Ludwigshafen #Pissbahnhof: „Spiegel“-Kolumnist Alexander Osang im Interview

Rund 1000 Leute waren am Ludwigsplatz, um Helmut Kohl die letzte Ehre zu erweisen.
Rund 1000 Leute waren am Ludwigsplatz, um Helmut Kohl die letzte Ehre zu erweisen.

Interview: Mit einem Beitrag im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hat Alexander Osang Empörung in Ludwigshafen ausgelöst. Der Journalist hatte Ludwigshafen anlässlich der Kohl-Beerdigung besucht und mit einem „Pissbahnhof“ im Osten verglichen. Wir haben mit ihm über den Vergleich gesprochen und ihn gefragt, ob er sich noch ein anderes Bild von der Stadt machen möchte.

Herr Osang, Sie haben Ludwigshafen unter anderem mit einem Pissbahnhof in Vorpommern verglichen. War ihr Eindruck von Ludwigshafen wirklich so schlecht?

Es war überraschend für mich. Ich kannte Ludwigshafen nicht. Ich war zum ersten Mal da. Ich bin von der Autobahn runtergefahren und zu der Strecke für den Trauerkonvoi gefahren. Ich war total überrascht, dass an der Stelle, wo ich stand, so wenige Leute waren. (Anm. d. Red: Wredestraße) Und die Stadt war sehr grau – um das mal so zu sagen. Könnte es sein, dass Sie einfach an der falschen Stelle gestanden haben? Die eigentliche Trauerrunde des Konvois führte um den Ludwigsplatz, wo 1000 Leute standen. Sie waren eigentlich nur 500 Meter Luftlinie entfernt von dem Ort, wo die Bevölkerung Abschied nehmen konnte. Na ja, das kann schon sein. Ich bin zufällig an einen Punkt der Strecke gefahren, der relativ zentral im Stadtzentrum lag. Ich kann ja nur beschreiben, was ich dort gesehen habe. Das heißt natürlich nicht, dass es woanders belebter war. Ich habe mich schon gewundert, weil Ludwigshafen ja die Heimatstadt von Helmut Kohl ist. Natürlich ist in einer journalistischen Kolumne die Übertreibung erlaubt, aber ist es denn angemessen so einen Vergleich zu ziehen – wenn man eine Stadt gar nicht kennt? Eine Kolumne ist sehr subjektiv. Die Frage der Angemessenheit stellt sich für mich da nicht. Es ist ein sehr persönlicher Blick auf die Welt und auf ein Problem. Wichtig ist dann nur, ob ich die Dinge, die ich beschreibe, wirklich gesehen und gefühlt habe – und das habe ich. Journalismus ist ohnehin vermessen. Selbst wenn ich jemanden wochenlang begleite, muss das Bild, das ich von ihm zeichne, nicht mit dem Bild übereinstimmen, was derjenige von sich selbst hat. Das kann komplett falsch und überhaupt nicht repräsentativ sein. Man kann sich bei einem Porträt nur jemandem annähern. Ich habe in der Kolumne das Bild von Ludwigshafen beschrieben, was ich gewonnen hatte. Ich habe doch klar gemacht, dass ich nur zur Kohl-Beerdigung nach Ludwigshafen und Speyer gefahren bin und mich an die Protokollstrecke begeben habe. Ich habe auf den Trauerzug gewartet und meine Eindrücke an dieser Stelle der Strecke beschrieben. Aber Ihr Beitrag hat eine Außenwirkung. Und in Ludwigshafen kam der Pissbahnhof-Vergleich nicht gut an – zumindest bei einigen Politikern, aber auch bei Bürgern in der Stadt. Es gab auch Leserbriefe deshalb. Können Sie verstehen, dass sich die Leute hier „angepisst“ fühlen? Absolut. Das kann ich total verstehen. Dazu mache ich den Job viel zu lange, um diese Gefühle nicht nachvollziehen zu können. Es ist nicht das erste Mal, dass jemand verstört auf eine Beschreibung von mir reagiert. In diesem Fall ist es natürlich eine absolut ungerechte Beurteilung von Ludwigshafen. Aber ich habe nie behauptet, die Stadt zu kennen. Im Gegenteil: Ich habe geschrieben, dass ich zum ersten Mal da bin und zu irgendeinem Punkt in der Stadt gefahren bin, den ich dann beschrieben habe. Ich fand das traurig, was ich dort sah. In einer Kolumne werden Dinge zugespitzt oder übertrieben. In dem Fall fand ich das alles sehr tragisch. Das hatte auch mit meinem Vater zu tun, der an diesem Tag gestorben ist. Aber auch mit dem Eindruck, den Helmut Kohl in meiner Biografie hinterlassen hat. In diesen Kontext ist Ludwigshafen geraten, ohne dass es wirklich etwas dafür kann. Dass das nicht die Stadt beschreibt, – in ihrer gesamten Vielfalt und vielleicht auch in ihrer Schönheit – ist klar. Das verstehe ich und nehme es in Kauf. Genau wie die Kritik von Leuten, die sagen: „Jetzt kommt dieser Idiot hierher, ist eine halbe Stunde da, noch dazu am falschen Platz, und dann schreibt er so was.“ So ungefähr waren tatsächlich die Reaktionen. Das ist absolut okay. Aber ich habe kein Porträt über Ludwigshafen geschrieben. Das war nur ein Teil eines Gedankenstroms. Es mag sein, dass ich da an der falschen Stelle war. Die Problematik ist auch, dass Ludwigshafen oft von verschiedenen Seiten niedergemacht wird – und jetzt auch von Ihnen an so exponierter Stelle. Dabei gibt es hier viele schöne Ecken. Einige Leute haben gesagt, man müsste Sie mal hierher einladen, damit sie ein anderes Bild sehen. Würden Sie denn noch mal hierher kommen? Ich bin natürlich nicht so oft in der Gegend. Es war wie gesagt in meinem Leben das erste Mal. Aber wenn mich jemand einlädt, dann komme ich natürlich gerne. Und was das Niedermachen einer Gegend angeht, glauben Sie mir: Davon bin ich als Ostdeutscher kein großer Fan. Ich habe mir jahrelang anhören müssen, dass es in meiner Heimatstadt Berlin aussieht wie nach dem Krieg. Vielleicht bin ich so auf den Vergleich mit dem Mecklenburger Bahnhof gekommen. Mir ist in vielen westdeutschen Städten aufgefallen, dass sie inzwischen nicht mehr mit dem Osten mithalten können. Womöglich ist das der Preis für Kohls „blühende Landschaften“. Dann steht jetzt die offizielle Einladung: Wir zeigen Ihnen die Stadt, wenn Sie wieder mal hier in der Nähe sind und Zeit haben. Das können wir gerne machen. Es war eine kurze Beobachtung, und ich will mich dafür nicht rechtfertigen. Aber ich komme gerne wieder, und Sie können mir die schönen Seiten von Ludwigshafen zeigen. Das ist überhaupt kein Problem. Zur Person Alexander Osang (55) wuchs in der DDR auf. Der Redakteur lebt in Berlin, ist als Schriftsteller tätig, verheiratet und hat zwei Kinder. Für seine journalistische Arbeit ist er oft ausgezeichnet worden.

Alexander Osang
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