Ludwigshafen Entlarvende Dialoge mit Wutbürgern
Das Buch ist brandaktuell, denn der rechte Hass grassiert, nicht nur in Chemnitz. Der deutsche Journalist und Autor Hasnain Kazim weiß, mit ihm umzugehen. Er hat „Post von Karlheinz“ bekommen und sie beantwortet. Aus seinem Schlagabtausch mit „richtigen Deutschen“ las er in der Ludwigshafener Stadtbibliothek.
„Post von Karlheinz – Wütende Mails von richtigen Deutschen und was ich ihnen antworte“ heißt mit vollem Titel Kazims Buch, das im April erschien und Platz sieben der „Spiegel“-Bestsellerliste (Taschenbuch Sachbuch) erreichte. Ebenso gut könnte es „Post von Hasnain“ heißen, denn es enthält in dialogischer Form jeweils die Mails an und von Kazim. Der kritische, schlagfertige und scharfzüngige „Spiegel“-Journalist, der als Kind indisch-pakistanischer Eltern in Oldenburg geboren wurde, in Hamburg Politikwissenschaft studierte und als Marineoffizier diente, ist in den vergangenen Jahren zu einer Reizfigur geworden. Die Anhänger des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, aus dessen Land Kazim berichtet, bombardieren ihn mit Hass-Mails, ebenso wie Deutsche, die in ihm den „Islamisten vom ,Spiegel’“ sehen. Eigentlich, erklärt Kazim, habe das bereits 1991 begonnen, als er gerade mal 17 Jahre und noch Gymnasiast in Stade bei Hamburg gewesen sei. „Die Zuschriften kamen, weil ich in einem Schülerartikel in einer überregionalen Tageszeitung einen Bundestagsabgeordneten kritisiert hatte, der mit seiner ,Warnung vor einer Überfremdung Deutschlands durch Migranten’ Schlagzeilen gemacht hatte.“ Später wurde Kazim professioneller Journalist, 2006 Redakteur bei der Nachrichten-Website „Spiegel Online“, 2009 Auslandskorrespondent für das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ selbst. Bis zu 1000 E-Mails erhalte er in dieser Funktion täglich, erzählte der 43-Jährige, der mittlerweile vor allem vom Drehpunkt Wien aus über die Türkei und Pakistan berichtet. Seitdem sein Buch erschienen sei, habe es auffällig nachgelassen, zuvor jedoch sei er online massiv und wahllos als „Bastard“, „Kanake“ oder „Verräter“ angegangen und mit den übelsten nationalistischen und rassistischen Beschimpfungen und Verleumdungen überzogen worden. Kaum wegen des Inhalts seiner Artikel, sondern vor allem wegen seines fremd klingenden Namens, seiner Hautfarbe, seiner vermeintlichen Nationalität und Religion. Dabei ist er Deutscher und Protestant. „Die Kommunikation im Netz hat es leicht, vielleicht zu leicht gemacht, seiner Wut freien Lauf zu lassen“, meint Kazim. Anstatt die Hass-Mails, die ihn erreichten, nun einfach wegzuklicken, hat er beschlossen, zurückzuschreiben. So suchte er den Dialog mit jenen, die nie damit rechneten, je eine Rückmeldung ihres Adressaten zu erhalten. Er beantwortete ihre haltlosen Anwürfe und fremdenfeindlichen Tiraden mal freundlich, mal ganz sachlich, mal zynisch und oftmals erstaunlich humorvoll. 854 derartiger Korrespondenzen, die sich manchmal nur über einen Tag, manchmal über Wochen hinzogen, habe er im Lauf von zwei Jahren geführt, erzählte Kazim. 52 davon hätten es schließlich ins Buch geschafft. Eine Auswahl daraus gab er in der Stadtbibliothek, der „Bismarckstraßen-Moschee“, wie er erwartbar provokant formulierte, zum Besten. Entlarvende ernste und witzige, zum Teil geradezu kabarettistisch erscheinende Dialoge mit ganz überwiegend männlichen Wutbürgern wie Herbert, Peter, Lothar oder eben Karlheinz. Der Titelheld des erfolgreichen Buchs sei übrigens in der Pfalz zu Hause, „gar nicht so weit weg“ von hier, verriet Kazim den gut 50 Besuchern. Seine Repliken ziehen die Absender der Mails für ihre Äußerungen zur Verantwortung, sie lassen sie für ihre Worte geradestehen, sie stellen sie bloß, führen sie vor oder nehmen ihnen vermittelst geschickter Argumentation den Wind aus den Segeln. Obwohl er damit Erfolg hatte, ein Absender ihm etwa „Sorry, ich wusste nicht, dass die Mails jemand liest“ geantwortet hat, hat Kazim es mittlerweile drangegeben, sich zu sehr mit Mails, die jeden Respekt vermissen lassen, auseinanderzusetzen. „Man verbrennt innerlich, wenn man sich dauernd mit so einem Kram befasst.“ Kazim sagt aber auch: „Wir dürfen nicht schweigen, sonst beginnen wir den Hass zu akzeptieren.“