Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Ludwigshafen: Schüler und Politiker gedenken der Opfer des Nationalsozialismus

„Erinnerung funktioniert als Warnung“, sagte Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck bei der Kranzniederlegung an der Maxschule.
»Erinnerung funktioniert als Warnung«, sagte Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck bei der Kranzniederlegung an der Maxschule. Foto: KUNZ

Am 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz haben am Montag zwei Veranstaltungen zum Gedenken an die Millionen Opfer des Nationalsozialismus stattgefunden. An der Maxschule in der City legten Politiker und Schüler einen Kranz nieder. An der Gesamtschule in Edigheim wurde ein besonderer Gast begrüßt.

„Erinnerung ist keine Rückschau. Erinnerung funktioniert als Warnung.“ Das sagte Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD) am Montagmorgen, als sie gemeinsam mit Vertretern aus Politik und Wirtschaft sowie den Schülern der Berufsbildenden Schule Wirtschaft 2 (BBS) im Schulhof der Maxschule der Opfer der Nazi-Schreckensherrschaft gedachte.

„Hier, in diesem Schulhof, hat für viele Ludwigshafener eine Fahrt ohne Wiederkehr begonnen“, erinnerte Steinruck am 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz. Im Schulhof waren am frühen Morgen des 22. Oktober 1940 rund 6500 Männer, Frauen und Kinder zusammengetrieben worden. Von hier aus begann zunächst der Transport in das französische Lager in Gurs am Fuße der Pyrenäen.

„Als Erstes in Deutschland judenfrei“

„In dieses Lager kam hinein, wer kein Recht hat, Mensch zu sein“, zitierten die Schüler aus einem Gedicht von Insassen. Wer nicht in Gurs verstarb, wurde in einem der Vernichtungslager grausam ermordet. „Der 22. Oktober 1940 war das Ende des deutsch-jüdischen Lebens in der Region“, bilanzierten die Schüler. Stolz meldeten die nationalsozialistischen Gauleiter ihre Region als „Erstes in Deutschland judenfrei“.

Eine Zeit, die sich niemals wiederholen dürfe, mahnte Steinruck. „Wir sind bis heute fassungslos über die Verbrechen, die Menschen an Menschen begangen haben.“ Sie räumte allerdings ein, dass die Verbrechen, die mittlerweile mehr als 75 Jahre zurückliegen, im Gegensatz zu aktuellen Amokläufen oder Grausamkeiten für heutige Generationen immer weniger greifbar seien. Genau deshalb müsse die Erinnerung an Auschwitz als einer von vielen Orten, in denen die Nazis Völkermord betrieben haben, aufrecht erhalten werden.

Ermordung von sechs Millionen Menschen

„Auschwitz steht wie kein anderer Ort für die Ermordung von sechs Millionen Menschen.“ Deshalb stehe allein die Zahl der Opfer des organisierten Massenmords für die nationalsozialistische Schreckensherrschaft. „Es bedeutete sechs Millionen Mal Folter, Erniedrigung, Qualen und Mord“, sagte die Oberbürgermeisterin vor der Kranzniederlegung im Gedenken an die Opfer.

Bis zum Freitag, 31. Oktober, erinnert daran auch eine kleine Ausstellung, die von den Schülern der Höheren Berufsschule der Polizei zusammengetragen wurde. Sie erzählt von der „Judenfeindschaft in der deutschen Geschichte“. Die Ausstellung ist in der Außenstelle der BBS in der Schulstraße zu sehen, genau gegenüber dem Schulhof der Maxschule, wo die Träger des Abrahampokals bei der Gedenkfeier das Schreckliche in Worte zu fassen versuchten. Auch hier half ein Blick auf die Zahlen: „Gurs hat heute rund 430 Einwohner. In dem Lager wurden rund 60.000 Menschen gefangen, misshandelt und umgebracht.“

Judith Rhodes erzählt Familiengeschichte

Auch in der Schulbibliothek der Integrierten Gesamtschule Edigheim wurde am Montag an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz erinnert. Judith Rhodes war an der Schule zu Gast. Die 66-Jährige kam aus der Nähe von Leeds in England nach Ludwigshafen, um über ihre Familiengeschichte zu sprechen. Ihre Mutter, Ursula Michel, ist nämlich in Ludwigshafen aufgewachsen und im Alter von 15 Jahren mithilfe der Kindertransporte nach England geflohen.

Die Schüler der zehnten Klassenstufe der IGS Edigheim haben sich in den letzten Wochen im Unterricht mit dem Thema Nationalsozialismus befasst. Dabei haben sie sich auch mit der Familie Michel beschäftigt und hatten Fragen an Judith Rhodes vorbereitet. Zunächst schauten sie sich aber den Kurzdokumentarfilm „Koffer gepackt und überlebt“ an, der mit der Hilfe der Initiative „Ludwigshafen setzt Stolpersteine“ entstanden ist und die letzten Jahre von Ursula Michel in Deutschland dokumentiert.

