Ludwigshafen
Im Ausnahmezustand: Alltag auf der Dauerbaustelle Frankenthaler Straße
Ein grauer Mercedes Transporter mit Anhänger setzt mitten auf der Straße zum Wendemanöver an. Denn etwa 100 Meter weiter ist Schluss – rot-weiße Barrieren, Container und schweres Baugerät versperren den Weg. Während der Fahrer rangiert, mischen sich das Dröhnen von Schlagbohrern und das metallische Surren von Schleifgeräten zu einer ohrenbetäubenden Kulisse. Die Zurufe der Bauarbeiter sind dabei schwer bis gar nicht zu verstehen. Ein akustisches Sinnbild für den Ausnahmezustand in der Frankenthaler Straße. Radfahrer und Fußgänger kämpfen sich derweil ihren Weg durch ein Gewirr aus Bauzäunen, Maschinen und Schildern – und das wohl noch bis Ende 2027.
Seit Juli vergangenen Jahres wird in der Frankenthaler Straße in Ludwigshafen West gebaut. Die Kanalisation wird saniert, Fernwärmeleitungen verlegt und die Straßenbahngleise erneuert – und das alles soll parallel ablaufen. Der ursprünglich angesetzte Zeitplan ist längst überholt. Laut Stadtverwaltung kam es bei der Kanalsanierung zu unvorhergesehenen Problemen, die sämtliche nachfolgenden Bauphasen verzögern. Statt im Frühjahr 2027 soll das Projekt nun erst am Ende des gleichen Jahres abgeschlossen sein.
Ein Chaos aus Bahnen, Autos und Fahrrädern
Die Szene mit dem grauen Transporter ist kein Einzelfall. Für viele Fahrzeuge, die aus Richtung Oggersheim kommen, gilt dasselbe: Die Fahrer zögern, schauen sich um – zwei rote Verbotsschilder mit weißen Querbalken stehen deutlich sichtbar am Straßenrand. Doch ein Großteil der Autofahrer ignoriert sie und fährt weiter. Die Verkehrsführung an der Baustelle zwischen Oggersheim und Stadtmitte wirkt wie ein Rätsel – auch für Radfahrer. Der Radweg endet abrupt an einer Engstelle zwischen der Friedhofsmauer und dicht gedrängten Baucontainern. Ein Schild markiert zwar das Ende des Radweges, doch ein Hinweis auf eine Ausweichroute ist weit und breit nicht in Sicht. Wer weiterfahren will, muss auf die Fahrbahn – mitten hinein ins Chaos aus wendenden Autos, Baufahrzeugen und dem einspurigen Bahnverkehr, der im Wechsel aus beiden Richtungen rollt.
„Ich finde die Situation besonders für Fußgänger und Radfahrer sehr gefährlich“, sagt eine ältere Dame und schaut sich um. Sie kommt aus dem Hemshof, besucht fast täglich den Hauptfriedhof. Die 73-Jährige fährt die Strecke mit dem Rad – auch an diesem sonnigen Vormittag. „Ich habe hier schon mehrere Situationen erlebt, in denen es fast gekracht hätte.“ Im Hintergrund ertönt ein lautes Tröten – das Signal für die Bauarbeiter: Eine Straßenbahn nähert sich. Die Frau aus dem Hemshof schreckt zusammen. „Die Stadt hätte die Baustelle besser planen müssen – für uns Radfahrer und auch für die Geschäfte“, meint sie, bevor sie sich mühsam wieder auf ihr Fahrrad schwingt.
„Es gibt Tage, da haben wir fast keine Kundschaft“
Besonders hart trifft die Baustelle die ansässigen Geschäfte. „Es gibt Tage, da haben wir fast keine Kundschaft“, sagt Thorsten Wenzel, Inhaber des Blumengeschäfts Kullmann. Sein Laden liegt versteckt hinter Baggern, Bauzäunen und Kippladern. Die Blumen vor dem Geschäft blühen – doch die Kundschaft bleibt aus. „Zurzeit wird genau vor meinem Laden gleichzeitig am Kanal und an den Fernwärmeleitungen gearbeitet– ausgerechnet im April und Mai“, erzählt Wenzel. Gerade jetzt, in der Hochsaison für die Grabpflege, sei Wenzel besonders auf freie Wege angewiesen. „Wir betreuen rund 900 Gräber auf zwölf Friedhöfen. In dieser Zeit bepflanzen wir viele davon neu – das ist unsere wichtigste Phase im Jahr.“ Für seine Kundschaft sei die Situation kaum zumutbar. Anlieferungen verzögern sich, ältere Kunden schrecken vor dem Weg durch das Baustellenlabyrinth zurück. „Ich fühle mich von der Stadt allein gelassen“, sagt er.
Inzwischen scheint draußen das ganz große Gerät im Einsatz zu sein: Die Erde bebt unter den Füßen, der Lärm ist ohrenbetäubend. Eine weiße Limousine mit auswärtigem Kennzeichen fährt in die gesperrte Richtung, muss zwischen Bauzäunen auf den Gehweg ausweichen – die Bahn kommt entgegen. Das Tröten der Bauarbeiter, falls es eines gab, geht in der Geräuschkulisse unter. Eine Szene, die das derzeitige Bild der Frankenthaler Straße auf den Punkt bringt.