Ludwigshafen Rettende Zauberflöte in Zeiten des Krieges

Beeindruckend hat der Maler Max Slevogt die Figuren von Mozarts „Zauberflöte“ an den Rand der Partitur gezeichnet. Dass die Beschäftigung mit den Konflikten und Idealen der Freimaurer-Oper wie ein ideeller Rettungsanker gewesen sein muss, für ihn, der als Kriegsmaler hautnah die Schrecknisse an der Front erlebte, arbeitete der Schriftsteller Friedrich Dieckmann am Samstag in einem Vortrag in der Ludwigshafener Friedenskirche heraus.
Vor genau 100 Jahren, am Ende des Ersten Weltkriegs, hat der in der Südpfalz lebende Impressionist Max Slevogt einen Zyklus von rund 50 Radierungen gefertigt: Die Randzeichnungen – eine seit Jahrhunderten gepflegte Gattung, bei der Texte oder Noten von berühmten Autoren illustriert werden – fertigte er auf Kupferplatten, zusammen mit Handschriften von Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „Zauberflöte“. Entstanden sind beeindruckende Zeichnungen, in denen Papageno, Pamina oder Sarastro in einem zeitgenössischen, gleichwohl impressionistischen Lichte mit der Partitur dargestellt werden. Dass eine Würdigung von Slevogts Werk gerade in der Friedenskirche vorgenommen wird, ist kein Zufall. War es doch das aufwühlende Altarbild „Golgatha“, das den Maler 1932 wenige Monate vor seinem Tod zu einem letzten Kraftakt ermunterte. Das Bild, das 1944 im Bombenhagel zerstört wurde, blieb dem Besucher jedoch den ganzen Abend präsent. Slevogt habe Mozarts Freimaurer-Oper nicht visualisiert, meint Friedrich Dieckmann, Autor des Bands „Max Slevogts Randzeichnungen zu Mozarts Zauberflöte“. Der Maler habe sie „accompagniert“ (begleitet), formuliert der Berliner Wissenschaftler feinsinnig. Das Sujet habe den Maler, der als Musikliebhaber mit Sängern und Komponisten regen Umgang hatte und auch Bühnenbilder zu Opern entwarf, beflügelt. Slevogt habe die letzten Kriegsmonate als Selbstzerstörung der europäischen Zivilisation empfunden. Die Schrecken seien durchgängig zu spüren, auch wenn er in seinem Zyklus das humanistische Freimaurer-Ideal des Zauberflöten-Stoffs nicht zerstört gesehen habe. So fesselnd der Vortag einen Blick auf die „stürzende Zeit“ zwischen den Weltkriegen ermöglicht, so inspirierend sind die kammermusikalischen Bearbeitungen von Ludwig van Beethoven und Alexander von Zemlinsky, einem Freund des Leinsweiler Malers. Filigran und temperamentvoll werden sie von den Berliner Musikern Mathis Bereuter (Klavier) und Ulrik Choi (Violoncello und Klavier) interpretiert. Die Zauberflöten-Motive erklingen emotional vielschichtig. Sie „accompagnieren“ Mozarts große Oper wie es die Randzeichnungen des deutschen Impressionisten tun. Der Blick auf den Schöpfer des zerstörten Altarbilds „Golgatha“ wird frei.