Erinnerung zu schmerzhaft

Die Diskussion nach dem Film war sehr lebhaft, und die Schüler lauschten gespannt den Worten Rhodes. Sie erzählte, wie ihre Mutter nur nach und nach von ihrer Familie aus Deutschland erzählt hat. „Ich wusste immer, dass ich halb-deutsch war, aber erst als ich zehn war, begann meine Mutter, mit mir über ihre Erfahrungen in Deutschland zu sprechen“, sagte Rhodes. Manche Themen jedoch erwähnte sie nie, so zum Beispiel die Reichspogromnacht am 9. November 1938. Dass ihre Familie auch direkt Opfer der Zerstörung durch Nationalsozialisten wurde, erfuhr sie erst nach dem Tod ihrer Mutter während der Produktion der Dokumentation. Rhodes vermutet, dass diese Erinnerung zu schmerzhaft war und sie deshalb auch nie nach Ludwigshafen gekommen ist.

Viel Interesse hatten die Zehntklässler auch an Rhodes Sicht an der heutigen politischen Lage. „Es ärgert mich, dass es Menschen gibt, die diesen Völkermord leugnen, vor allem anhand der Beweise, die durch die sorgfältige Dokumentation noch heute existieren“, meinte Rhodes.

Eine Schülerin, deren Mutter vor dem Balkan-Krieg geflüchtet ist, fragte Rhodes, wie sie mit der Verschlossenheit ihrer Mutter gegenüber dem Erlebten umgehen soll. „Am besten erst mal nicht fragen und warten, bis sie sich von selbst öffnet“, riet ihr Rhodes aus Erfahrung.

Zur Sache: Judith Rhodes und die Geschichte ihrer Familie

Judith Rhodes ist die Tochter von Ursula Michel, einer gebürtigen Ludwigshafenerin, die 1939 mit einem der letzten Kindertransporte nach England geflüchtet ist. Rhodes wurde dort geboren und kam mit acht Jahren das erste Mal nach Deutschland. Ab 1983 verbrachte sie jedes Jahr ihren Urlaub in Deutschland – im Schwarzwald oder in Heidelberg.

Ihre Mutter wuchs in der Pfalzgrafenstraße (Süd) auf und besuchte das Mädchengymnasium in Ludwigshafen, das heute das Geschwister-Scholl-Gymnasium ist. Während ihr Vater Jude war, wurden sie und ihre Schwester wie ihre Mutter protestantisch getauft. Dennoch musste Michel 1938 miterleben, wie Nationalsozialisten in der Reichspogromnacht die Wohnung ihrer Familie zerstörten und ihr Vater von SA-Männern in das Konzentrationslager Dachau verschleppt wurde. Durch ihre Flucht musste sie ihre Eltern und kleine Schwester Lilli in Deutschland zurücklassen und hatte nur noch Briefkontakt zu ihrer Familie.

Ursula Michel ist die Einzige aus ihrer Familie, die den Holocaust überlebt hat. Ihr Vater wollte mit seiner zurückgebliebenen Tochter Lilli in die Schweiz flüchten, wurde jedoch an der Grenze zurückgewiesen. Die beiden und Mutter Gertrud kamen 1942 in das Konzentrationslager Treblinka und wurden dort ermordet. Michel baute sich ein Leben in England auf und kehrte bis zu ihrem Tod 2011 nicht nach Ludwigshafen zurück.

In den Unterlagen ihrer Mutter fand Judith Rhodes Briefe, die Michel nach ihrer Flucht von ihrer Familie erhielt. Sie nahm Kontakt zum Verein „Ludwigshafen setzt Stolpersteine“ auf, der ihr bei der Recherche der Familiengeschichte half. Seit 2010 sind vor der Pfalzgrafenstraße 67 vier Stolpersteine für die Familie Michel im Bürgersteig verlegt worden. Rhodes besucht Ludwigshafen regelmäßig und hält hier und in der Umgebung Vorträge zum Leben und zur Flucht ihrer Mutter. Im Jahr 2014 wurde der Kurzdokumentarfilm „Koffer gepackt und überlebt“ produziert und feierte in Ludwigshafen am 26. Januar Premiere. Darin werden die Jahre 1938 bis 1942 aus Sicht von Ursula Michel geschildert und von Rhodes und Ursula Rosenfeld, einer Freundin der Familie, kommentiert. Vor dem Dokumentarfilm wurde 2013 bereits eine Unterrichtsmappe zusammengestellt. Darin befinden sich Kopien von Dokumenten und Fotos, die Rhodes im Nachlass ihrer Mutter fand und zur Verfügung stellte.

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