Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Vom Sorgenkind zur Vorzeigesiedlung: 90 Jahre Niederfeld

Immer derselbe Haustyp: In der Schreberstraße (hier im Jahr 1934) entstanden die ersten Gebäude.
Immer derselbe Haustyp: In der Schreberstraße (hier im Jahr 1934) entstanden die ersten Gebäude.

Seit 90 Jahren gibt es den Ortsteil Niederfeld in der Gartenstadt. Das haben Mitglieder der Siedlergemeinschaft am Montag gefeiert. Genau am 4. April 1932 wurde der erste Spatenstich gesetzt. Wie sich Niederfeld vom Sorgenkind zur Vorzeigesiedlung entwickelte.

„Der Zusammenhalt unter den Bewohnern hier ist immer noch sehr gut“, sagte Josef Waldmann, Vereinsvorsitzender der Siedlergemeinschaft. Dies komme jährlich bei drei großen Veranstaltungen zum Ausdruck: dem Sommertagszug, der gerade am vergangenen Sonntag wieder mit vielen Teilnehmern stattgefunden habe, dem Siedlerfest im August und dem Weihnachtsbasar. „Hier kennt man sich und hilft sich, wir haben kurze Wege und sind gut vernetzt“, fügte sein Stellvertreter Markus Lemberger hinzu.

Der Bau der Niederfeldsiedlung fiel nicht zufällig in die Zeit der Weltwirtschaftskrise. „Im ganzen Deutschen Reich und besonders in Ludwigshafen herrschte große Arbeitslosigkeit und dramatische Wohnungsnot. Mit preiswertem Wohnungsbau über Genossenschaften wollte man das Problem beheben“, erläuterte Heinz Trasch, der für sein 2016 veröffentlichtes Buch „100 Jahre Gartenstadt“ die historische Entwicklung recherchiert hat. Nach Inflation und Weltwirtschaftskrise habe es 1932 in der Industriestadt Ludwigshafen bei 110.000 Einwohnern rund 11.000 Arbeitslose gegeben. Nicht wenige hätten aus Geldmangel ihre Wohnung verloren und am Stadtrand wild gesiedelt und „Bretterburgen“ und „Wohnlauben“ gebaut.

Ehemaliger Exerzierplatz

Da diese Zustände überall im Land auftraten, habe die damalige Reichsregierung Brüning mit einer Notverordnung reagiert. Durch die Bereitstellung von Land und finanzieller Förderung sollten in preiswerter, genossenschaftlicher Bauweise einfache Eigenheime für Arbeitslose und kinderreiche Familien entstehen.

Als Baugelände der sogenannten Randsiedlung wurde der seit 1930 brachliegende ehemalige Exerzierplatz der Franzosen nördlich des Hochfelds festgelegt. Der Start für die zunächst geplanten 260 Häuser erfolgte in der Schreberstraße. „Es wurden immer Doppelhäuser gebaut. Die meisten Grundstücke waren 15 Meter breit und 40 Meter lang. Für das Baumaterial gab es ein günstiges Darlehen von der Stadt. Gebaut wurde in Gruppen von 10 bis 15 Siedlern und wenigen Baufachleuten“, erläuterte Trasch.

Gebaut wurde immer derselbe Haustyp mit anderthalb Stockwerken und 35 bis 50 Quadratmetern Wohnfläche, je nach Kinderzahl. Ohne Bad und Toilette, aber mit Stallungen, einer Jauchegrube und einem großen Garten zur Selbstversorgung. „Im April ging der Bau los, schon im Dezember sind die ersten 38 Wohnungen bezogen worden“, erzählte Lemberger und berichtete, dass sein Großvater hier zu den ersten Siedlern gehört hat. Insgesamt sind rund 330 Häuser entstanden, schätzt Trasch, der ebenfalls in einem Siedlungshaus wohnt.

Bauvorschriften sorgen dafür, dass das Aussehen der Häuser von der Straßenseite her nicht verändert werden darf. Zur Rückseite hin haben nachfolgende Generationen der ersten Siedler oft allerdings umfangreiche Anbauten vorgenommen. So sind im Laufe der Jahre Mehrfamilienhäuser mit parkähnlichen Gärten entstanden – und aus der einstigen Arme-Leute-Siedlung Niederfeld ist inzwischen ein attraktives Wohnquartier geworden.

Zur Sache: Selbstversorgung im Garten

chon 1909 hatte sich in Ludwigshafen eine Gartenstadt-Genossenschaft zur Abhilfe der Wohnungsnot gegründet und Unterstützung von der Stadtverwaltung durch die Vergabe von Grundstücken bekommen. Ab 1914 begann im Hochfeld der Bau von einfachen Häusern. Als wichtiger Teil des Gartenstadt-Gedankens gehörte dazu ein größeres Grundstück, auf dem die Bewohner sich mit Obst und Gemüse sowie der Haltung von Hühnern, Hasen und Schweinen selbst versorgen konnten. Im Niederfeld gab es jedoch ein Problem: Das Niveau des ehemaligen Schwemmlands des Rheins liegt drei bis vier Meter tiefer als das Hochfeld als Hochufer einer alten Rheinschlinge. Durch das hochstehende Grundwasser waren die Keller der Häuser feucht. Erst nach dem Bau des Pumpwerks Maudach in den 1960er-Jahren und der Absenkung des Grundwassers war dies vorbei.

Im Dritten Reich wurde das gemeinschaftliche Bauprojekt von den Nationalsozialisten propagandistisch ausgebeutet, das Gebiet wurde 1934 in „Adolf-Hitler-Siedlung“ umbenannt. 1945 erhielt die Niederfeldsiedlung ihren heutigen Namen. Erst in der Nachkriegszeit wurden dort Schulen und Kirchen gebaut, 1966 wurde die Kanalisation vollendet. Heute leben hier rund 4000 Menschen.

Arbeiten auf dem eigenen Grundstück: ein weiterer Blick in die Schreberstraße.
Arbeiten auf dem eigenen Grundstück: ein weiterer Blick in die Schreberstraße.
Josef Waldmann (links) und Heinz Trasch am Denkmal der Siedlerfamilie.
Josef Waldmann (links) und Heinz Trasch am Denkmal der Siedlerfamilie.
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