Ludwigshafen
Oggersheim: Ein Jahr nach der Bluttat
Die Kirchenglocken in Oggersheim beginnen um 12.20 Uhr zu läuten. Eine Erinnerung an die Tatzeit. An 13 Minuten des Grauens an jenem Dienstag, 18. Oktober, vor einem Jahr. Um 12.21 Uhr gingen die ersten Notrufe bei der Polizei ein. Die aufgezeichneten Telefonate belegen, dass zahlreiche Menschen die Messer-Attacken beobachtet haben. Es herrschte Panik und Entsetzen in Oggersheim.
Der Somalier hatte in der Philipp-Scheidemann-Straße mit einem Messer den 20-jährigen Maler Jonas Sprengart angegriffen und getötet. Dessen 35-jährigen Freund und Kollegen Sascha Kraft verletzte er tödlich. Kraft schleppte sich vom ersten Tatort weg und brach dann auf der Straße zusammen. Der Täter trennte Jonas’ Unterarm ab und lief damit zur nahegelegenen Wohnung seiner Ex-Lebensgefährtin. Dort warf er das Körperteil auf den Balkon und lief wieder durch die Scheidemann-Straße zurück, dann zur Comeniusstraße, wo er in einem Drogeriemarkt einen 27-jährigen Kunden niederstach, der schwer verletzt überlebte. Ein Polizist schoss den Täter kurz darauf in dem Markt an und machte ihn kampfunfähig.
Um 12.34 Uhr ist alles vorbei. Zirka 500 Meter war der psychisch kranke Mann, der unter Verfolgungswahn und Zwangsvorstellungen litt, mit dem Messer in der Hand durch Oggersheim marschiert. 13 Minuten lang dauerte die Bluttat. Für das überlebende Opfer, die Familien der beiden Ermordeten und die vielen Augenzeugen ist seitdem nichts mehr, wie es einmal war.
Rund 200 Teilnehmer
In der Christ-König-Kirche in Oggersheim haben sich ein Jahr später rund 200 Menschen versammelt, um an das Verbrechen und das Leid zu erinnern, das damit über die Angehörigen der Opfer gekommen ist. „Es ist eine schwierige Situation. Alles kommt noch einmal hoch. Aber es sind viele Freunde und Verwandte hier, die uns das ganze Jahr begleitet haben – das gibt uns Kraft“, sagt Kurt Sprengart, Vater des ermordeten Jonas. Ebenfalls gekommen ist Marcel Kling, der den Messer-Angriff überlebt hat. Er will sich zum Jahrestag nicht noch einmal äußern.
Zahlreiche Journalisten sind gekommen, um über das Gedenken zum Jahrestag zu berichten. Kurt Sprengart gibt geduldig Interviews. „Diese von der Stadt organisierte Andacht ist wichtig. Wir sind dankbar dafür“, sagt er. Die Tat überschatte auch nach einem Jahr noch den Alltag der Familie. „Wir haben noch schlechte Tage“, sagt der Malermeister. Sein kleiner Betrieb sei beinahe kaputtgegangen, nachdem der Chef in Folge der Tat monatelang nicht arbeiten konnte und mit dem Sohn und dem Freund auch zwei Mitarbeiter verloren hatte. Mittlerweile habe er drei neue Mitarbeiter. Im Beruf sei wieder so etwas wie Normalität zurückgekehrt.
Für Angehörige nie abgeschlossen
Die juristische Aufarbeitung der Tat wurde im Mai abgeschlossen. Der Täter wurde aufgrund einer paranoiden Schizophrenie für schuldunfähig erklärt und befindet sich seitdem im geschlossenen Maßregelvollzug in einer psychiatrischen Klinik. „Der Prozess ist vorbei. Für uns wird das wohl nie abgeschlossen sein“, sagt Kurt Sprengart.
Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (parteilos) hat am Morgen des Jahrestags die Gräber der beiden Todesopfer in Ruchheim und Oggersheim besucht – ohne Journalisten im Schlepptau. Bei der von zwei Geistlichen würdevoll gestalteten Andacht in der Kirche spricht sie nicht. Sie will nicht im Mittelpunkt stehen. Vor dem Altar können die Teilnehmer Lichter entzünden – als Symbol für Hoffnung im Dunkeln. „Es ist nur ein kleines Licht, aber es ist von Gewicht“, sagt einer der Pfarrer. So entsteht ein kleines Lichtermeer. Ein berührender Moment.
Gedenktafel geplant
„Es geht darum zu zeigen, wir haben das Geschehen nicht vergessen und stehen als Stadtgesellschaft an diesem schwierigen Tag an der Seite der Angehörigen“, sagt die OB nach der etwa 30-minütigen Zeremonie. Die Wunde, die durch die Tat in Oggersheim gerissen worden sei, werde wohl nie ganz verheilen. „Es wird uns allen immer präsent sein“, sagte Steinruck. Die Oggersheimer Ortsvorsteherin Sylvia Weiler (SPD) sagt: „Diesen Tag werden wir nie vergessen.“ Als die Kirchenglocken zum Gedenken läuten, werden ihre Augen feucht. Gekommen sind neben Stadtpolitikern auch Feuerwehrleute und Polizisten, die vor einem Jahr im Einsatz waren.
An einem der Tatorte in der Philipp-Scheidemann-Straße wird es eine Gedenktafel geben. Nachdem der Stadtrat dafür stimmte, hole die Stadt dafür gerade Angebote ein, sagt die OB. Vor Ort befindet sich bereits eine kleine Gedenkstätte, die von den Angehörigen eingerichtet worden ist. Zum Jahrestag brennen dort Kerzen. Frische Blumen und Gestecke sind niedergelegt worden. Auf einem Schild steht: „Du fehlst! Gestern, heute, morgen, immer.“