Ludwigshafen „Jeder Satz ist ein Geschenk“

„Mahala“ ist ein Wort aus der Sprache der Roma und bedeutet Nachbarschaft und Zusammenhalt. „Mahala international“ hat Luise Rist ihr Theaterprojekt mit Kindern und Jugendlichen aus sechs Ländern genannt. Alle kommen aus Flüchtlingsfamilien und leben noch nicht lange in Ludwigshafen. Beim Festival „Offene Welt“ im Theater im Pfalzbau haben sie sich vorgestellt.

Das Stück „Komm näher“ erzählt die Geschichte einer Reise. Es ist aber nicht unbedingt die Geschichte einer Reise von einem Land in ein anderes, hier geht es um Grundsätzlicheres, um Herkunft, Identität, Heimat. Das Stück stellt Fragen, die sich die Menschen seit jeher stellen: Wer bist du? Wo kommst du her? Wie bist du hierhergekommen? Auf die Frage, ob er aus Serbien komme, antwortet ein Jugendlicher: „Ich komme aus meiner Mutter.“ Und als ihm ein Mädchen eine Geige in die Hand drückt, deutet er an, wie lange sein Volk schon auf Reisen ist. „Ich bin seit 800 Jahren unterwegs“, sagt er. „Wir sind Roma.“ Andere Reiseerfahrungen führen durch die Sahara und über das Mittelmeer. Ein Becher mit Wasser wird herumgereicht, und jeder darf einen Schluck nehmen. Ein Mädchen schwärmt von Musik. Denn wenn sie Musik hört, kann sie sich vorstellen, eine andere zu sein. Fröhliche Musik erklingt, alle tanzen und klatschen und träumen sich nach Damaskus. „Mein Land ist zerstört“, sagt ein Junge. „Aber wir geben es nicht verloren“, fügt ein Mädchen hinzu. Und der junge Roma: „Mein Land ist nicht kaputt, aber mein Herz.“ In nur zwei Nächten hat Luise Rist das kleine Stück geschrieben und darin Erfahrungen der Darsteller einfließen lassen. Nur drei Nachmittage hatte sie Zeit, die Kinder und Jugendlichen kennenzulernen, noch einmal zwei Nachmittage für die Proben. Die vier Mädchen und acht Jungen kommen aus Syrien, Ägypten, Eritrea, Somalia und Serbien. Der jüngste ist zehn, der älteste 27 Jahre. Erst vor wenigen Wochen sind sie in Ludwigshafen angekommen, Deutsch sprechen sie nur gebrochen. „Wir haben um jeden einzelnen Satz gerungen“, erläutert die Theaterleiterin vor der ersten Aufführung dem zahlreichen Publikum. „Jeder Satz ist ein Geschenk.“ Unter solchen Voraussetzungen gibt es erstaunlich wenig Pannen. Musik lockert die Handlung auf. Und mit Buchstaben versehene Kartons helfen den jungen Darstellern, die deutsche Schrift zu lernen. Nur ein Buchstabe mehr und aus „Fluch“ wird „Flucht“. Zu der sympathischen Theatermacherin fassen ihre Schützlinge schnell Vertrauen. Schon seit vielen Jahren unterhält Luise Rist in Göttingen das Boat People Projekt, ein freies Theaterprojekt mit jugendlichen Flüchtlingen, die ohne Eltern nach Deutschland gekommen sind. In Göttingen hat sie der Ludwigshafener Theaterintendant Tilman Gersch kennengelernt und die gebürtige Ludwigshafenerin auch gleich für das Theater im Pfalzbau gewonnen. Luise Rist ist keine Sozialarbeiterin, sondern kommt vom Theater. Nach einem Studium der Romanistik und Germanistik in Berlin war sie viele Jahre Dramaturgin am Deutschen Theater in Göttingen. Sie schrieb Theaterstücke und inszenierte selbst mit professionellen Schauspielern. Ihr Interesse gehört dem politischen Theater, aber vorrangig sieht sich die 44-Jährige als Autorin. Im August wird ihr erster Roman erscheinen, das Jugendbuch „Rosenwinkel“ über ein Roma-Mädchen, das abgeschoben wird. Die Ludwigshafener Theaterarbeit mit Kindern ist neu für Luise Rist. Bisher hat sie immer mit Älteren gearbeitet. „Alle haben ihre Heimat verloren“, sagt sie nach den Gesprächen. „Krieg und Verfolgung haben tiefe Spuren hinterlassen. Bestimmte Themen darf man nicht ansprechen. Und die Roma aus Serbien sind froh, eine Unterkunft zu haben, sind aber von der Abschiebung bedroht.“ Wohlfühlworkshops sind Luise Rists Sache nicht. Mit ihren Stücken will sie „etwas in den Menschen zu berühren.“ Nach dem Applaus zu urteilen, ist das in Ludwigshafen gelungen. Die Gruppe soll über das Festival hinaus weitergeführt werden.

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