Ludwigshafen
OB in Ludwigshafen startet mit vollem Pensum, hohen Schulden – und trägt ab jetzt Schlips
Ludwigshafens neuer Oberbürgermeister hat seine achtjährige Amtszeit begonnen. Erster Arbeitstag für Klaus Blettner (58, CDU) war am Freitag. Mit einer Girlande wurde das Stadtoberhaupt von seinem 20-köpfigen Mitarbeiterstab im OB-Büro in der Jaegerstraße willkommen geheißen. Auch die Namensschilder waren schon aktualisiert. Blettner wurde mit Diensthandy und Laptop ausgestattet. Die IT-Zugänge für das neue Stadtoberhaupt waren bereits angelegt. „Ich hatte 599 E-Mails in meinem Postfach“, berichtet Blettner.
Ein Vorgeschmack, auf das Arbeitspensum, das ihm nun bevorsteht. Von 9 bis 23 Uhr war er am ersten Tag im Büro. Am Wochenende besuchte er Neujahrsempfänge in Oggersheim und der Südlichen Innenstadt – zufälligerweise Blettners bisherige Wohnorte in Ludwigshafen. Die schwarzen in die Jahre gekommenen Lederstühle im OB-Büro hat er umgestellt. „Die Möbel sind so alt, dass das Design schon wieder in ist“, scherzt Blettner. Der Besprechungstisch dominiert jetzt die Mitte des großzügigen Raums, der Schreibtisch ist ans Fenster gewandert. Die Anordnung ist kein Zufall. Blettner versteht sich als Teamarbeiter.
Zwei wichtige Termine
An der Wand hängt ein Panoramafoto von Ludwigshafen, das dort auch schon bei seiner Vorgängerin Jutta Steinruck (63, SPD) seinen Platz hatte. Die Aufnahme zeigt das Rheinufer mit der Rhein-Galerie, der Kurt-Schumacher-Brücke und den Mannheimer Hafen. Blettners Wahlkampfteam hat ihm eine große, gerahmte Schwarz-Weiß-Fotografie von Bilbao geschenkt. Kein Zufall, denn Blettner war dort vor der OB-Wahl mit seinem Team in Klausur gegangen. Bilbao hatte früher ein ähnlich schlechtes Image in Spanien wie Ludwigshafen in Deutschland. Den Spaniern ist es unter anderem mit dem Guggenheim-Museum gelungen, die Wahrnehmung der Stadt zu drehen. Kultur hat der neue Ludwigshafener OB zur Chefsache erklärt. Bilder als Leihgaben aus dem Hackmuseum sollen etwas Farbe in sein ansonsten nüchtern gestaltetes Büro bringen.
Blettners Terminkalender ist zum Jahresanfang schon vollgepackt: Diese Woche stehen zwei wichtige Termine für den neuen OB an. Am Dienstag wird er gemeinsam mit seinem Amtskollegen Christian Specht (59, CDU) in Mannheim beim Neujahrsempfang im Rosengarten die Gründungsurkunde für eine Brückengesellschaft der beiden Städte unterzeichnen. Gemeinsam wollen Ludwigshafen und Mannheim die anstehenden Sanierungen der beiden Rheinbrücken angehen. Erste Schätzungen belaufen sich auf Kosten von 350 Millionen Euro. Der Bund und die beiden Bundesländer Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg sollen dafür Geld beisteuern.
Aufregung vor großem Auftritt
Am Mittwochabend steht im Ludwigshafener Pfalzbau der Neujahrsempfang der Stadt an, bei dem Blettner offiziell in sein Amt eingeführt und vereidigt wird. Vor 1300 Gästen – darunter viel Prominenz aus der Stadt und der Region – wird der neue OB in seiner Neujahrsrede die Eckpunkte für seine achtjährige Amtszeit skizzieren. „Die Rede ist zu über 90 Prozent fertig“, sagt Blettner am Montagmorgen, nachdem er mit seinem Mitarbeiterstab gemeinsam gefrühstückt hat. Er hat die regionalen Medien eingeladen, damit auch sichtbar wird, dass der „Neue“ nun die Stadt regiert. Routiniert beantwortet er die Fragen der Journalisten. Der Medienmarathon begann bereits um 7.30 Uhr, als er einem Radiosender ein Interview am Telefon gibt.
