Ludwigshafen
Saint Gobain bleibt vorerst
Noch bis Mitte 2025 ist der hohe Gebäudekomplex an die Saint Gobain Isover G+H AG sowie den konzerninternen Dienstleister Saint Gobain Services Construction Products GmbH vermietet. Weitervermietet werden soll das Gebäude auch noch die nächsten zwei bis drei Jahre. Wegen der derzeit hohen Bauzinsen sowie den stark gestiegenen Bau- und Energiekosten ist der geplante Abriss vorerst auf Eis gelegt, sagt Objektverwalter Mirko Varajic, von der hessischen FBW Projektbaugesellschaft.
FBW ist über ihre Tochter Objekt BGS Ludwigshafen GmbH Eigentümer des 12.000 Quadratmeter großen Areals an der Bürgermeister-Grünzweig-Straße nahe des Friedensparks. Damit ruhen auch die Pläne, auf dem Gelände mehr als 200 Wohnungen, einen Kindergarten sowie einen Supermarkt und eine Tiefgarage zu bauen, wie dies vor zwei Jahren in den Ratsgremien vorgestellt wurde.
Das Grundstück gehörte schon länger nicht mehr Saint-Gobain. Das Unternehmen hatte es vor einigen Jahren verkauft und die Büroräume für die rund 200 Mitarbeiter angemietet. Nach dem Verkauf und dem vom neuen Eigentümer zunächst geplanten Abriss ist Saint-Gobain auf der Suche nach einem neuen Bürostandort. Dabei strebe das Unternehmen an, in Ludwigshafen zu bleiben, habe bisher aber in der Stadt „nichts gefunden, was unseren Vorstellungen entspricht. Daher spielen wir mit dem Gedanken, über das Jahresende hinaus an dem jetzigen Standort zu bleiben“, sagte Unternehmenssprecher Michel Wenger. Über eine weitere Vermietung sei FBW mit dem Unternehmen in Kontakt, sagte Varajic im Gespräch mit der RHEINPFALZ.
Am Anfang stand Korkstein
Der Standort hat Tradition: Ende des 19. Jahrhunderts beginnt die Geschichte vieler Industrieunternehmen, die noch heute in der Region ansässig sind – wenn auch in vielen Fällen mit einem anderen Eigentümer. Dazu gehört auch die „Fabrik chemisch-technischer Produkte von Grünzweig + Hartmann“, gegründet am 1. September 1878 vom Chemiker Carl Grünzweig – der von 1891 bis 1896 auch ehrenamtlicher Bürgermeister Ludwigshafens war – und dem Kaufmann Paul Hartmann.
Sie waren auf der Suche nach neuen Dämmstoffen für Maschinen und Anlagen. Und Carl Grünzweig wurde rasch fündig. Aus Korkabfällen formte er mit Bindemitteln Korkstein. Eine Erfindung, für die er schon 1880 ein Patent erhielt. Das Unternehmen prosperierte. Und der promovierte Chemiker forschte weiter. Schalen oder Skelettreste von winzigen Kieselalgen waren Hauptbestandteil von Kieselgur und Grundstoff eines neuen Dämmstoffs, den Grünzweig entwickelte. Dieser hielt auch höheren Temperaturen stand, was auf hohe Nachfrage aus der Industrie, nicht zuletzt auch vom damals jungen Chemieunternehmen BASF stieß.
Aber auch die deutschen Brauereien haben der in Ludwigshafen gegründeten Firma G+H vieles zu verdanken: Carls Sohn Max entwickelte die Korkplatten weiter und schuf einen neuen, viel leichteren Dämmstoff. Zusammen mit der Kältemaschine von Carl von Linde konnte dank des leichten Grünzweig-Dämmstoffs nun auch im Sommer Bier gebraut werden, weil sich der Gerstensaft ganzjährig kühlen ließ. Das Unternehmen expandierte weiter. 1908 gab es Niederlassungen in Berlin, Düsseldorf, Hamburg, Dresden, München, bei Wien und in Budapest.
