Mannheim Gruselromantik als Inspiration für einfallsreichen Tanz: „Hänsel und Gretel“ im Theater Felina-Areal

Streitsüchtig und handgreiflich begegnen sich Sade Mamedova und Lorenzo Ponteprimo als „Hänsel and Gretel re-invented“.
Streitsüchtig und handgreiflich begegnen sich Sade Mamedova und Lorenzo Ponteprimo als »Hänsel and Gretel re-invented«.

Literarische Gruselromantik als Inspirationsquelle für Tanz? Der Leiter des Theater Felina-Area, Sascha Koal, liegt damit goldrichtig. „Kwaidan“ heißt eine dreiteilige Serie von Tanzschaffenden der Rhein-Necker-Region. Drei Choreografinnen und fünf Choreografen sind seinem Vorschlag gefolgt und – wie der erste Abend zeigt – mit Einfallsreichtum auf hohem ästhetischem Niveau.

„Kwaidan“ ist eine Sammlung japanischer Geistergeschichten von Lafcadio Hearn aus der Zeit der Romantik. In den 1960er-Jahren gab es einen preisgekrönten Film gleichen Titels, der vier Geschichten daraus erzählt. An dem Tanzabend „Hänsel & Gretel und andere Tanzgeschichten“ werden im Theater Felina-Areal jedoch keine Geschichten im Stil eines Handlungsballetts erzählt. In den alten Texten wird Übersinnliches ausgelotet und in Beziehung zu aktueller Befindlichkeit gesetzt.

Es ist ein Abend der Duos. In allen Dreien sind die klassischen Strukturen Parallelität, Gegeneinander, Zu-, Mit-, Auseinander in einen fesselnden Spannungsbogen gebracht, mit reichhaltigem Bewegungsvokabular ausgestaltet und bühnenwirksam inszeniert.

Der Geister einer Verstorbenen

Das erste Duo von Sade Mamedova folgt einer Erzählung aus „Kwaidan“. Der Geist einer Verstorbenen steht jede Nacht vor der Kommode in ihrem einstigen Zimmer. Erst ein weiser Priester kann ihn zur Ruhe bringen, indem er einen versteckten Brief verbrennt. „I don’t wanna forget, nor let go“ (ich will nicht vergessen, noch loslassen) nennt Sade Mamedova ihre Aufspaltung der Person, die sie zusammen mit Martina Martín tanzt. Zuerst sind da zwei, die sich in vollkommener Übereinstimmung parallel bewegen. Während Unterschiede zunehmend deutlicher werden, bewegen sie sich aufeinander zu. Sie verschmelzen in einem heftigen Wechsel von Hingabe und Abwehr. Bis sie schließlich zur Ruhe kommen, indem sie sich voneinander lösen. Die durchkomponierte Musik von Pepe Pereira zeichnet diesen Prozess punktgenau. Das edle Outfit der Tänzerinnen gibt ihm Würde. Eine subtile Lichtregie leuchtet das Entstehende aus und taucht das Vergehende in Dunkel.

Lebendiger Kuschelhund

Luches Huddleston jr. liebt Gegensätze, unterschiedliche musikalische Stimmungen und feinen Humor. So auch in seiner liebevoll spielerischen Fantasie über das Gedicht „Little Boy Blue“ von Eugene Field, das er „Blaupause“ nennt. Sie hatten einmal eine schöne Zeit wie unbeschwerte Kinder, der Blechsoldat (Veronika Kornová-Cardizzaro) und der Kuschelhund (Giovanni De Buono). Doch das ist lange her, und deshalb beginnt ihr fröhliches Miteinander in völliger Stille. Jetzt ist der Hund staubig, der Soldat rostig, in dem Gedicht sitzen beide noch immer auf dem Stuhl, auf dem sie auf den kleinen Jungen warten sollen. Eine Gardine wird vorgezogen, und wir sehen sie nun in lustigem Treiben als Schattenriss mit hoher Soldatenmütze und hängenden Schlabberohren. Sie kommen hinter dem Vorhang hervor und scheinen – auch musikalisch – putzmunter; es ist der romantische Topos vom lebendig gewordenen Spielzeug. Doch die Stimmung bleibt wehmütig: Der Junge wird niemals wiederkommen.

Rustikales Märchenoutfit

Martina Martíns „Hänsel & Gretel re-invented“ zu Musik von Seung Hwan Lee ist ein hochdramatisches Duo mit feurigem Ende, aber ohne Hexe. Das Geschwisterpaar (Sade Mamedova, Lorenzo Ponteprimo) im rustikalen Märchenoutfit hängt dicht aneinander. Selten einträchtig, meist streitsüchtig bis zu handfester Aggressivität. Ein bedrohliches Tönen schwillt an. Seitwärts erglüht ein rotes Licht. Hänsel zieht es magisch in die Glut. Gretel hängt sich an ihn, um ihn zurückzuhalten. Umsonst, es zieht ihn hinein.

Termine

  • „Hänsel & Gretel und andere Tanzgeschichten“, Sa, 20. Januar, 19 Uhr, und So, 21. Januar, 19/18 Uhr, 18 Uhr.

    „Die Maske des Roten Todes und andere Tanzgeschichten“, Choreographien von Cedric Bauer und Mike Planz nach Texten von H. P. Lovecraft und Edgar Allan Poe, Do, 1. Februar, 19 Uhr, Sa, 3. Februar, 19 Uhr, So, 4. Februar 18 Uhr. Theater Felina-Areal, Holzbauerstr. 6-8, Mannheim Neckarstadt-Ost, Karten: 0621/3364886.

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