Ob er vor der offiziellen Amtseinführung aufgeregt ist, wird der OB gefragt. „Ein bisschen schon, wie vor einem Fußballspiel“, sagt der 58-Jährige, der 13 Jahre lang als Professor an der Ludwigshafener Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Betriebswirtschaft mit dem Schwerpunkt Marketing gelehrt hatte, bevor er jetzt Berufspolitiker geworden ist. In seiner Antrittsrede will er das Thema „Gemeinsamkeit“ in den Mittelpunkt stellen – auch die Kooperation mit den Nachbarkommunen ist ihm wichtig. In seinen ersten 100 Tagen im Amt will der neue OB möglichst viele der 4000 Mitarbeiter der Stadtverwaltung kennenlernen – eine große Mitarbeiterversammlung ist dafür in Planung. „Ich will die Mitarbeiter der Stadt von mir überzeugen und sie für meine Ideen begeistern“, sagt der neue Verwaltungschef. Als OB sei er auf die Expertise und das Fachwissen seiner Mitarbeiter angewiesen. Seinen Führungsstil beschreibt er so: „Ich bin einer, der zuhören kann und dann seine Entscheidungen trifft. Ich habe einen ruhigeren Führungsstil als meine Vorgängerin.“
Mehr Sicherheit und Sauberkeit
Die Themen Sicherheit und Sauberkeit in der Stadt will er angehen, denn die seien für die Bürger am wichtigsten. Alle Akteure will Blettner an einen Tisch bringen, um neue Konzepte zu entwickeln. Auch eine sogenannte intelligente Videoüberwachung für den Bereich des Berliner Platzes will er nach Mannheimer Vorbild in Ludwigshafen einführen. Momentan ist dies wegen der Datenschutzauflagen des Landes Rheinland-Pfalz nicht möglich. Blettner setzt auf Veränderungen nach der Landtagswahl im März. „Der Datenschutz darf kein Totschlagargument sein.“
Der neue OB will über die sogenannten sozialen Medien auch Teile der Bevölkerung erreichen, die von klassischen Medien wie Zeitungen, Radio oder Fernsehen nicht mehr erreicht würden. Die Leute sollen so mitbekommen, dass sich Ludwigshafen positiv verändere, sagt Blettner. Auch im Austausch mit den Bürgern setze er auf digitale Kanäle. Warum er OB in einer mit 1,4 Milliarden Euro verschuldeten Stadt werden wollte? „Ich lasse mich gerne in die Verantwortung nehmen. OB zu sein, ist eine tolle Aufgabe – auch wenn die Herausforderungen groß sind“, sagt der 58-Jährige. Die Finanznot betreffe mittlerweile fast alle Kommunen in Deutschland. Die Unterfinanzierung durch den Bund und die Länder könne so nicht weitergehen. Die Stadt Ludwigshafen werde wohl mit einer Klage ihren Teil dazu beitragen, dass sich die Verteilung der Steuereinnahmen ändern werde und das Prinzip „Wer bestellt, bezahlt“ eingehalten werde.
Umzug geplant
Durch die Scheiben des OB-Büros in der Jaegerstraße dringt gedämpft der Baulärm vom Abriss des alten Rathauses. Wo wird Ludwigshafens Stadtoberhaupt künftig residieren? Langfristig im neuen Büro- und Geschäftshaus „Palatineo“ am Berliner Platz, meint Blettner. Gewissermaßen als Zwischenstation sei der Umzug des OB-Büros in die „Ludwigstürme“ geplant – das ehemalige Postbankgebäude an der Blies, in dem gerade knapp 600 Arbeitsplätze für die Stadtverwaltung entstehen. Der Umbau läuft derzeit und soll bis Herbst 2027 abgeschlossen sein. Für Blettner wäre es auch eine Rückkehr – denn die Hochschule liegt nur einen Steinwurf entfernt.
Nach der Pressekonferenz geht der Arbeitstag des neuen OB weiter. Es gibt noch etliche Mails zu lesen, Besprechungen stehen an und am Abend noch ein Neujahrsempfang des Künstlerkollektivs „Buero für angewandten Realismus“. Blettner ist kein „Sponti“ wie viele Mitglieder der Künstlergruppe, aber mit dem Begriff Realismus kann sich der „Neue“ im Ludwigshafener Rathaus sicher identifizieren. Als Repräsentant der Stadt trägt der OB nun auch Krawatte. Darauf angesprochen sagt er: „Ich will dem Amt Würde geben.“