Ludwigshafen
Ludwigshafener Geschichte(n): Eiszeit auf dem Rhein
Es ist eine „Legende“, die sich seit nahezu 100 Jahren eisern hält: Als der Rhein zwischen Ludwigshafen und Mannheim vom 14. bis 27. Februar 1929 an 13 Tagen zugefroren war, sollen sich angeblich vor allem die Kinder an einem Karussell erfreut haben, das ein findiger Unternehmer mitten auf dem Eis aufgebaut hatte ...
Richtig ist, dass es tatsächlich bei der Ludwigshafener Stadtverwaltung einen Antrag für die Aufstellung eines Karussells auf dem Rheineis gegeben haben wird – er wurde jedoch wegen der Gefahr eines Unglücks strikt abgelehnt. Fotos aus jenen eisigen Tagen zeigen jedoch eine große Menschenmenge zwischen den beiden Ufern des Rheins, die sich über die ungewöhnliche Situation eines Spaziergangs auf dem Rhein freuten.
Nicht verhindern konnten die überforderten Behörden, dass die vielen Tausend Schaulustigen auf der „Oberrhein-Eiswüste“ von pfiffigen Händlern mit Glühwein, Grog, Brezeln und warmen Würstchen – meist vom sicheren Ufer aus – versorgt wurden. Und dass einige Aniliner nach Feierabend ihren Heimweg von der BASF in den Ludwigshafener Süden und nach Mannheim über das feste Eis nahmen. In den Häfen Ludwigshafens lagen in diesen Tagen um den 15. Februar 1929 dem Vernehmen nach 162 Schiffe fest. Ihre Besatzungen mussten mit Trink- und Brauchwasser vom Festland aus versorgt werden. Und die Altriper Gierfähre lag im Rheinauer Hafen vertäut in sicherem Revier – die vorgespannten Eisenkähne waren zuvor an Land gebracht worden.
Mehr als nur einmal total vereist
Der Rhein war im 19. Jahrhundert mehr als nur einmal total vereist. Doch diese ungewöhnlichen Ereignisse wurden immer seltener, heute ist kaum noch damit zu rechnen: Die Einleitung von Abwässern der Rheinanlieger, Abwärme von Kühlwasser aus Kraftwerken und die Klimaerwärmung sorgen dafür, dass der einst zugefrorene Rhein immer mehr zur Legende aus längst vergangenen Tagen wird. Zum letzten Mal gab es im Januar 1963 Probleme mit Rheineis, als die Schifffahrt nach Angaben der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Mainz zwischen Mannheim und der holländischen Grenze vor allem wegen gewaltiger Mengen Treibeis eingestellt werden musste. An der Rheinengstelle an der Loreley hatten sich regelrechte Eisberge aufgetürmt.
Doch das Jahr 1929 mit Minustemperaturen bis zu 25 Grad Celsius und wochenlangem Dauerfrost wird in Ludwigshafen noch lange für Legendenbildung sorgen. Laut Zeitungsberichten von damals wälzten sich am 17. Februar 1929, einem Sonntag, „Volksscharen“ auf dem zugefrorenen Rhein. „Brezeln, warme Würstchen und heiße Grogs finden reißenden Absatz,“ berichteten die Journalisten, „die Gastwirte müssten von Rechts wegen dem vereisten Rhein ein Dankopfer bringen für den außergewöhnlichen Zustrom“. Selbst ein Motorrad kreiste auf der dicken Eisfläche. Angeblich wagte sich sogar ein Autofahrer aufs Eis.
Ein vergleichbares Schauspiel hatte es schon Anfang Januar 1864 gegeben, als wegen des zugefrorenen Rheins die Schiffsbrücke abgefahren werden und die Trajektanstalt die Beförderung der Eisenbahnwaggons der Pfälzischen Bahnen nach Mannheim einstellen musste.
Historiker des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts notierten insgesamt etwa 20 Mal eine geschlossene Eisdecke des Rheins bei Ludwigshafen seit 1815. „Treibeisprobleme“ gab es zum Beispiel 1933 an 14 Tagen, 1940 behinderten die Eisschollen an 17 Tagen die Schifffahrt und 1942 kam noch an 29 Tagen zu den drei Wochen Treibeis das sogenannte Randeis hinzu, das wie im Jahr zuvor einen Monat lang die Ufer unbegehbar machte.
Auch 1956 machten riesige Treibeisschollen zeitweise die Schifffahrt unmöglich. Feste Eisdecken auf dem Rhein gab es nach Behördenangaben neben den legendenhaften Ereignissen in den Jahren 1830, 1880, 1884, 1918 und 1947.