Limburgerhof
Lars Reichow in der Kleinen Komödie
„Ich bin ein Egoist“, sang der Mainzer Kabarettist Lars Reichow nun in seinem schlicht „Ich!“ betitelten Programm in der ausverkauften Kleinen Komödie in Limburgerhof. Aber ganz so selbstbezogen war es dann doch nicht.„Ich mach' aus mir eine Riesenschau und blas' mich dabei auf wie ein Pfau“, reimt er im Titellied der Tour, und so selbstbewusst, wie er aufzutreten vermag, nimmt man es ihm fast ab. „Für andere Leute hab' ich irgendwie kein Herz, alles, was ich spüre, ist mein eigener Schmerz“, heißt es weiter, und bald imaginiert der Kleinkünstler sich gar als Königin, die ihre Entscheidungen alleine nach Gutdünken trifft. Monarchie anstelle von Demokratie, weil letztere so ungeheuer kräftezehrend ist und auf „ewig lange Diskussionen“ und „tausend kleine Trippelschritte“ am Ende nur „faule Kompromisse“ folgen lässt.
Reichow lässt abstruse Reiseerzählungen aus Skandinavien und scharfe eheliche Beobachtungen folgen, die ihn ebenso als eitlen Spiegelgucker und unverbesserlichen Egomanen darstellen. Aber er kann auch ganz anders, wie er mit einem beseelten Liebeslied belegt, das er für seine Frau und irgendwie auch für alle Frauen in der Kleinen Komödie singt.
Der Kabarettist, der auf der Bühne beständig vom Tisch zum Keyboard und zum Flügel wechselt, beweist außerordentliche Vielfalt in einem abwechslungsreichen, nie langweiligen Programm. „Ich!“, zeigt er, ist mehr als ein Blick in den Spiegel, eine Scheitelkorrektur oder das Richten einer Strähne. Der 59-Jährige verhandelt satirisch nicht nur Selbstgefälligkeit und Selbstverliebtheit, sondern ebenso die große Politik, in der sich prominente Beispiele für beide Untugenden freilich auch finden lassen.
Das Ampelmännchen
Der Bundeskanzler Olaf Scholz, als Chef der Ampelkoalition aus SPD, den Grünen und der FDP, gilt Reichow als „Ampelmännchen“ und „hanseatischer Kleiderbügel“, dessen politische Strategie stets darin bestehe, schlumpfig grinsend erst dann zu reagieren, wenn das Zaudern und Zögern voll ausgeschöpft sei. „Das hat er von Mutti gelernt“, so der Kabarettist in Anspielung auf Scholz' Vorgängerin. Gesundheitsminister Karl Lauterbach sei nicht nur der Star der Regierung, sondern auch „die Blitzkiste in der Ampel“ und übrigens auch der erste Minister, der über ein „Talkshow-Direktmandat“ in sein Amt gekommen sei. Finanzminister Christian Lindner ist für Reichow wahlweise eine „Sylter Kartoffel“ oder ein „Luftballon“, dessen Partei unter dem Stichwort „Technologieoffenheit“ alles gleichzeitig ermöglichen wolle und in der Koalition vor allem dafür zuständig sei, dass sich möglichst wenig verändere. Ein Lichtblick für alle Deutschen, die für immer an ihren alten, rostigen Öl- und Gasheizungen festhalten wollen, wie für die einschlägige Industrie, die nicht aufhören will, „die Innereien dieser Erde“ auszuverkaufen.
„Süßholzgeraspel der Diplomatie“
Dass Außenministerin Annalena Baerbock weitgehend auf das „Süßholzgeraspel der Diplomatie“ verzichte, gefällt ihm, und dass sie den chinesischen Präsidenten Xi Jinping zuletzt als „Diktator“ bezeichnet hat, sei nur richtig: „Das schmerzt ihn, aber es ist die Wahrheit.“
Reichow, der als SPD-nah gilt, hält mit seiner Meinung an keiner Stelle zurück, wird aber richtig deutlich, vom lustigen Kabarettisten zum ernsten Politiker sozusagen, wenn er auf eine vorgebliche Alternative zu sprechen kommt. „Die AfD ist eine nutzlose, rassistische, extremistische Partei, geführt von radikalen, gestörten und gescheiterten Persönlichkeiten mit dem Ziel, unsere Gesellschaft zu spalten und unsere Staatsform zu verhöhnen“, weiß er. Ähnlich unverblümt äußert er sich, als er den Ukrainekrieg anspricht: „Der Ausgang dieses Krieges wird uns alle angehen.“
Mit Reichow-Klassikern
Das 2020 gestartete „Ich!“ verhandelt auch ältere, nicht mehr ganz so aktuelle Themen, wie die zurückliegende WM im „Fußball-Emirat“ Katar, und enthält auch ältere Songs, Reichow-Klassiker sozusagen, wie „Je wesesche“, seine so grandiose „Je t’aime“-Parodie, die mit dem Tod Jane Birkins dann ja doch wieder eine gewisse, höchst bedauerliche Aktualität besitzt. Auch die Weltmeisterschaft wirkt noch nach. „In ein paar Wochen werden wir die nächsten Siege einfahren“, zeigt Lars Reichow sich überzeugt. „Was anderes kann ich mir nicht vorstellen, zumindest im Basketball.“