Ludwigshafen Leidensweg zum eigenen Kind

Gleich zwei Filme im Wettbewerb des Festivals des deutschen Films schicken ihr Publikum ins südliche Asien an den Indischen Ozean. „Patong Girl“ spielt in Thailand, „Monsoon Baby“ in Indien. Hauptdarstellerin Julia Jentsch und Regisseur Andreas Kleinert waren am Premierenabend des Films, der im Programmheft noch unter dem Arbeitstitel „Ein neues Leben“ firmiert, zu Gast in Ludwigshafen.
In Indien war Julia Jentsch zuvor noch nicht, in Ludwigshafen schon, wie sie sich erinnert. 2006 war das, mit einem Gastspiel von „A Taste of Honey“ im Theater im Pfalzbau, einer Peter-Zadek-Inszenierung für das St. Pauli Theater. „Aber wie das manchmal bei Gastspielen so ist“, schränkt sie ein, „man kommt am Nachmittag an, sieht eigentlich nur die Straße, in der man wohnt, dann das Theater und ist schon wieder weg.“ Beim Filmfestival ist sie zum ersten Mal. Nach Indien führten sie erst die Dreharbeiten von „Monsoon Baby“ im Herbst 2013. „Ich hatte einen richtigen Kulturschock, als ich wieder zurückkam“, berichtet die Berlinerin, die durch ihre Theaterarbeit und ihre Hauptrollen in Filmen wie „Die fetten Jahre sind vorbei“, „Sophie Scholl - Die letzten Tage“ und „Effi Briest“ bekannt wurde. Die Berichte über Indien, die sie vorab gelesen hatte, konnten ihr nicht annähernd ein Gefühl davon vermitteln, was sie dort selbst erlebte und empfand. Die Dreharbeiten mit Andreas Kleinert in Kalkutta seien für sie eine ganz tolle, bereichernde Zeit gewesen. „Ich hoffe, dass ich irgendwann mal wieder in dieses Land reisen werde“, wünscht sich Julia Jentsch. Im Film spielt sie Nina Volkert, die mit ihrem Lebenspartner Mark (Robert Kuchenbuch) seit Jahren vergeblich versucht, ein Kind zu bekommen. Drei Fehlgeburten hat sie hinter sich. Adoption kommt für beide nicht in Frage. Sie wünschen sich ein eigenes Kind, entstanden aus ihrer Liebe – und ihren Genen. Die letzte Möglichkeit scheint der in Deutschland gesetzlich verbotene Weg einer Leihmutterschaft. Deswegen Indien. Nina weint, als sie sagt: „Das hier ist unsere letzte Chance.“ Julia Jentsch erzählt, sie sei sich des Leidensdrucks, den unfreiwillig kinderlose Paare empfinden, zuvor nicht bewusst gewesen. „Das war mir vorher überhaupt nicht klar“, sagt sie, selbst Mutter einer Tochter. „Meine erste Reaktion war: Ja, wenn das so lange nicht klappt, warum sich dann nicht damit abfinden und einfach sagen, das soll eben nicht sein?“ Dass im Film Nina und Mark kein harmonisches Paar sind, und man nicht recht glauben mag, dass sie mal eines waren, erklärt Jentsch damit, dass die Zuschauer die beiden in einer schwierigen Lebensphase kennenlernen, die für die Beziehung eine große Herausforderung bedeutet. „Wir wollten ein Paar zeigen, das schon einen langen Leidensweg hinter sich hat, da gibt es Anspannungen, bestimmte Dinge, die man vielleicht schon tausendmal durchlebt hat, und die ganzen Hormontherapien, die ja auch eine Belastung für Körper und Psyche sind.“ Nina und Mark sind an einer Art Endpunkt angelangt. In einer Klinik, die auf kommerzielle Leihmutterschaft spezialisiert ist, finden sie Shanti, der Ninas befruchtete Eizellen eingesetzt werden. „Wir sind schwanger“, meint Mark danach. „Nein, sind wir nicht. Shanti ist schwanger“, korrigiert Nina ihn sachlich. Später, im alkoholisierten Zustand, formuliert sie es so: „’Ne indische Frau bekommt mit meinen Eiern, geschwängert vom Samen meines Mannes, ein Baby!“ „Monsoon Baby“, eine Fernsehproduktion für den Bayerischen Rundfunk, will auch darüber aufklären, was Leihmutterschaft bedeutet, für die Auftraggeber ebenso wie für die Tragemütter. „Ich finde das Thema nach wie vor sehr komplex“, meint Julia Jentsch kurz nachdem sie den Film erstmals ganz gesehen hat. „Ich finde es sehr gelungen, wie der Film dazu anregt, darüber zu diskutieren und die verschiedenen Seiten dieses Themas zu betrachten“, sagt sie.