I Was Made for Lovin’ You“) sei eine „Karnevals-Kapelle“, hält Ande Werner entschieden dagegen: „Vier Jungs, die rumgelaufen sind wie so Transen.“ Ob es cooler ist, wie Kiss mit auffällig überschminkten Gesichtern und Plateaustiefeln oder wie AC/DC-Gitarrist Angus Young ewig in Schuluniform aufzutreten, und geiler, verächtlich auf die Bühne zu rotzen oder gleich Blut zu spucken, diskutieren sie laut und emotional ohne echte Chance auf Versöhnung. Bis sie, Jahrgang 1968 und 1969, sich unversehens über Altersbeschwerden austauschen.

Der Ton und das Tempo – laut und hoch – der neuen Mundstuhl-Show „Wir kommen!“ ist damit von Minute eins an gesetzt und wird bis zum Ende ohne Pause durchgezogen. In Variationen, die für viel Abwechslung sorgen, und Dialogen, die nach wie vor unvorhersehbar verlaufen. Andreas „Ande“ Werner und Lars Niedereichholz, die sich 1997 zum Comedy-Duo vereinten, schlüpfen dazu wie eh und je in verschiedene grelle, oft betont männliche Rollen.

Was Alder und Dragan heute machen

Die von Dragan und Alder zuvorderst, mit denen sie einst in Frankfurt ihre Comedy-Karriere begannen. Zwei unterbelichtete Typen mit offenbar türkischem Migrationshintergrund, die den einschlägigen Szenejargon gebrauchen, den damals Mundstuhl erst richtig populär gemacht haben. Während Alder (Niedereichholz) jetzt eine „Auszubildung zum Elektriker“ macht, betreibt Dragan inzwischen eine Shisha-Bar und schwärmt kennerisch von einer unwahrscheinlichen Kampfhund-Kreuzung aus Pitbull und Chihuahua: „Der macht keine große Wunde, aber viele kleine.“

Dass die Komiker längst älter sind als die unbedarften Figuren, die sie verkörpern, stört dabei wenig. Sie wirken erstaunlich junggeblieben und frisch, auch wenn ihr Humorverständnis nicht mehr ganz up to date ist. Vielleicht macht gerade das ihren Reiz aus, dass sie eine leuchtende Farbe mitbringen, die man inzwischen vermisst. Ihre unbändige Freude daran, vermeintliche Tabus gezielt zu beschießen, nur um zu sehen, was sie eigentlich taugen.

Weil es Spaß macht, Spaß zu machen

In Kleidern sind sie die schwer sächselnden „Ossi-Assi-Tussies“ Peggy und Sandy, 23 und 24 Jahre jung, bereits zweifache Großmutter die eine, zweimal geschieden die andere, die just vor ihrer dritten Ehe – mit einem Rechtsradikalen – steht. Die Sonnenblumenkulisse im Bühnenhintergrund passt im Grunde alleine zu Torben und Malte, dem friedensbewegten, schwer alternativen und vor allem völlig drucklosen musikalischen Duo No Pressure, das wohlmeinend, aber lasch, naiv und unbeholfen die Tierrettung und mit Westernhagen („Freiheit“) die ideale Form der Nutztierhaltung besingt: „Freilandhaltung ist das Einzige, was zählt!“

Dabei zelebrieren Niedereichholz und Werner neben den Rollen, die sie einnehmen, immer auch das Spiel, das sie treiben. Das Inkorrekte ebenso wie das Unperfekte, wenn sie Texthänger haben oder selbst ins Lachen kommen. In unzulänglichen Kostümen oder unter schlecht sitzenden Perücken sind die beiden eben sichtlich nicht Dragan und Alder, Peggy und Sandy oder Torben und Malte, sondern schlicht zwei nicht so schlecht gealterte Frankfurter Jungs, denen es ersichtlich Spaß macht, Spaß zu machen, zu provozieren und die Rollen, zu denen sie immer eine gewisse Distanz wahren, zu spielen.

Viele Grüße nach LU

„Mundstuhl – Unbeatable Tigers“, unschlagbare Tiger, steht auf Niedereichholz’ T-Shirt, das das Duo auch in seinem kleinen Shop anbietet. Das Bild des Tieres und die Aufschrift vermöge potenzielle Angreifer wirksam abzuschrecken, verspricht der Comedian: „Mit dem Ding kannst du sogar durch Ludwigshafen laufen!“

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