Ludwigshafen Jesus darf auferstehen

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Als Rockoper haben Andrew Lloyd Webber und Tim Rice „Jesus Christ Superstar“ 1970 komponiert. Da ist es nur passend, dass die Musik der Londoner Inszenierung, die bis 9. August im Mannheimer Nationaltheater gastiert, von einer siebenköpfigen Band live eingespielt wird. Es ist eine mitreißende Produktion mit ausgezeichneten Sängern und einem imposantem Bühnenbild.

Erzählt werden die sieben letzten Tage im Leben von Jesus Christus. Keine Geschichte ist so bekannt wie diese, trotzdem fasziniert sie das Musical-Publikum seit nahezu 45 Jahren. Das liegt an Webbers eindringlichen Rockhymnen, aber auch an Rices Fähigkeit, die biblische Geschichte – der er treu folgt – weiterzudrehen. Sein Jesus weiß, dass das Ende nahe ist, und er reagiert darauf äußert menschlich: Noch inspiriert er die Massen, doch ist er auch erschöpft, hat Angst und ist enttäuscht von seinen Jüngern, die seine eigentliche Botschaft nicht zu verstehen scheinen. Glenn Carter verleiht diesem Jesus genau die richtige Mischung aus Mut und Verzweiflung. Seit 20 Jahren spielt er die Rolle mit Unterbrechungen und hat sie verinnerlicht. Den schwierigen Gesangspart mit vielen Falsettpassagen meistert er genauso wie den Todeskampf am Kreuz. Das Musical thematisiert auch die politische Intrige, der Jesus zum Opfer fällt. Den Priestern ist er zu mächtig geworden, deshalb wollen sie den „Zimmermanns-König“ aus dem Weg räumen. Sie überzeugen Pilatus, ihn als Aufrührer zum Tod zu verurteilen. Judas wird dabei zur eigentlich tragischen Figur. Er ist zu Beginn der Mahner, der Jesus an seine Ideale erinnert. Judas glaubt, Jesus durch den Verrat aus der Schusslinie nehmen zu können. Als er seinen fatalen Fehler erkennt, zerbricht Judas an seiner Schuld. Der Australier Tim Rogers ist als Judas stimmgewaltig und ausdrucksstark. Er ist der kraftvolle Gegenpart zu Jesus, der zunehmend der Welt entrückt scheint. Die Dreiecksbeziehung wird komplettiert durch Maria Magdalena (Rebekah Lowings), die mit glockenklarer Stimme von ihrer Liebe zu Jesus singt, von der sie aber weiß, dass diese keine körperliche Erfüllung finden wird. Sie ist die einzige aus Jesu Gefolgschaft, die seine Botschaft wirklich verstanden hat. Die Liebesbeziehung zwischen Jesus und Maria Magdalena, die in vielen „Jesus Christ Superstar“-Inszenierungen mehr als angedeutet wird, hat Regisseur Bob Tomson ausgespart – sie war auch in der Urinszenierung kein Thema. Überhaupt zeichnet sich die Produktion durch eine besondere Werktreue aus, wie Tomson selbst zugibt: Man habe das Stück so inszenieren wollen, wie Webber und Rice es vor 40 Jahren gemacht haben. Die Darsteller tragen historische Kostüme mit ein bisschen Hippie-Einfluss, moderne Technik wird dezent eingesetzt, Musik und Text bleiben nahezu unverändert. Das Bühnenbild mit den mächtigen goldenen Säulen, der verschiebbaren Treppe und der überdimensionalen Dornenkrone ist für ein Tourneetheater zweckmäßig, verfehlt seine Wirkung trotzdem nicht. Mit einfachen Mitteln lassen sich eben doch große Effekte erzielen. So auch mit den 18 Darstellern, die immer wieder den Eindruck größerer Menschenmengen erwecken. Die Ensemble-Szenen wie die Händler im Tempel oder der von Kindern begleitete Einzug nach Jerusalem ist gut durchchoreographiert. Top besetzt sind auch die Nebenrollen: Besonders viel Applaus gibt es für Cavin Cornwall als Hohepriester Caiaphas, der vor finsterer Coolness fast über die Bühne zu schweben scheint und im sonoren Bass beschließt: „Jesus muss sterben“. Eine witzige Überraschung ist der Auftritt von König Herodes (Tom Gilling), der traditionsgemäß bei „Jesus Christ Superstar“ etwas von einer Revuenummer hat. Diesmal ist Herodes eine schillernde überdrehte Tunte in Haremshosen und Nippelabklebern. Es ist noch einmal ein leichter Moment, denn was danach kommt, ist kein Wohlfühl-Musical mehr. Jesus wird ausgepeitscht und ans Kreuz genagelt. Laut dröhnen die Hammerschläge und die Schreie durch den Theatersaal. Im Publikum ist kein Laut zu hören. Glenn Carter stöhnt und röchelt. So manchem mag solcher Realismus ein wenig zu viel gewesen sein. Normalerweise endet die Rockoper an dieser Stelle. Doch mit so düsteren Gedanken wollte Bob Tomson sein Publikum dann doch nicht entlassen und beschloss daher, Jesus zum Finale auferstehen zu lassen. Eine gute Entscheidung. Termine Weitere Vorstellungen am Samstag, 8. August, 15 und 20 Uhr, sowie am Sonntag, 9. August, 14 und 19 Uhr.

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