Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Homeoffice statt Hochschule: die Künstlerin Sue Mandewirth

Als Kind bekam Sue Mandewirth die Super-8-Kamera ihres Opas. Die Technik hat sich verändert, die Faszination für das Medium ist
Als Kind bekam Sue Mandewirth die Super-8-Kamera ihres Opas. Die Technik hat sich verändert, die Faszination für das Medium ist geblieben.

Kurz bevor Corona vor gut einem Jahr in unser aller Leben trat, ist die Ludwigshafener Künstlerin Sue Mandewirth Anfang 2020 einen großen Schritt gegangen: Sie hat ihren Lehrauftrag aufgegeben und kümmert sich seither nur noch um ihre eigenen Projekte. Bei aller Unsicherheit, die das mit sich bringt: Es überwiegt die Freude darüber, sich voll und ganz ihrer Kunst widmen zu können.

Der Titel der am meisten unterschätzten Künstlerin der Welt – höchstwahrscheinlich gebührt er Yoko Ono. Die Frau, der Die Ärzte einen eigenen Song mit der einprägsamen Textzeile „Du nervst noch mehr als Yoko Ono“ widmeten, wird seit 50 Jahren fast nur noch als Ehefrau und Witwe von John Lennon wahrgenommen. Von Sue Mandewirth nicht. „Sie ist eine Wegbereiterin für Konzeptkunst und hatte größten Einfluss auf mich“, sagt die 53-Jährige. Umso begeisterter war sie, als sie 2019 eine E-Mail von der heute 88-jährigen japanisch-amerikanischen Künstlerin erhielt: Sue Mandewirth war ausgewählt worden, neben anderen Künstlern an einem „Water Event“ teilzunehmen, das eine Ausstellung mit Arbeiten Onos in Leipzig begleiten sollte. Mandewirth hatte sich beworben und mit ihrem Konzept überzeugt.

Eine Ausstellung mit Yoko Ono

Die Ausstellung und ihre Reise nach Leipzig – auch wenn sie Yoko Ono nicht persönlich treffen konnte – fanden gerade noch rechtzeitig vor Corona statt. Und zu einer Zeit, in der sich Sue Mandewirth gerade entschloss, sich fortan nur noch auf ihre eigenen künstlerischen Projekte zu konzentrieren. Gut 15 Jahre lang hatte sie zuvor einen Lehrauftrag an der Freien Kunstakademie Mannheim für Video. Sie selbst hatte in der in den Mannheimer Quadraten residierenden privaten Hochschule von 1999 bis 2003 studiert und ihr Diplom in Multimedia-Kunst gemacht. „Ich habe im Studium angefangen, Videokunst zu produzieren“, erzählt sie. „Das gab es vorher noch gar nicht.“ Inzwischen ist Video als Kunstrichtung längst etabliert – als Dozentin vermittelte Mandewirth selbst vielen jungen Menschen Fachwissen und betreute ihre Diplomarbeiten. Nebenbei war sie auch einige Jahre für „Girls Go Movie“ tätig, ein Wettbewerb, bei dem Mädchen aus der Region erste eigene Filmprojekte realisieren.

Die totale Unabhängigkeit

Inzwischen kümmert sich Sue Mandewirth nur noch um ihre eigene Kunst. „Ich habe festgestellt, dass ich mich in eine Aufgabe immer zu 100 Prozent reinhänge und deswegen kein Raum für meine eigenen Sachen bleibt“, sagt sie. Was dazu führte, dass sie zeitweise sogar gar keine eigene Kunst mehr machte. Also wagte sie im Januar 2020 den Schritt in die totale Unabhängigkeit. Weil sie sich fast nur noch mit Video- und digitaler Kunst beschäftigt, hat sie ihr Atelier in Mannheim aufgegeben und arbeitet im künstlerischen Homeoffice im Ludwigshafener Stadtteil West.

In Ludwigshafen ist Sue Mandewirth auch geboren, und hier machte sie ihre ersten künstlerischen schon kurz nach den ersten tatsächlichen Gehversuchen. Schon als kleines Kind, erzählt sie, habe sie von ihrem Opa die Super-8-Kamera bekommen, Trickfilme mit anderen Kindern gedreht und beim Schnitt zugeguckt. Anders als heute, wo jeder eine Videokamera in der Hosentasche hat, musste sie sich um ihr Equipment immer kümmern: Mitte der 1990er-Jahre lieh sie sich beim Offenen Kanal noch eine Videokamera aus, ein schweres Teil, in das man eine VHS-Kassette schob. Damit drehte sie ein Video ihrer damaligen Band.

In allen Genres zu Hause

Als sie sich zwischen der Musik und der Kunst entscheiden musste, fiel die Wahl auf die Kunst. „Ich dachte, ich kann die Musik ja integrieren, indem ich Sounds für meine Werke produziere“, sagt sie. Tatsächlich gibt es kaum ein künstlerisches Genre, das sie nicht interessiert und in dem sie nicht gearbeitet hat: Gemälde, Grafiken und Zeichnungen, Plastiken und Installationen – in allen möglichen Ausdrucksformen hat sie die Themen bearbeitet, die sie interessieren – „das Sein in allen Facetten“, wie sie selbst es formuliert. „Mich interessiert die Welt hinter dem Spiegel.“

Ein Projekt, das Sue Mandewirth lange beschäftigt hat, waren die „Elows“: psychedelische Wesen, die sie in vielen Gemälden, Zeichnungen und Objekten in Szene setzte. Ihr jüngstes Projekt „Lazarus“ widmet sich dem Thema Künstliche Intelligenz; dafür hat Mandewirth virtuelle 3D-Klone von sich selbst angefertigt, „die menschliche Gefühle und schließlich ein Eigenleben entwickeln“, wie sie selbst schreibt. Es sind aufwendig produzierte, spannend anzuschauende Arbeiten, die einen großen Nachteil haben: Sie lassen sich praktisch nicht verkaufen. Videokunst ist nichts, was man sich übers Wohnzimmersofa hängen würde.

„Das stimmt“, sagt Sue Mandewirth, „wenn man so arbeitet wie ich, lebt man eher von Ausstellungs- oder Veranstaltungshonoraren.“ Weil auch das im Moment weitgehend wegfällt – sie hat einen Beitrag zum Ludwigshafener Kultursommer geplant –, hält sie sich mit Hilfen für Soloselbstständige und Projektstipendien über Wasser, von denen ihr das Land Rheinland-Pfalz mehrere gewährt hat. Eines davon ermöglichte ihr, den lange gewünschten Rechner samt eines Programms für 3-D-Animationen zu kaufen und die Arbeit zu verwirklichen, die sie schon lange im Kopf hatte. In die Zukunft blickt Sue Mandewirth mit einer Art fatalistischem Optimismus. „Es kommt sowieso, wie es kommt“, sagt sie. „Mit den Dingen, die ich nicht beeinflussen kann, brauche ich mich doch gar nicht weiter zu beschäftigen.“

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