Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Neben Helmut prägte ein anderer Kohl Ludwigshafen und die Pfalz

Heinrich Kohl in seinem Arbeitszimmer in der Villa am Haardter Treppenweg.
Heinrich Kohl in seinem Arbeitszimmer in der Villa am Haardter Treppenweg.

Zwei gewichtige Männer mit dem Familiennamen „Kohl“ haben von Ludwigshafen aus das politische Europa und die pfälzische Region geprägt. Einer geriet in Vergessenheit.

Helmut Kohl (1930 bis 2017), „Ehrenbürger Europas“ und deutscher Bundeskanzler von 1982 bis 1998, ist zu einer Persönlichkeit der Weltgeschichte geworden. Heinrich Kohl (1873 bis 1936) hat in seiner pfälzischen Heimat unübersehbare deutliche Spuren hinterlassen und wurde dennoch so gut wie vergessen.

Dabei folgen noch heute viele Pfälzer den Wegmarken des ehemaligen Bankkaufmanns, der bereits zu seinen Lebzeiten eine der volkstümlichsten Gestalten der Pfalz war und als gebürtiger Landauer vom 1. Juli 1901 bis 30. April 1908 eine kurze, aber wichtige Spanne seines Lebens in der noch jungen Großstadt am Rhein verbrachte. Denn in Ludwigshafen startete der Bankdirektor und Kommerzienrat, Heimatforscher und Kunstmäzen Heinrich Kohl vor genau 125 Jahren eine freizeitliche Karriere, die noch heute vor allem im Pfälzerwald nachhallt.

Heinrich Kohl: Gemälde von Max Slevogt.
Heinrich Kohl: Gemälde von Max Slevogt.

Der damals 28-jährige Angestellte „mit Handlungsvollmacht“ bei der Pfälzischen Bank AG, die als „Privatbank Louis Dacqué“ gestartet war, gehörte am 3. Oktober 1902 zu einem Kreis von rund 20 Männern, die der enthusiastische Bahnassistent Otto Linck um sich versammelt hatte, um im Restaurant „Frank Breitling“ in der Oggersheimer Straße 29 (heute Bahnhofstraße) einen „Touristenclub Pfalz“ zu gründen. Heinrich Kohl saß damals an einem Tisch mit später regionalen „Größen“ wie dem Fabrikanten Anton Fasig, den Bahnmitarbeitern Jakob „Jobs“ Blum und Albert Grimmeisen, dem Firmeninhaber Otto Volker, dem Druckereibesitzer Friedrich Hameier, dem BASF-Angestellten Albert Mayer oder dem Postbeamten Adrian Platz. Sie waren die treibenden Kräfte für die Gründung des Pfälzerwald-Vereins (PWV) am 27. November 1902 im oberen Saal des „Bürgerbräus“ in der Ludwigstraße, dem heute weit über 20.000 Mitglieder in rund 200 Ortsgruppen angehören.

Fasig wurde erster Vorsitzender

Als die 116 Versammlungsteilnehmer, von denen sich 95 in die erste Mitgliederliste eintragen ließen, nach einigen Stunden auseinander gingen, hatte der Zusammenschluss statt „Touristenclub Pfalz“ auf Anraten von Heinrich Kohl den Namen „Pfälzerwald-Verein“, den Wäldlergruß „Waldheil“ und einen ersten Vorstand. Nicht der engagierte Initiator Otto Linck, sondern der renommierte Türenfabrikant Anton Fasig wurde Vorsitzender – Linck musste sich mit dem zweiten Vorsitz begnügen. Dabei hatte der rührige Bahnassistent schon viele Wochen zuvor mutig wesentliche Vorarbeit geleistet und sich die Unterstützung des mächtigen Pfalzbahnen-Chefs Karl-Jakob von Lavale (1843 bis 1925) gesichert. Schriftführer wurde Albert Grimmeisen, Rechner Albert Mayer, als Beiräte gehörten Friedrich Hameier, Heinrich Kohl, Adrian Platz, Heinrich Häubl, Heinrich Graßl und Otto Volker dem ersten Vorstand des PWV an. Kohl und Grimmeisen waren maßgeblich beteiligt, dass nach nur einjährigem Bestehen der Ortsgruppe Ludwigshafen-Mannheim der Verein durch seine Gliederung in Ortsgruppen zu seiner heute pfalzweiten Form fand.

Heinrich Kohl am 28. Mai 1932 bei der 100-Jahr-Feier zum Hambacher Fest.
Heinrich Kohl am 28. Mai 1932 bei der 100-Jahr-Feier zum Hambacher Fest.

