Ludwigshafen
Hundeführerschein in Rheinland-Pfalz? Politiker sagen, was dafür und was dagegen spricht
Christoph Heller: „Es gibt zu viele Halter, die keine Ahnung vom Umgang mit Tieren haben“
Seit zehn Monaten ist „Es Gisela“ Teil der Familie. Ob in der Wohnung, im Malerbetrieb oder im Büro: Die junge Langhaarschäferhündin mit saarländischen Wurzeln, die ihr den gewöhnungsbedürftigen Namen beschert haben, folgt Christoph Heller auf Schritt und Tritt. Der 59-jährige Süd-Ortsvorsteher, der für die CDU im Stadtrat sitzt, kennt sich aus mit Vierbeinern. Von „Lady“, ebenfalls eine Schäferhündin, musste er sich vor einem Jahr schweren Herzens verabschieden. Ein paar Monate nach ihrem 13. Geburtstag hörte sie auf zu bellen. Auch sie begleitete ihr Herrchen fast überall hin. Zum Thema Hundeführerschein hat Heller eine klare Meinung. „Ich bin dafür, weil es zu viele Halter gibt, die keine Ahnung vom Umgang mit Tieren haben“, sagt er. „Oft sind es genau diese Personen, die für Probleme sorgen.“ Mit „Es Gisela“ ist Heller einmal pro Woche auf dem Hundeplatz in Limburgerhof, um sie zu erziehen und an andere Hunde zu gewöhnen. Das scheint Wirkung zu zeigen. Seine Kommandos beherzigt das Tier umgehend. Ganz wichtig dabei: der Augenkontakt. In Kürze will Heller mit der Intensität des Trainings zulegen.
Jutta Steinruck: „Eine Art von Schulung oder Unterweisung für Einsteiger ergibt Sinn“
Maja heißt die Golden-Retriever-Hündin von Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (parteilos). Zum Hundeführerschein sagt die OB: „Da muss man differenzieren. Aus meiner Sicht würde es auf jeden Fall Sinn ergeben, dass Menschen, die zum ersten Mal einen Hund aufnehmen möchten, eine Art von Schulung oder Unterweisung durchlaufen.“ Künftige Hundehalter müssten sich im Vorfeld klar darüber sein, welche Verantwortung sie übernehmen. „Inwieweit die Einführung eines Hundeführerscheins auf Landesebene sinnvoll ist, hängt von vielen Faktoren ab. Etwa von einer sinnvollen und bedarfsgerechten Ausgestaltung einer möglichen neuen Regelung sowie der Option, diese auch durchzusetzen“, sagt die 61-Jährige. „Mit meinem Hund habe ich von Anfang an einen Hundeverein besucht und eine Junghundegruppe für ein Alltagstraining.“ Maja ist Steinrucks erster Hund, knapp drei Jahre alt und kam schon als Welpe zum Frauchen.
Wie andere Städte biete auch Ludwigshafen verantwortungsvoll agierenden Hundebesitzern Vergünstigungen an, informiert die OB. Wer etwa einen „Listenhund“ aus dem Tierheim aufnehme, könne auf Antrag für zwei Jahre von der Steuer befreit werden. Allerdings müsse dafür schriftlich nachgewiesen werden, dass der Hund kastriert beziehungsweise sterilisiert sei, und ein Teamtest, eine Begleithundeprüfung oder ein erweiterter Sachkundenachweis bei einem dafür zugelassenen Tierarzt erfolgreich absolviert wurde. Nach Ablauf der zwei Jahre zahlen diese Halter dann die übliche Hundesteuer. Der erhöhte Satz für sogenannte gefährliche Hunde, die lediglich aufgrund ihrer Rasse zu diesen zählen, könne entfallen, wenn gewisse Voraussetzungen nachgewiesen seien. Für diese Hunde gelte dann die Hundesteuer im normalen Umfang. Über mögliche Änderungen müsse in den politischen Gremien diskutiert werden, betont die Verwaltungschefin.
