Ludwigshafen Protest der Langhaarigen

91-75559872.jpg

„Hair“ war 1967 das erste Musical, das eine aktuelle gesellschaftliche Situation aufgriff. Jugend kontra Spießigkeit, könnte man das Thema zusammenfassen. Das Junge Staatstheater Wiesbaden gastiert mit seiner Inszenierung im Pfalzbau. Bezüge zur Gegenwart werden nur sparsam angedeutet, das Retro-Hippie-Gefühl nimmt breiten Raum ein.

Stirnbänder und lange Haare sind natürlich Pflicht, zerrissene oder abgeschnittene Jeans, bunte Tücher, Halsketten aus Holz – mit viel Liebe zum Detail hat Kostümbildnerin Heike Ruppmann den Hippie-Look rekonstruiert. Heute wirkt er so exotisch wie Zylinderhut und Stehkragen des Biedermeier. Hippies sind so gut wie ausgestorben. Die Partei in Deutschland, in der sich ein paar Hippies gehalten hatten und die bei ihrer Gründung für Love and Peace eingetreten war, schickt inzwischen Soldaten in völkerrechtswidrige Kriegseinsätze. Das deutsche Motto „Nie wieder Krieg“ wurde verändert in „Nie wieder Krieg ohne Deutsche.“ Die Parallelen zur Entstehungszeit des Musicals „Hair“ sind offensichtlich. Damals ließen die Amerikaner Agent Orange und Napalm über Vietnam regnen. Junge Amerikaner stellten sich gegen die Mehrheitsgesellschaft, protestierten gegen Angepasstheit, Autoritätshörigkeit, gegen Rassismus und Kapitalismus. Die Autoren Gerome Ragni und James Rado versuchten zusammen mit Komponist Galt McDermot das Lebensgefühl dieser jungen Leute auf die Musical-Bühne zu bringen. Die Form ist weniger eine stringente Handlung, als vielmehr eine Collage aus verschiedenen Szenen, die unterschiedliche Aspekte des Hippie-Lebens aufgreifen. Iris Limbarth, verantwortlich für Inszenierung und Choreographie, hat dem flippigen Lebensstil viel Raum gegeben. Das ständige Gekicher des bekifften Kollektivs wirft die Frage auf, ob die angebliche Bewusstseinserweiterung tatsächlich eintritt. Andererseits ist eine der eindrücklichsten Szenen der Inszenierung der LSD-Trip, den Claude (Rainer Maaß) erlebt, bevor er eingezogen wird. Er sieht die Bühne voller hingestreckter Leiber, was den Zuschauer sofort an Massaker und Massengräber erinnert. Das junge Ensemble macht einen sehr guten Eindruck, die Live-Band fetzt im authentischen Sound. Hits wie „Aquarius/Let the Sunshine In“ wirken mitreißend. Es gibt Videoeinspieler, die Vietnamkriegsszenen zeigen: die berühmten Hubschrauber, die schreckliche Szene, als der Polizeichef von Saigon einem Vietcong in den Kopf schießt, Kim Phuc, das von Napalm verbrannte Mädchen. Hier wäre die Chance gewesen, Bilder von aktuellen Kriegen und Kriegsverbrechen zu zeigen. Als amerikanische Präsidenten gezeigt werden, taucht allerdings auch der Drohnen-Krieger Obama kurz auf. Das Auge bekommt in der Inszenierung viel geboten. Was bei Aufführungen Ende der 60er Jahre noch Wirbel ausgelöst hat, betrachtet man heute milde amüsiert. Anfangs treten Männer nackt auf, bedecken ihre Blöße mit den Händen und nennen ihre militärische Personenkennung. Zum Ende des ersten Akts stehen die entblößten Akteure hinter einer halbtransparenten US-Flagge. Man kann diese Musical-Inszenierung als optisch und musikalisch sehr gelungene Unterhaltung erleben. Es ist aber schade, dass die aktuelle Brisanz so im Hintergrund bleibt. Termine Weitere Aufführungen am Dienstag, 29. Dezember, am 24. Februar, 27. und 28. April 2016 jeweils um 19.30 Uhr.

x