Erfolg mit Isover
Viele Gebäude und Lagerbestände fielen einem Werksbrand 1912 zum Opfer. Zwei Jahre später entstand der Korkturm, der zum Wahrzeichen des bis 1919 familiengeführten Unternehmens wurde. In den 1930er-Jahren begann G+H mit der Produktion von Dämmstoffen aus Mineralfasern. Die Nachfrage nach der in Ludwigshafen produzierten Silan-Steinwolle stieg schnell an – auch international und ist mit dem Produktnamen Isover noch heute das sicher bekannteste Produkt des Unternehmens – mithin Teil des Firmennamens. Eine Reihe weiterer Innovationen, etwa der Dämmfilz Rollisol (ab 1968 auf dem Markt) oder Uniroll sowie die neue Sparte Schallisolierung verschafften dem Dämmstoffspezialisten weitere Standbeine und einen steten Geschäftszuwachs, was sich auch in der Anzahl der Arbeitsplätze niederschlug. So waren 1953 mehr als 2100 Mitarbeiter beschäftigt. Ein Jahr zuvor war aus dem Unternehmen eine Aktiengesellschaft geworden, elf Jahre später kam G+H unter das Dach des französischen Konzerns Saint Gobain.
Produziert wird in Ludwigshafen schon länger nicht mehr. Schon in den 1950er-Jahren wurde die Produktion aus der Innenstadt verlagert und in den 1980er-Jahren komplett eingestellt. In Speyer startete 1973 ein Werk, das heute noch Produkte aus Glaswolle herstellt und rund 220 Beschäftigte zählt. Etwa 240 Mitarbeiter sind in Ladenburg beschäftigt. In dem 1961 eröffneten Werk mit heute 240 Mitarbeitern werden Steinwolle-Dämmstoffe hergestellt. Darüber hinaus gibt es an dem badischen Isover-Standort eine Forschungs- und Entwicklungs-Abteilung sowie einige Zentralabteilungen von Isover und Rigips. Zudem ist dort das Produkt-Management, die Technische Fachberatung sowie die Akademie Ladenburg ansässig.
Erfolgreiche Ausgründungen
Aus der Urzelle Grünzweig + Hartmann entstanden in den Folgejahren weitere Firmen. Etwa die G+H Group, die sich als einer der marktführenden Dienstleister im Wärme-, Kälte-, Schall- und Brandschutz bezeichnet. In Deutschland, den Niederlanden und Belgien betreibt die seit 2002 zu Vinci Energies Deutschland gehörende Gruppe 36 Standorte und beschäftigt 1236 Mitarbeiter, darunter rund 170 in der Region an den Standorten Ludwigshafen (G+H Industrie Service) Mannheim (Zentrale der G+H Group, G+H Schallschutz GmbH), Maxdorf (Wrede & Niedecken GmbH, Acoustic Competence Center der G+H Schallschutz) und Römerberg (G+H Isolierung GmbH).
Hochtemperaturisolierung ist die Spezialität der Firma Isolite. Was zunächst als Abteilung von G+H begann, wurde 1978 zur eigenen Gesellschaft, die damals zu Vinci gehörte. Doch der Konzern wollte die Firma verkaufen. Um dies zu verhindern, übernahm die Familie des späteren geschäftsführenden Gesellschafters, Peter Bechtel, zusammen mit Finanzpartnern die Firma. Aus dem Betrieb mit anfangs acht Mitarbeitern hat sich ein international agierendes Unternehmen entwickelt, das heute 800 Mitarbeiter beschäftigt, darunter 350 an den beiden Ludwigshafener Standorten sowie in Neustadt.
Weitere Standorte sind in den USA, Mexiko, Tschechien, den Niederlanden, in Serbien, Südafrika, Sarajevo und Südkorea. Einen Produktionspartner hat Isolite mittlerweile auch in China. Isolite gehört heute zur familiengeführten Industrieholding Certina Group mit Sitz in Grünwald, in der Nähe von München.