Rainer Metz: „Für das Sozialverhalten von Hund und Halter wäre das hilfreich“
Der Mops von Rainer Metz heißt „Bobby“. Als Tierarzt bringt der FWG-Stadtrat nicht nur Halter-, sondern auch Fachwissen mit. Er sagt: „Um das Verhältnis zwischen Hundehaltern und den übrigen Bürgern zu verbessern, ist ein Hundeführerschein oder der Nachweis einer vergleichbaren Ausbildung für eine Steuerermäßigung ein sehr gutes Mittel.“ Für das Sozialverhalten von Hund und Besitzer sei das sowieso hilfreich. Eventuell könnten so auch noch mehr Halter dazu zu bewegt werden, die Hinterlassenschaften ihrer Tiere konsequenter zu beseitigen. Dank Metz hat es das Thema Hundeführerschein am 11. Dezember sogar in den Stadtrat geschafft. In seiner Haushaltsrede forderte der 65-Jährige einen Steuernachlass beim Vorweis einer entsprechenden Prüfung.
Als „Renn-Mops“ bezeichnet er seinen achtjährigen Liebling, da er gemäß der altdeutschen Art gezüchtet worden sei und daher sehr gut Luft bekomme. „Er läuft sogar neben dem Fahrrad her. Wir haben ihn, seit er ein Welpe ist.“ Metz verweist auf das erfolgreiche Modell des erweiterten Sachkundenachweises. „Hier müssen Besitzer gefährlicher Hunde gemäß Landesverordnung beweisen, dass sie geeignet sind, einen solchen Hund zu halten. Dies erfolgt durch eine theoretische Prüfung des Halters. Der Hund muss in einer praktischen Prüfung seine Ungefährlichkeit nachweisen – im eingezäunten sowie im öffentlichen Raum.“ Das schaffe Sicherheit für den Besitzer und die Öffentlichkeit. „Er muss dann nur die normale Steuer bezahlen“, so Metz. Das Mannheimer Modell finde er „sehr gut“, es müsse auf Ludwigshafen angepasst werden. „Sinnvoll wäre eine dauerhaft Reduzierung anstatt einer zweijährigen Befreiung von der Steuer.“
Johannes Thiedig: „Hinzukommende Kosten für einen Hundeführerschein lehne ich ab“
Das sei genau der richtige Weg „und wäre auch etwas für Ludwigshafen“, sagt AfD-Stadtrat Johannes Thiedig zum Mannheimer Modell, schränkt aber ein: „Wäre da nicht die unselige Verletzung des ,Wer bestellt, bezahlt’-Prinzips seitens des Landes. Nachlässe bei der Hundesteuer wollen ja auch finanziert sein“, so der 47-Jährige. Er bezeichnet sich als „Hundemensch“.
Seit 2008 ist er „leidenschaftlicher“ Halter. „Dandy“ folgte „Rifki“, bevor auch er starb. Seit 2019 gehört der fast dreijährige Lemmy (wie die Vorgänger ein American Bulldog) zur Familie. Die Einführung eines Hundeführerscheins begrüßt Thiedig. „Es wäre schön, wenn sich die Menschen, die sich einen Hund anschaffen, vorher überlegen, was sie damit tun.“ Jeder Besitzer habe eine Verantwortung: dem Hund, aber auch den Mitmenschen gegenüber. Zusätzliche Beiträge für einen Hundeführerschein zu den derzeitigen Steuern und Abgaben lehne er ab. „Man sollte auf positive Anreize setzen, anstatt immer mehr Verbote und Kosten zu schaffen.“
Gabriele Bindert: „Wichtig ist eine konsequente Erziehung, falls nötig, mit professioneller Hilfe“
Lilli heißt die sieben Monate junge Pudeldame, die Gabriele Bindert (62, CDU) seit August begleitet. „Mein Hund soll auch anderen eine Freude sein und niemandem zur Gefährdung werden“, sagt die Leiterin des Ludwigshafener Bereichs Grünflächen und Friedhöfe, die im Frankenthaler Stadtrat sitzt. „Für mich ist die Stärkung der Eigenverantwortung bedeutend – als Grundlage für ein demokratisches, einander respektierendes Miteinander.“ Ein Mehr an Regulierung lähme und nehme Verantwortung ab, „ohne dass Kontrollorgane da sind“. Wichtig sei eine konsequente Erziehung. „Falls nötig, mit professioneller Hilfe.“
Zur Sache I: Hunde in Ludwigshafen
Laut Stadtverwaltung waren bis Mai 2023 in Ludwigshafen 8098 Hunde gemeldet, darunter zehn als gefährlich eingestufte Vierbeiner, sogenannte Kampfhunde. (2022: 8114 Hunde; 2021: 8105, 2020: 7956, 2019: 7819). In Ludwigshafen kommen mehr als 45 Hunde auf 1000 Einwohner, unter 40 sind es in Mannheim, wo über 12.000 Hunde registriert sind. Für den ersten Hund sollen die jährlichen Abgaben in Ludwigshafen dem 2024er-Etat zufolge von 120 auf 145 Euro steigen (+21 Prozent), für den zweiten Hund von 150 auf 180 Euro (+20), für jeden weiteren Hund von 180 auf 220 Euro (+22), für den ersten gefährlichen Hund von 700 auf 840 Euro (+20) und für jeden weiteren als gefährlich eingestuften Hund von 1000 auf 1200 Euro (+20). Der Stadt soll das Zusatzeinnahmen von über 200.000 Euro in die Kasse spülen, bei Gesamteinnahmen von rund 1,2 Millionen Euro. Kleinvieh macht hier im wahrsten Wortsinn auch Mist.
