Mannheim
Filmdebüt im Odeon: Hier wie dort, heute wie damals
Jetzt kommt die Verfilmung in die Kinos, die plötzlich an die Pfalz und Ludwigshafen denken lässt. Die Regisseurin Constanze Klaue stellte sie im Mannheimer Odeon vor.
Einmal sei sie schon vor Ort gewesen, erinnert sich die 40-jährige Berlinerin in der Quadratestadt. Als sie hier an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst vorgesungen habe, um Jazzgesang zu studieren. Das Studium absolviert hat sie aber letztendlich in Osnabrück, um anschließend noch die Kunsthochschule für Medien in Köln zu besuchen und Regie und Drehbuchschreiben zu lernen. Unter dem Pseudonym Erna Rot gibt es zwei Jazzalben von ihr, aber zur Zeit steht das Filmemachen eindeutig im Vordergrund.
Urlaub auf dem Zeltplatz
„Lychen 92“, Klaues halbstündiger Abschlussfilm an der Kölner Hochschule, gewann vor fünf Jahren nicht nur den Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken, sondern war auch schon so etwas wie ein Vorläufer von „Mit der Faust in die Welt schlagen“. Erzählt wurde darin die Geschichte eines zwölfjährigen Jungen, der bald nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung den Urlaub mit seiner Familie auf einem Zeltplatz in Brandenburg verbringt.
Die Verfilmung von Rietzschels Roman, ihr erster langer Film, sei nun sozusagen die logische Konsequenz daraus, findet die Regisseurin. „Weil der Roman dort anknüpft, wo ,Lychen 92’ aufhört, und die Geschichte in die Gegenwart weitererzählt.“
Das Haus als ewige Baustelle
Der Film spielt 2006, und auch hier zählt ein zwölfjähriger Junge zu den tragenden Figuren, neben seinem drei Jahre jüngeren Bruder. Sie leben mit ihren Eltern irgendwo in der ostdeutschen Lausitz in einem unfertigen Haus, zu dessen Vollendung der Vater wohl nie kommen wird. „Wenn der irgendwas anfasst, ist es so, wie wenn zwei andere loslassen“, klagt die Mutter. Man darf sich ein bisschen an die RTL2-Doku-Serie „Die Schnappchenhäuser“ erinnert fühlen, wenn man das so mitansieht. Der Vater (Christian Näthe) verliert seinen Job, während die Mutter (Anja Schneider), eine Krankenschwester, versucht, die Dinge weiter am Laufen zu halten. Das Haus wird zur ewigen Baustelle, und die Kinder werden alleingelassen mit sich selbst, ohne nennenswerte Orientierung, echten Halt oder eine Idee von Zukunft.
Verkörpert werden die Brüder vom Berliner Anton Franke, den sie auf einem Fußballplatz entdeckt hätten, wie die Regisseurin berichtet, und von Camille Moltzen, der im vergangenen Herbst als neun- und zehnjähriger Christian im Pfälzer Fernsehspiel „Ein Mann seiner Klasse“ aufgefallen ist. Nahezu unmittelbar nach den Dreharbeiten ihres Films sei er im Sommer 2023 nach Kaiserslautern und Mannheim weitergereist, um hier unter der Regie von Marc Brummund zu agieren.
Ostdeutsche Erfahrungen unterrepräsentiert
Weder die Eltern noch die Lehrer, die hilflos zusehen, wie sich rechtes Gedankengut breit macht, taugen als Vorbilder. So bleiben schließlich nur noch die älteren Jungs in ihren tiefergelegten VWs, die Abenteuer versprechen, aber Gewalt und Fremdenhass meinen. Ihren Anführer gibt Johannes Scheidweiler, der neue, langhaarige Kriminalassistent im Ludwigshafener „Tatort“, der hier nicht nur überzeugen, sondern zeigen kann, dass noch viel mehr in ihm steckt.
Gerade die Nachwendezeit sei eine Phase gewesen, die in Ost- und Westdeutschland sehr unterschiedlich erlebt worden sei, berichtet die gebürtige Ost-Berlinerin Klaue. „Obwohl das Land offiziell vereint war, erlebte die eine Seite einen tiefen Bruch und eine Art Migrationserfahrung im eigenen Land, während die anderen ihr gewohntes Leben weiterleben konnten. Die ostdeutsche Erfahrung scheint noch immer kaum wert, repräsentiert zu werden, obwohl sie für das Verständnis rechter Tendenzen im Osten unumgänglich ist.“ Angesichts jüngerer Entwicklungen fühlt sich „Mit der Faust in die Welt schlagen“ aber auch hier und heute höchst aktuell an.