Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel In „Ausgebadet“ spielen elf Künstlerinnen mit dem morbiden Charme des Alten Volksbads in Mannheim

Künstliche Unterwasserwelt: Ein Korallenriff aus Einweghandschuhen konstruiert Gisela Desuki.
Künstliche Unterwasserwelt: Ein Korallenriff aus Einweghandschuhen konstruiert Gisela Desuki. Foto: KUNZ

Einst wurden im Alten Volksbad die Körper geschrubbt, heute breiten sich Farne und Quallen aus. Elf Künstlerinnen spielen in der Ausstellung „Ausgebadet“ mit dem morbiden Charme des Bads und haben eine knallharte Botschaft für die Männerwelt.

Eine Schnecke kriecht in der Duschkabine über die Fliesen und rollt sich unter einem abstrakten Gemälde ein, eine Zufallsstruktur voll dunkler Verzweigungen wie in einer ausgetrockneten Flusslandschaft. Entstanden ist das Kunstwerk „Verflechtung“ allerdings nicht aus Pigmenten, sondern aus Moos, das auf Stoffen wuchs und mit Buttermilch und Bier „gefüttert“ wurde. Es kreucht und fleucht noch mehr in dieser sonst so nüchtern gekachelten Hygieneanstalt, die 1931 gebaut wurde, damit sich Arbeiterfamilien waschen konnten. Farne sprießen dort jetzt, Lianen durchkreuzen den Weg, und sogar Ameisen sollen auf der Urwald-Parzelle heimisch geworden sein, die die Künstlerin Kathleen Knauer monatelang hegte und pflegte. Wie sich die Natur ihren Raum zurückerobert, darauf weist Knauer hin, die als Malerin komplexe Bildgründe aufschichtet und mit dem Herstellen von Farben experimentiert.

Quell oder Gefahr?

Schon seit Jahren reizt die Dozentin der Mannheimer Kunstakademie die Idee, das skurrile Ambiente des Volksbads zu nutzen. Als sie gemeinsam mit ihrer früheren Studienkollegin Katarzyna Paruszewska-Hamann, die sich neutral KP-H nennt, bei einem Workshop zur Pressearbeit ein fiktives Projekt betexten sollten, entstand „Ausgebadet“, ein Konzept, in dem sie das Element Wasser auf vielfältige Weise inszenieren wollten, etwa als lebensspendender Quell, als Bildträger oder als Gefahrenzone. So spritzig formuliert war diese Gedankenspielerei, dass die zwei Künstlerinnen sie in die Tat umsetzten und die Geschichtswerkstatt Neckarstadt überzeugen konnten, die als Verein über das denkmalgeschützte Gebäude wacht und entscheidet, wer die Kabinen während der Lichtmeile bespielen darf.

Denn nur in der Dunkelheit darf man die Ausstellung besuchen. Die Neonröhren, die an der abblätternden Decke hängen, bleiben ausgeschaltet, stattdessen schimmert es blau und grün aus einem Mülleimer: Gisela Desuki, die in Speyer arbeitet, hat darin ein Atoll im Mini-Format geschaffen. Einweg-Handschuhe recken ihre Finger zartgrün wie Korallen am Riff aus der Dusche. Plastikbeutel quillen wie ein Schwarm Medusen aus einer Wanne, während blauer Tüll am Handtuchhaken das kühle Nass suggerieren mag – tatsächlich aber eine medizinische Einwegschürze ist. Mit „Deep Sea“ erschafft Desuki vermeintlich poetische Unterwasserwelten, die doch künstlich und völlig von Plastik durchwirkt sind, um auf die Zerstörung der Umwelt hinzuweisen.

Walgesänge in Schwarz-Weiß

„Vor dem Ankleiden Abfluss öffnen“, empfiehlt ein Schild, und genau dieses Gurgeln des abfließenden Wassers ertönt aus einer Kabine und wird vom Gesang der Wale abgelöst. Eine Soundcollage hat die Künstlerin KP-H zusammengeschnitten. In einer anderen Kabine projiziert sie Tausende von Wasserbildern auf eine gefüllte Wanne. Nur mit Hintergrundwissen erschließen sich andere Arbeiten: Ein geradezu dekoratives schwarz-weißes Strichmuster entpuppt sich als optisch verzerrte Aufzeichnung des Walgesangs. Mit Sprühfarbe und Lacken operiert Franziska Wolff, die die Textur der Fliesen mit Ölkreide in ihre Bilder eingearbeitet hat, während Susanne Lorenz aus einer Meditation heraus ein vielschichtiges Triptychon gemalt hat, das von tief unter dem Ozean bis in die Weiten des Alls zu führen scheint. Mit das teuerste „Exponat“, das keines ist, steuert Silvia Szabó bei, die ihr Experiment philosophisch verstanden wissen will: Über eine virtuelle Brille bewegt sich der Besucher frei in einer von Szabó ersonnenen und am Computer programmierten Traumwelt, aber jeder erlebt eine andere. Was „wirklich“ ist, wie Geist und Körper aufgespalten werden, hinterfragt Szabó.

Die Frauen baden es aus

Provozierend stapelt Alina Nosow nackte Nylon-Puppen mit steil vorspringenden Busen in die Wanne. Um „Sex und Macht“ kreist Nosow und passt damit zu einer Kernbotschaft von „Ausgebadet“: Obwohl ein Trakt beim Baden früher den Männern vorbehalten war, spielen sie in der Ausstellung kaum eine Rolle. Bewusst haben sich nur Frauen zusammengetan, um auf ein Ungleichgewicht hinzuweisen. „Noch immer sind vor allem Männer in den Galerien vertreten, und ihre Werke werden auf dem Kunstmarkt öfter und teurer verkauft“, sagt Kathleen Knauer. „Künstlerinnen baden bis heute die Benachteiligungen aus.“ Die rein weibliche Ausstellung zeigt deshalb: Wir kommen auch sehr gut ohne euch aus.

Termin

„Ausgebadet“ mit Kathleen Knauer, KP-H, Gisela Desuki, Christine Fischer, Uta Grün, Susanne Lorenz, Alina Nosow, Silvia Szabó, Franziska Wolff, Olga Weimer, Anna Wacker. Vernissage am 8. November, 18 Uhr, geöffnet am 8./9. November, 18 bis 23 Uhr, 17. November 13 bis 21 Uhr, 23. November, 18 bis 23 Uhr, 24. November, 13 bis 16 Uhr.

Vier Monate lang ließ Kathleen Knauer Moose und Farne in einer Badekabine sprießen.
Vier Monate lang ließ Kathleen Knauer Moose und Farne in einer Badekabine sprießen. Foto: KUNZ
Um „Sex und Macht“ kreisen die Arbeiten von Alina Nosow.
Um »Sex und Macht« kreisen die Arbeiten von Alina Nosow. Foto: KUNZ
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