Lehrwanderungen inszeniert

Heinrich Kohl war nie PWV-Vorsitzender, aber er gehörte einige Jahrzehnte lang dem Gesamtvorstand an: Unter anderem als Rechner und vor allem als Vorsitzender des wichtigen Wanderausschusses. Denn kaum einer von den „Männern der ersten Stunde“ kannte sich im fast noch (wander-)wegefreien Pfälzerwald so gut aus wie er. Und so initiierte Heinrich Kohl von Beginn seiner ehrenamtlichen Tätigkeit an ein weitgespanntes touristisches Netz mit der Anlage und Markierung von Wanderwegen, regte den Bau von Wanderhütten und Aussichtswarten an, ließ Quellen fassen, schuf eine übersichtliche Pfalz-Wanderkarte mit acht verschiedenen Blättern (1:50.000), inszenierte Lehrwanderungen, holte zur künstlerischen Gestaltung der Mitgliedskarten renommierte Maler wie Max Slevogt, Heinrich Strieffler, Otto Dill, August Croissant, Albert Weisgerber oder Gustav Ernst ins Boot, organisierte das Zusammenwirken von dörflicher Gastronomie und pfalzweitem Wanderwesen, sorgte für regelmäßige verbilligte Bahnfahrten von Ludwigshafen nach Neustadt und Bad Dürkheim (ein Pfennig für einen Kilometer) und plädierte erfolgreich für die Wiedereinführung alter Ortsbezeichnungen im Pfälzerwald. Die Aussichtsterrassen auf dem Weinbiet, die Wetterwarte auf der Kalmit oder das Lindelbrunnhaus im Wasgau sowie mehrere Hütten gehen auf seine Initiative zurück.

Ins Bankwesen eingestiegen

Bei soviel ehrenamtlichem Engagement müsste eigentlich der berufliche Werdegang leiden – doch bei Heinrich Kohl weit gefehlt. Der Landauer Kaufmannssohn stieg bei der Würzburger Privatbank Felix Heim ins Bankwesen ein, kehrte in die Pfalz zurück und war dort ab 1. Juli 1901 tätig: bei der „Pfälzischen Bank AG“ in Ludwigshafen und ab 1. Mai 1908 bei deren Neustadter Filiale, wo der „Mitarbeiter mit hohem Intellekt“ 1917 stellvertretender Direktor und 1918 „Volldirektor“ wurde – auch bei der „Rheinischen Creditbank“ (Vorläufer der Deutschen Bank), die ab 1922 die Geschäfte übernahm. 1926 wurde Heinrich Kohl zum Neustadter Filialdirektor ernannt. Das blieb er bis 1929, als er mit erst 56 Jahren aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in Pension ging. Aktiv blieb er weiterhin und veranlasste in einer Denkschrift vom 12. September 1929 sogar Papst Pius XI., dem Speyerer Mariendom eine Madonnenstatue zu schaffen.

Heinrich Kohl (oben links) mit einem seiner Neustadter Freundeskreise.
Heinrich Kohl (oben links) mit einem seiner Neustadter Freundeskreise.

Titel „Kommerzienrat“

1923 erhielt Heinrich Kohl den Titel „Kommerzienrat“ – aber damit angeredet werden wollte er ebenso wenig wie mit dem Titel „Direktor“. Zweimal wurde er für sein auch politisches Engagement ausgezeichnet – mit dem Verdienstkreuz des Ordens vom Heiligen Michael und dem Königlich Preußischen Verdienstkreuz für Kriegshilfe. Die Pfälzer ehrten den nimmermüden Mann, der am Neustadter Treppenweg in einer Villa lebte, auf ihre Weise: Er wurde als „Symbol der Pfalz“, „Pfälzerwald-Direktor“ oder „Pfälzerwald-Kohl“ eine regionale Berühmtheit. Für seine südpfälzischen Jugendfreunde war er der „Kohle-Henner“. Seine beeindruckende Schuhgröße 50 soll übrigens den Begriff „Pädeltreter“ in den pfälzischen Sprachschatz gehoben haben.

Als Heinrich Kohl am 6. November 1936 im Alter von 63 Jahren starb, trauerten die Pfälzer Wanderer und Pfälzerwald-Freunde. An der Beerdigung auf dem Landauer Friedhof nahmen zahlreiche regionale Politiker und Künstler, Pfälzer Heimatforscher und Vertreter der Wandervereine teil. Aus Speyer reiste Bischof Ludwig Sebastian an – für den PWV sprach der Ludwigshafener Joseph Kederer. „Der Heimat galt alles, was er sann und trachtete,“ heißt es in einem literarischen Nachruf.

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