Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Mannheimer Stadtensemble erinnert an Ausschreitungen: Beklemmende Angst

Das Stück erinnert an die Ausschreitungen vor 30 Jahren.
Das Stück erinnert an die Ausschreitungen vor 30 Jahren.

Weitgehend vergessen sind ausländerfeindliche Ausschreitungen in Mannheim vor 30 Jahren. Mit „Brennstoff“ erinnert daran das Mannheimer Stadtensemble. Am Jahrestag hat das Stück seine Uraufführung im Studio Werkhaus erlebt.

Vom 26. Mai bis 13. Juni 1992 belagerte eine mit Baseballschlägern bewaffnete Meute die ehemalige Gendarmeriekaserne in Mannheim-Schönau. Die Meute hatte es auf die hier untergebrachten Asylbewerber abgesehen. Motiv war ein Gerücht, wonach ein Bewohner der Unterkunft eine 16-Jährige vergewaltigt haben soll. An den immer aggressiver werdenden Ausschreitungen beteiligten sich zeitweise Hunderte Stadtteilbewohner. Bald stellte sich dem wütenden, teils angetrunkenen Mob eine antirassistische Demonstration und eine 30-köpfige Mahnwache entgegen. Die AfD schob die Schuld an der angespannten Situation den Asylbewerbern in die Schuhe, der damalige Oberbürgermeister Gerhard Widder mahnte zu Besonnenheit: „Bewahren Sie Ruhe, und lassen Sie sich nicht provozieren!“

Anders als in Hoyerswerda im Jahr zuvor, anders auch als in Rostock-Lichtenhagen im folgenden August und bei dem Brandanschlag in Mölln im November 1992 ist der Vorfall in Schönau glimpflich verlaufen. Vielleicht ist der unblutige Ausgang ja der Grund, weshalb er inzwischen weitgehend vergessen ist. Bei seinen Recherchen zu Erinnerungslücken für sein Stück „Body“ ist das Stadtensemble aber auf ihn gestoßen und wollte ihn unbedingt dem Vergessen entreißen. Die Laienspieltruppe des Nationaltheaters durchforstete mit ihrer Leiterin Beata Anna Schmutz Zeitungsarchive und befragte Augenzeugen. Den Text ließ sie sich von Antigone Akgün schreiben.

Beklemmende Angst wird vermittelt

Gleich zu Beginn der Aufführung macht die Autorin in einem Prolog deutlich, dass sie gewillt ist, über den beschränkten Horizont des Vorfalls hinauszuschauen und gegen fortdauernde Ausländerfeindlichkeit und Ungerechtigkeit anzugehen. In eigener Sache erwähnt sie, dass ihrem kurdischen Vater die Anerkennung seines Abschlusses in Medizin verweigert und als Realschulabschluss eingestuft wurde. Im Stück selbst begehrt sie gegen die ungleiche Behandlung von Flüchtlingen aus der Ukraine und aus anderen Ländern wie Syrien oder Jemen auf. Das brennendste Problem der Autorin und auch der Regisseurin Beata Anna Schmutz aber besteht darin, wie die Öffentlichkeit aufzurütteln, wie dem Publikum mit Mitteln der Sprache und des Theaters die beklemmende Angst zu vermitteln ist.

Mit drohendem Blick ins Publikum legt ein Darsteller einen Baseballschläger ab. Eine Darstellerin prügelt krachend mit einem Schläger auf eine Tischplatte ein. Ein dritter brüllt immer wieder „Ich falle“, um den Worten die Tat folgen zu lassen. Andere der über ein Dutzend Darsteller steuern Fakten und Zitate bei, etwa das des Heimleiters: „Das Vertrauen in Deutschland ist verloren gegangen.“ Im Chor prangert das Ensemble Teilnahmslosigkeit und Gleichgültigkeit an und fragt provokativ in die Runde: „Was hat das eigentlich mit mir zu tun?“ Daneben setzt die Inszenierung auf Bilder. Ein Pappmachéhügel könnte für die angehäufte Ignoranz stehen. Eindeutiger ist es, wenn sich die Darsteller Gras in den Mund stopfen. Es ist dem Stadtensemble zu verdanken, dass über das Pogrom, das nicht stattgefunden hat, nicht voll und ganz Gras gewachsen ist.

Termine

Weitere Aufführungen am Samstag, 28. Mai, um 18.30 und 20 Uhr. Karten unter Tel. 0621/1680150 oder www.nationaltheater-mannheim.de

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