Ludwigshafen
Lehrerinnen berichten: Die fünf großen Baustellen im Bildungssystem
Die Gräfenau-Grundschule im Hemshof sei kein Einzelfall in Ludwigshafen, wie Lehrerinnen aus mehreren Grundschulen im Süden und Norden der Stadt am Rhein betonen. Zwar gebe es an keiner anderen Schule so viele Kinder wie im Hemshof, die die erste Klasse wiederholen müssten. Aber trotzdem schlagen die Kolleginnen von Barbara Mächtle, der Leiterin der Gräfenauschule, gleichfalls Alarm und plädieren für baldige Veränderungen in den Schulen: aus großer Sorge um all jene Kinder, die unter den aktuellen Bedingungen auf der Strecke bleiben und die Freude am Lernen verlieren. Die Pädagoginnen sagen unisono: „Wir lieben unseren Beruf. Aber wir werden den Kindern gerade nicht mehr gerecht. Es ist höchste Zeit für Veränderungen im Bildungssystem.“ Sie benennen fünf große Baustellen:
1. Keine Deutsch-Kenntnisse
Dass viele Schüler gar nicht oder nur sehr schlecht Deutsch sprechen, belastet die Lehrerinnen an den Grundschulen in Ludwigshafen sehr. Sie können sich nicht über Alltägliches mit den Kindern und auch nicht mit den Eltern austauschen. Das betrifft nicht nur Schulanfänger, sondern auch noch Schüler der dritten und vierten Klasse, wenn diese Kinder gerade erst mit ihren Familien in der Stadt angekommen sind und dann mitten im Schuljahr einer Schule zugewiesen werden. Mehr Kitaplätze und Schulvorbereitungsklassen könnten nach Ansicht der Lehrerinnen dazu beitragen, die Situation an den Schulen zu verbessern und würden den Kindern mit Migrationshintergrund den Start ins Schulleben erleichtern.
2. Zu große Klassen
Alle Lehrerinnen berichten von sehr großen Klassen. 23 bis 24 Kinder seien die Regel. Mitunter müssten auch mehr als 30 Kinder in einem Klassensaal unterrichtet werden, wenn Lehrer wegen Krankheit ausfallen und dann Klassen auf andere Klassen verteilt werden. In einer Grundschule wurden über einen längeren Zeitraum vier Klassen von zwei Lehrerinnen betreut. Teilweise fehlen sogar Tische und Stühle, um allen Kindern in einem Saal einen Platz anzubieten. Einzelne Lehrerinnen haben aus eigener Tasche Hocker angeschafft. In vielen Schulen fehlen Fach- und Funktionsräume, weil alle Räume wegen steigender Schülerzahlen in Klassensäle umgewandelt werden mussten. Auch auf den Schulhöfen wird der Platz für die Kinder knapper, wenn zum Beispiel Container als Ausweichquartiere aufgestellt werden. Da die Schere zwischen Kindern mit großem Förderbedarf und leistungsstarken Schülern immer weiter auseinandergehe, sei es bei so vielen Kindern kaum möglich, individuell angemessen zu unterrichten, stellen die Lehrerinnen fest.
3. Kinder mit Förderbedarf
Die Anzahl der Kinder mit Förderbedarf hat in den vergangenen Jahren dramatisch zugenommen. Die Lehrerinnen führen das nicht nur auf die Corona-Krise zurück. Der Trend sei schon vor der Pandemie deutlich erkennbar gewesen, sagen sie. Pädagoginnen mit langer Berufserfahrung schildern, dass es am Beginn ihrer Laufbahn zwei bis drei Kinder pro Klasse gegeben habe, die besondere Aufmerksamkeit brauchten. Heute haben dagegen teilweise drei Viertel der Kinder in einer Klasse Förderbedarfe. Die Lehrerinnen beschreiben ein breites Spektrum von Auffälligkeiten bei den Jungen und Mädchen: Viele haben Konzentrationsschwierigkeiten oder fangen Streit an bis hin zu Schlägereien. Einzelne Kinder werfen sich regelmäßig vor dem Klassensaal auf den Boden oder verstecken sich im Schulhaus und verhindern damit den Beginn des Unterrichts. Viele fehlen unentschuldigt, sodass die Lehrer zunächst recherchieren müssen, ob dem Kind etwas zugestoßen ist. Zudem gibt es viele Kinder mit ADHS, Autismus, Lese-Rechtschreib-Schwäche und Dyskalkulie (Rechenstörung).
4. Personalmangel
Alle Schulen klagen über zu wenig Personal. Die Lehrerinnen schlagen vor, dass mittelfristig jede Klasse von zwei Pädagogen betreut wird. Nur dann könnten die Kinder individuell gefördert und gefordert werden. Auch sei nur dann gewährleistet, dass es im Krankheitsfall immer noch eine bekannte Bezugsperson pro Grundschulklasse gibt und Kinder nicht über einen längeren Zeitraum auf andere Klassen aufgeteilt oder von unbekannten Vertretungslehrern unterrichtet werden müssen. Jene Lehrer, die die Kinder in Deutsch als Zweitsprache unterrichten, müssten dann auch nicht wie bisher erkrankte Klassenlehrerinnen vertreten. Durch die hohe Arbeitsbelastung gibt es an vielen Schulen langzeiterkrankte Pädagoginnen. Zudem beklagen die Lehrerinnen, dass die Wartezeit für den Einsatz von Sozialarbeitern und andere Hilfen von außen sehr lang ist.
5. Gesellschaftliche Schieflage
Es ist fünf nach zwölf und dringend nötig, dass sich etwas ändert, sagen die Lehrerinnen. Die Probleme dürften nicht mehr länger vertuscht werden. „Wir haben ein großes Bildungsproblem im ganzen Land.“ Vielen Kindern fehlen grundlegende Basiskompetenzen für den Schulbesuch, sie können zum Beispiel keine Schere und keinen Stift halten. Es gibt zu viele verschiedene Probleme in einer Klasse. Auch Kinder aus vermeintlich behüteten Familien kommen ohne Hausaufgaben in die Schule, weil die Eltern keine Zeit für sie haben. Die Grundlagen des Miteinanders sind in vielen Familien verloren gegangen. In vielen Familien gibt es keine Esskultur. Manche Eltern schicken ihre Kinder gar nicht zur Schule oder fahren einfach mitten im Schuljahr in den Urlaub, ohne die Kinder abzumelden. Manche Schüler kommen nur ganz selten. Viele Kinder bringen von zu Hause sehr große Problemberge mit.