Zur Sache II: Der Ruchheimer Fall und die Peta-Forderung
Auf den Plan gerufen hatte Peta eine Hundeattacke am 27. November in Ruchheim. An diesem Montag waren zwei junge Schäferhunde aus ihrer Box ausgebrochen, hatten Haus und Garten verwüstet, Artgenossen sowie Menschen (mehrere Bisswunden) verletzt und ein Auto beschädigt. Die 31-jährige Hundehalterin, die morgens zur Arbeit gegangen war, erwartet ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung.
„Meist liegt das Problem nicht beim Hund, sondern am anderen Ende der Leine. Viele Halter können das Verhalten, die Signale und die Körpersprache ihres Vierbeiners nicht richtig deuten und einschätzen. Somit ist die wahre Ursache für Beißattacken bei ihnen zu suchen – nicht beim Tier“, sagt Monic Moll, Fachreferentin für tierische Mitbewohner bei Peta. „Jeder Hund, der falsch gehalten oder behandelt wird, kann zu einer Gefahr für Mensch und Tier werden.“
Nach einer von Peta in Auftrag gegebenen repräsentativen Umfrage von August 2023 sprechen sich 68 Prozent der in Deutschland lebenden Erwachsenen für einen verpflichtenden Hundeführerschein aus. Er sieht vor, dass künftige Halter bereits vor Aufnahme eines Hundes einen Theoriekurs absolvieren, in dem sie das notwendige Fachwissen über eine tiergerechte Haltung und Aspekte wie Kommunikation und Bedürfnisse von Hunden erwerben. Anschließend folgt für Halter und Hund ein gemeinsames Praxisseminar in einer Hundeschule. Ein solcher Nachweis könne sicherstellen, dass Menschen, die Hunde halten, fachkundig mit dem Tier umgehen und Signale des Vierbeiners richtig deuteten. Eine funktionierende Kommunikation zwischen Hund und Halter sei unerlässlich, um Beißvorfälle zu verhindern, so Moll.
Vorreiter Niedersachsen
Als erstes deutsches Bundesland hat Niedersachsen einen Sachkundenachweis für Hundehalter beschlossen – seit Juli 2013 ist der allgemeine Hundeführerschein verpflichtend. Dort hätten sich nach drei Jahren nachweislich weniger Vorfälle ereignet. Im November entschied sich auch Bremen für einen verpflichtenden Hundeführerschein. In Berlin sind Halter seit Januar 2017 aufgefordert, sich bei der Aufnahme eines Hundes die notwendige Sachkenntnis anzueignen. Einige Städte belohnen verantwortungsbewusste Halter: Wer in München nach dem 1. Mai 2014 einen Hundeführerschein absolviert hat, kann sich ein Jahr lang von der Hundesteuer befreien lassen. In Mannheim gilt eine zweijährige Steuerbefreiung für alle Hunde, deren Halter den Hundeführerschein nach dem 1. Januar 2016 erworben haben. Laut Peta landen jedes Jahr 80.000 Hunde in deutschen Tierheimen, darunter sehr viele Tiere, die unüberlegt „angeschafft“ wurden.
Peta steht für „People for the Ethical Treatment of Animals“ und ist nach eigenen Angaben mit mehr als fünf Millionen Unterstützern die größte Tierrechtsorganisation weltweit.