MANNHEIM RHEINPFALZ Plus Artikel Spraydose statt Tätowiernadel: Der Graffiti-Künstler Rick Riojas

Als Jugendlicher war Rick Riojas leidenschaftlicher Sprayer. Dass er es noch kann, beweisen seine vier neuen Kunstwerke auf der
Als Jugendlicher war Rick Riojas leidenschaftlicher Sprayer. Dass er es noch kann, beweisen seine vier neuen Kunstwerke auf der Schönau.

Normalerweise geht die Kunst von Rick Riojas unter die Haut. Die nackte. Seit 1999 betreibt er ein Tattoo-Studio in Mannheim. Seine Wurzeln aber liegen im Graffiti. Dank des Projekts „Kunst auf Zeit“ konnte er in seine Jugend und zurück zu seinen künstlerischen Ursprüngen reisen.

Es ist kaum von der Hand zu weisen. Die kalligraphischen Schwingungen, der verschnörkelte Schriftzug, das flammende „F“, das wie ein frisch geschmiedetes Schwert erstrahlt. Das Mural kann man als in die Wand eingraviertes Tattoo interpretieren. Das „F“ ist nur der Anfang. „Familie ist alles“ ist in großen Lettern auf einer Hausfassade in Mannheim-Schönau zu lesen. Daneben ein Mädchen, das etwas traurig aus dem Fenster blickt. Auf der anderen Seite eine junge Hand, die zärtlich nach alten, faltigen Fingern greift und von einem gemeinsamen Abendspaziergang träumt. Die Botschaft ist klar und für alle Betrachter nochmal ins Monnemerische übersetzt: „Dahäm bleiwe!“, steht in kleiner Schrift unter dem Graffiti in der Lilienthalstraße.Das Mural mit seinem feinen Mix aus angedeuteter Schwarz-weiß-Radierung und Tattoo-Elementen ist eines von vier Wandgemälden, die nun die kleine Plattenbausiedlung im Stadtteil zieren. Ein paar Häuser daneben strahlt ein eng aneinandergeschmiegtes Löwenpaar Stärke, Liebe, Rückhalt und Geborgenheit aus. „Ich wollte in diesen Zeiten ein positives Signal setzen, in einer ganz einfachen, klaren Sprache“, verrät Riojas.

Vier Werke für den Stadtteil Schönau

Die Lust, wieder mal zur Spraydose statt zur Tattoo-Nadel zu greifen, kam schon lange vor dem Virus. Bereits vor einem Jahr trat Riojas mit seinem Vorhaben an die Stadtverwaltung heran. Eher durch Zufall kam dann der Kontakt mit dem Jugendhaus Schönau und der Mannheimer Wohnungsbaugesellschaft GBG zustande. Und mit dem Corona-bedingten Lockdown ging plötzlich alles ganz schnell. „Das Ziel ist eine stärkere Identifikation mit dem Stadtteil. Durch die Motive sollen der Rückhalt in der Familie und das Zusammenleben in der Nachbarschaft gestärkt werden“, erläutert Nadine Schantz, die Leiterin des Jugendhauses.

Fast 20 Jahre Pause

Etwas surrealer und abstrakter geht Riojas in seinem dritten Mural vor: Ein Jugendlicher sitzt mit Kopfhörer auf einem Felsvorsprung und blickt auf eine New Yorker U-Bahn, die sich durch eine Gebirgslandschaft schlängelt. Tattoo und Graffiti: Das sind für den Künstler zwei völlig verschiedene Kunstformen, die sich aber auf der Skizze, beim Vorzeichnen berühren. Minutiös und haarfein arbeitet der 52-Jährige sonst seine Aufträge streng nach Vorgabe ab. Nun genießt er die Freiheit, auf metergroßen Wänden die Ideen nur so sprühen zu lassen. „Die Techniken und das Werkzeug beim Graffiti sind vielseitiger“, erklärt er. Und obwohl der Neckarauer zuletzt vor knapp 20 Jahren zur Spraydose griff, hat er kaum etwas verlernt. „Im Gegenteil, durch das Tätowieren bin ich sogar akkurater geworden“, findet er.

In den 1980er- und 1990er-Jahren war er als Sprayer aktiv. „Es begann mit klassischen Nacht- und Nebelaktionen“, verrät Riojas. Schnell entwickelte er sich zum legalen Auftrags-Sprayer weiter. Für John Deere, BMW oder zur Verschönerung der Straßenbahnen ließ er die Farben sprühen und konnte davon leben. Bis er seinem großen Vorbild „Seen“ folgte. Der New Yorker Künstler, gerne als „Godfather of Graffiti“ tituliert, kehrte der kommerziell anmutenden Sprayer-Szene Mitte der Neunziger den Rücken und widmete sich der Tätowier-Kunst. Und auch Rick Riojas eröffnete 1998 seinen ersten Laden in der Neckarstadt und gründete ein Jahr später das „Art&Soul“-Tattoo- und Piercing-Studio im Quadrat Q5.

Inzwischen gehen Riojas’ kleine Kunstwerke wieder tief unter die Haut. Die Warteliste nach dem Lockdown ist lang. Seine Leidenschaft für große Wände aber ist wieder geweckt. „Seit Papa malt, ist er viel glücklicher“, hat auch seine Tochter festgestellt. Die klare Botschaft für Rückhalt und Familie – sie kommt also nicht von ungefähr …

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