Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Premiere am Nationaltheater: Die Frage nach dem Kern des Menschen

Hat den „Nathan“ neu interpretiert: Nuran David Calis.
Hat den »Nathan« neu interpretiert: Nuran David Calis.

Es ist eine zeitlose Parabel. Als Gotthold Ephraim Lessing im 18. Jahrhundert sein Werk „Nathan der Weise“ zu Papier brachte, hat im Grunde die gleiche Sehnsucht seine Feder geführt, die heute so aktuell wie damals ist.

In dem Drama redet der vom Gedanken der Aufklärung bewegte Dichter der Toleranz das Wort, der sich auch der Theaterregisseur und Filmemacher Nuran David Calis in seiner modernen Adaption des Stoffs verpflichtet fühlt. Sein „Nathan“ feiert am Freitag am Nationaltheater in Mannheim (NTM) Premiere.

Am Anfang brennt ein Feuer. Ein Brandanschlag ist der Ausgangspunkt des Dramas „Nathan der Weise“, das der deutsche Dichter Gotthold Ephraim Lessing 1779 geschrieben hat. Die Geschichte ist durchdrungen vom Geist der Aufklärung, die der Autor einst als ein Licht der Hoffnung in einer von Intoleranz gespeisten Dunkelheit sah. Und die Geschichte wiederholt sich doch, wie der aus München stammende Regisseur, Autor und Filmemacher Nuran David Calis aufgrund seiner Beschäftigung mit dem Thema wohl feststellen möchte. Für das Mannheimer Nationaltheater hat er den Stoff neu interpretiert.

Erste Regiearbeit am NTM

„Wenn wir tief genug graben, finden wir mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede unter den Menschen“, beschreibt Calis die Moral in seinem „Nathan“, der am Freitag um 19 Uhr auf der Bühne im Alten Kino zu Franklin uraufgeführt wird. Es ist seine erste Regiearbeit am NTM. Die Proben mit dem neunköpfigen Ensemble laufen seit Mitte Oktober. Das wird seiner Vision von Lessings Stück Leben einhauchen. Und das sowohl mit gesprochenen Worten als auch mittels Sprechgesang, der aus der Feder des Heidelberger Künstlers Toni-L stammt.

Calis erzählt den Klassiker als eine moderne Großstadtballade, wobei er den Originalstoff mit seinen eigenen Texten vermengt hat, die schon 2015 unter dem Eindruck des Terroranschlags auf die Redaktion des französischen Satire-Magazins Charlie Hebdo entstanden sind. Sein „Nathan“ ist die Geschichte von verschiedenen Identitäten, die in der gegenwärtigen deutschen Einwandergesellschaft aufeinandertreffen. In einer Welt, in der nichts beständiger als die Vergänglichkeit scheint, ringen sie um ihre Existenz und Sicherheit, die beide miteinander verwoben sind. Die Schicksale seiner Figuren, die im Idealfall ein breites Publikum möglichst generationenübergreifend in die Geschichte entführen sollen, entfalten sich in diesem Spannungsfeld aus Drama, Milieustudie und Kriminalfall.

Konflikte der Vergangenheit und der Gegenwart

Deren Wege kreuzen sich irgendwo im hier und jetzt, das immer noch von denselben Konflikten durchdrungen ist wie die Vergangenheit, die sich auch schon Lessing zu einem besseren Ort denken wollte. So wie sein Kollege vor über 200 Jahren lässt auch Calis die Idee von einem guten Miteinander der Kulturen auf dem Reißbrett seiner Fantasie weiten. Die Geschichte beginnt mit einer Brandstiftung. Auf den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde einer deutschen Großstadt, Nathan Grossmann, seine Stiefschwester Daja und seine Adoptivtochter Recha wird ein Anschlag verübt. Alle drei überleben. Doch danach ist nichts mehr wie es einmal war.

Da an den Wänden ihrer ausgebrannten Wohnung antisemitische Parolen in arabischer Schrift gefunden werden, verdächtigt die Polizei schnell den sunnitischen Unternehmer Salatin Denktas als Drahtzieher. Von Beginn an stehen jedoch Zweifel im Raum, die den ermittelnden Polizisten Jonas schließlich auch mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontieren sollen. Calis, selbst ein Kind armenischer und türkischer Einwanderer, setzt sich in seiner „Nathan“-Adaption einmal mehr mit der Perspektive der Opfer antisemitischer und rassistischer Gewalt auseinander. Dabei stellte er sich auch die Frage, wie er im Spannungsfeld der alten und neuen Klassiker, die das kulturelle Erbe seiner deutschen Heimat ausmachen, agieren kann, ohne ihnen untreu zu werden.

Jenseits kultureller und religiöser Grenzen

„Die Genialität dieser Werke, ganz gleich ob sie von Gotthold Ephraim Lessing oder von Max Frisch stammen, besteht darin, dass sie zeitlose Fragen über den Zustand unserer Existenz aufwerfen“, sagt er. Dass er bei seiner Suche nach Antworten in große Fußstapfen tritt, ist dem Autor des in seinem alten Gewand neu inszenierten Dramas bewusst. „Das ist das Spannungsfeld, in dem meine Annäherung an das Thema erfolgt“, bemerkt Calis. Im Grunde sei es damals wie heute die gleiche Frage, die in dem Konflikt, der die schillernden Figuren seines Stücks antreibt, aufgeworfen wird: Was ist der Kern des Menschen? Und auch die Erkenntnis, die demnach ans Licht kommt, sofern man nur tief genug und jenseits kultureller und religiöser Grenzen zu graben bereit sei, bleibe über die Jahrhunderte gleich: Alle Menschen sind Geschwister. Ein humanistischer Glaubenssatz, der in einer von neuen/alten Krisen geschüttelten Gegenwart aktueller denn je erscheint.

Info:

Das Drama „Nathan“ von Nuran David Calis feiert am Freitag, 1. Dezember, um 19 Uhr, seine Premiere am NTM. Karten und Infos unter nationaltheater-mannheim.de.

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