Mannheim
Liebe in Zeiten des Smartphones: „Werther“ am Nationaltheater
Als die Zuschauer im Studio Werkhaus ihre Plätze einnehmen, ist Werther schon hochkonzentriert mit seinem Handy beschäftigt. Der junge Mann sucht nach den passenden Worten für eine Textnachricht. Viel Platz ist da ja bekanntlich nicht, für den Überschwang seiner Gefühle jedenfalls eindeutig zu wenig. Poetisch soll es sein, aber auf keinen Fall abgedroschen. Verzweifelt probiert er lyrische Zeilen aus, „die Sonne ist hell, du bist noch heller“ und so. Ist natürlich nicht das Richtige.
László Branko Breiding als Werther trägt nicht blauen Frack mit gelber Weste, sondern schwarze Hose und weißes Shirt. Er ist auch kein angehender Jurist, sondern ein Videokünstler in der Experimentierphase. Nur die Sache mit der unglücklichen Liebe ist genauso wie in Goethes berühmtem Briefroman von 1774. Die hübsche Charlotte hat ihm den Kopf verdreht, und auch die Tatsache, dass deren Verbindungsabsicht zu dem soliden Albert unabänderlich ist, kann ihn nicht davon abbringen, genau diese Frau für die Liebe seines Lebens zu halten.
Wilde Party, die nie gefeiert wurde
Die Regisseurin Jacqueline Reddington und der Bühnenbildner Louis Panizza haben ihren Werther in eine Art Künstleratelier gestellt, das neben Videotechnik und viel Leere nur drei Dutzend Umzugskartons zu bieten hat. Die stehen anfangs noch säuberlich gestapelt neben- und übereinander, in den folgenden 60 Minuten zerrt sie Breiding dann nach vorn, holt jede Menge Erinnerungsstücke und Dekoteile heraus, Windlichter, Girlanden, Weingläser, Blumensträuße. Es ist die Ausstattung für eine wilde Party, die offenbar nie gefeiert wurde.
Breidings Werther ist zwar immer wieder mit dem Versenden von Kurznachrichten beschäftigt oder mit dem besorgten Warten auf eine Antwort, vor allem aber benutzt er den Abend, um dem Publikum seine Sicht der Dinge klar zu machen. Zu Beginn ist er einfach ein über beide Ohren verliebter Junge, der alle Welt von den göttlichen Attributen seiner Angebeteten zu überzeugen sucht. Fast unmerklich geht es da von einer lockeren, manchmal unsicher tastenden Gegenwartssprache hinüber zu Goethes Originaltext, dessen gefühlsumtoster Überschwang hier fast schüchtern-poetisch wirkt. Dabei gelingt das Kunststück, weder den neuen Text allzu flapsig und alltagsbanal werden zu lassen, noch das Original der Ironie preiszugeben. Goethes Sätze klingen wie die kunstvoll überhöhte Geheimsprache eines Liebenden, für die in der Wirklichkeit kein Raum ist und in einer SMS schon gar nicht.
Der junge Mann als Stalker
Viel originärer Goethe ist dabei nicht übriggeblieben. Breidings Werther hat ja viel zu erzählen. Zum Beispiel, was für ein „Spitzentyp“ dieser Albert ist, charmant, rücksichtsvoll, kinderlieb, sportlich. Dass dieser Wundermann nur deshalb Waffen sammelt, um damit das Gewaltpotenzial auf der Welt ein wenig kleiner zu machen, ist eine witzige Replik auf Goethes Roman, wo Werther sich die Pistole für seinen Suizid ja auch bei Albert ausleiht. Einen Handyfilm von Charlottes Wohnung hat er auch zu bieten, ohne die Angebetete zwar, aber doch mit vielen intimen Details, die den zunehmend ins Pathologische abdriftenden Werther auch als einen handfesten Stalker outen. Im letzten Teil tauscht er Hose und Shirt gegen ein goldglitzerndes Kleid, verwandelt sich selbst in die Geliebte, die er nicht haben kann.
Am Ende sieht der Bühnenraum recht zerzaust aus, wird zum Abbild des Gefühlslebens des unglücklichen Helden. Der ist von zunehmender Konfusion ergriffen, die Aktionen auf der Bühne laufen ins Leere, die Textnachrichten werden rätselhaft. Irgendwann steckt er den Kopf in einen Karton, und man hört einen Pistolenschuss. Aber gleich darauf sieht man ihn quicklebendig davonlaufen. Vielleicht war dieser unterhaltsame, Goethe auf sympathisch-kluge Weise ernst nehmende Abend ja einfach eine clevere Kunstaktion, und Werther hat endlich einen Weg gefunden, seinen Leiden ein unblutiges Ende zu bereiten.