Ludwigshafen Frau Kirchhoff und das Licht
Die Vorweihnachtszeit ist die Zeit der Lichter. Auch in unserem Adventskalender leuchtet es jeden Tag. Wir stellen Lichter der Stadt und die Menschen dahinter vor. Heute schauen wir einem Restaurator über die Schulter.
Frau Kirchhoff soll einen Ausflug machen. Doch an Frau Kirchhoffs Mantel blättert’s. Deshalb ist sie nun bei Herbert Nolden, Diplom-Restaurator im Wilhelm-Hack-Museum. Das „Bildnis Frau Kirchhoff“ ist ein bekanntes Werk des russischen Malers Alexej von Jawlensky, um 1922 entstanden. Es soll für eine Ausstellung an ein Museum in Wiesbaden verliehen werden. „Die Frage ist: Kann ich das rausgeben oder nicht?“, sagt Nolden. Er restauriert nicht nur Gemälde und Skulpturen, sondern beurteilt auch, ob sie transportfähig und zur Ausleihe geeignet sind. Seine Arbeit ist vielfältig. Nur eines braucht er dafür immer: Licht. Zuerst betrachtet er ein Gemälde bei Tageslicht. In seiner Werkstatt steht dafür eine große Lampe mit Leuchtstoffröhren, die dieses künstlich erzeugt. Hat das Gemälde offensichtliche Schäden? Wurde es schon einmal von einem Restaurator bearbeitet? Diese Fragen stellt sich Nolden und nimmt zum genaueren Untersuchen die Taschenlampe zur Hand. „Streiflichtuntersuchung“ nennt er das. Der 54-Jährige schaut nun ganz genau auf die Oberfläche, erkennt – etwa bei Jawlensky – winzige hochstehende Schollen. Die Farbe hat sich an kleineren Stellen von der Pappe gelöst. „Da ist keine gute Verbindung hergestellt“, urteilt der Fachmann. Herbert Nolden arbeitet seit 15 Jahren im Wilhelm-Hack-Museum. Nach einer dreijährigen Ausbildung zum Schreiner hat er ein dreijähriges Praktikum als Restaurator absolviert, erst dann – so waren damals die Vorschriften – konnte er sich an der Hochschule in Köln bewerben. Mit UV-Licht kann der Restaurator genau sehen, wo Firnis aufgetragen wurde. Der Firnis fluoresziert. Er ist die transparente Schicht auf Bildern, mal um sie zu schützen, mal um sie schön glänzen zu lassen. Möchte er dem Gemälde im wahrsten Sinne des Wortes auf den Grund gehen, kommt eine Infrarot-Untersuchung in Frage. Nolden kann dann sehen, was unter dem Offensichtlichen liegt. Etwa, ob der Künstler zunächst mit Bleistift eine Unterzeichnung gemacht hat. Infrarotlicht kann auch dabei helfen, Betrug aufzudecken. So mancher Fälscher malt ein Raster vor. Dann nimmt er eine Vorlage des Motivs, etwa eine Postkarte, rastert diese ebenfalls und überträgt das Gemälde Quadrat für Quadrat auf die Leinwand. So erklärt es Nolden und ergänzt: Bei einem Raster werde der Restaurator immer misstrauisch. Ein bisschen Detektivarbeit ist das. Und ohne das passende Licht kaum möglich. Doch nicht alle diese Lichter kommen regelmäßig zum Einsatz – für die Infrarotuntersuchung etwa müsste ein auswärtiges Gerät ins Haus gebracht werden. Und: „Licht verursacht Schäden“, sagt Nolden. Er kann ein Bild also nicht beliebig lange beleuchten. Licht beschleunige Vergilben und Ausbleichen. Wenn er retuschiere, mache er das immer unter Tageslicht, sagt Nolden. Was unter Tageslicht gut aussehe, wirke auch unter fast jedem anderen Licht. Denn wenn das Gemälde im Museum an der Wand hängt, soll der Betrachter die Korrekturen natürlich nicht sehen. Ein weiterer Restaurator-Grundsatz: „Man sollte die Änderungen wieder rückgängig machen können, ohne das Original zu verändern.“ Und was wird nun aus Frau Kirchhoff und ihrem Ausflug? „Ich tue mir nicht leicht“, sagt Nolden nach erster Betrachtung. Sein endgültiges Urteil steht noch aus.