Mannheim
„Nur ohne Angst sind wir frei“: Indie-Pop von Bernadette La Hengst im Alten Volksbad
Tatsächlich ist der „Chor für Menschen die nicht singen können“ kein Chor im klassischen Sinn, bei dem mehrstimmige Chormusik gesungen wird. Was den Chor aber auszeichnet, ist der enorme Spaß, den alle Beteiligten haben und der sich auf die Zuhörer überträgt. Und nicht nur das: Viele Menschen im Publikum fühlen sich ermutigt, mitzusingen. Das Repertoire kommt teils von der Neuen Deutschen Welle, teils von sozialkritischen Protestsongs. Ein paar Leute spielen dazu Instrumente; auch hier kommt es nicht auf feingeistige Virtuosität an. Vielmehr wird da mit viel Freude gefetzt und ordentlich reingehauen. Da fällt Joachim Witts „Goldener Reiter“ wieder von der Leiter, Nina Hagen erklärt ihrem Freund „Du hast den Farbfilm vergessen“ und „Ich möchte ein Eisbär sein“ erinnert an die NDW Band Grauzone. Die Melodie wird gemeinsam gesungen, geschimpft, gebrüllt – je nach Lust und Laune, alles ist erlaubt.
Protestlieder, die im Alter geprobt werden
Gerade bei den Protestliedern, die sich gegen Ausbeutung, Ungerechtigkeit und Gentrifizierung wenden, hört und spürt man das echte Engagement der Singenden. Den etwas anderen Chor hat Julia Alicka gegründet, geprobt wird im Alter am alten Messplatz. Auftritte hatte der Chor schon beim Maifeld Derby und am Nationaltheater bei den Schill-Out Tagen. Zu Bernadette La Hengst gibt es eine Verbindung, denn die Künstlerin leitet selbst in Berlin einen Chor mit ähnlicher Intention und die Mannheimer singen auch Lieder von La Hengst. Entsprechend berührt und begeistert bedankte sich die Sängerin bei ihrer „Vorgruppe“.
La Hengst und Band kommen in ungewöhnlicher Besetzung, mit Cello, Klarinette oder Saxophon, die Künstlerin selbst spielt Gitarre oder Keyboard, und es gibt auch ein paar Beats aus dem Computer. Alle singen auch, und das gibt oft sehr schöne mehrstimmige Klänge. Aus den recht verschiedenen Zutaten wird ein ausgesprochen origineller Gesamtklang, der schlecht in eine enge Schublade passt. Mal sind es funky oder soulige Grooves, mal ist der Rhythmus mehr elektronisch dominiert. Es gibt eine vielfältige Harmonik, die einfachen Pop ebenso hinter sich lässt wie den rustikalen Punk – trotzdem schwingt beides mit. Selbst ein bisschen Jazz lässt sich noch verorten.
Von der Braut zum Booking
Roter Faden ist der Singer/Songwriter Ansatz, für den Bernadette La Hengst steht. Die Texte sind nämlich durchaus gehaltvoll. Der anspruchsvolle Indie-Pop der Hamburger Schule stand da Pate. Tatsächlich zog die 1967 in Bad Salzuflen geborene Künstlerin in die Hansestadt und gründete dort 1990 „Die Braut haut ins Auge“ und war damit sehr erfolgreich. Aber die Künstlerin hat immer eine ganze Menge Sachen parallel gemacht, Theatermusik, Chorleitung, und auch im Bereich Booking und Management hat sie selbst die Zügel in die Hand genommen.
Erbschaft oder Altersarmut
Viele Stücke des Abends in Mannheim stammten von ihrem jüngsten Album „Visionäre Leere“, das im vergangenen Jahr erschienen ist. Aber es waren auch andere Stücke aus ihrer langen Solokarriere dabei, wie etwa „Rockerbraut und Mutter“, aus dem Album „La Beat“, das schon 2005 erschienen ist. Die dort besungene Tochter ist inzwischen erwachsen. Die Texte sind kritisch, etwas ironisch und spiegeln eigenes Erleben – aber auf reflektierte Art und Weise. Gesellschaftliche Bezüge gibt es fast immer, wie etwa in „Systemrelevant“, das aus der Perspektive der betroffenen Musiker seine Betrachtungen beginnt.
Häufig sind die Texte auch Mut machend und appellativ. „Seid ihr noch da, wenn Reichsbürger, Nazis, Impfgegner marschieren“, fragt sie in einem Lied. Gesellschaftliche Gegensätze stellt sie anhand einer Zweierbeziehung dar: Du erwartest eine Erbschaft, mich erwartet Altersarmut, singt sie. Aber sie hinterfragt auch diese Gegensätze – ob die nicht absichtlich vertieft und geschürt werden. „Vielleicht sind wir gar nicht so verschieden, vom Weltall aus gesehen“, singt sie und stellt fest: „Nur ohne Angst sind wir frei.“ Und so bleibt trotz Protest und Ironie der Eindruck einer warmherzigen Humanistin.