Ludwigshafen „Eine Sensation“
„Geheime Kommandosache“ steht auf der Rückseite des Luftbilds von Ludwigshafen aus dem Jahr 1939, das Landauer Geografie-Studenten für ein Projekt zur Wohnungsbaugeschichte Ludwigshafens verwendet haben. Erstmals liegen nun ein Flächennutzungsplan der Vorkriegs-Stadt sowie eine bildliche Darstellung des Wachstums der Stadt am Rhein vor.
„Die Studenten konnten zeigen, dass im Hemshof vor dem Zweiten Weltkrieg ganze Straßenseiten nicht bebaut waren. Und das trotz der herrschenden Wohnungsnot“, sagt Werner Appel von der Stadtentwicklung. Als Lehrbeauftragter der Uni Landau/Koblenz betreute er zusammen mit Michael Horn, Akademischer Direktor an der Uni Landau, im Wintersemester 2016/17 eine Studentengruppe, die sich in einer Übung zu „humangeographischen Feldstudien“ mit der Ludwigshafener Wohnungsbaugeschichte befasste. Marc Rieger zum Beispiel erstellte einen Flächennutzungsplan der Kernstadt mit den Stadtteilen Nord, Süd, West, Mitte, Friesenheim und Mundenheim. Als Grundlage dienten ihm Luftbilder von 1939. „Es ist eine Sensation, dass es diese überhaupt gibt“, betont Werner Appel. Als er vor einem Jahr für die Recherchen zu seinem Ebertpark-Buch die Kollegen der Stadtvermessung nach einem Luftbild aus den 60er-Jahren bat, zeigten diese ihm die „alten Schätzchen“. „Die Luftbilder sind von der gesamten Stadt vorhanden. Sie haben den Krieg überstanden und mehrere Umzüge der Vermessungsabteilung“, sagt Appel. Bedeutende Einrichtungen wie die Stadtwerke und alle Bahngleise sind geweißt – schließlich waren dies kriegswichtige Informationen. Selbst Stadtarchivar Stefan Mörz kannte diese Bilder noch nicht. Die Luftbilder sind mittlerweile eingescannt worden und stehen im Geo-Informations-System (GIS) der Stadt. „Sie zeigen uns den Ist-Zustand von Ludwigshafen vor Kriegsbeginn, es sind die letzten Aufnahmen der unzerstörten Stadt“, erläutert Appel und ist ganz begeistert von der Qualität. Am PC könne man in die Bilder hineinzoomen und „fast die Blumen im Beet“ erkennen. Marc Rieger hat auf diesen Bildern nun akribisch die verschiedenen Nutzungsarten farbig markiert. Die genaue Auswertung steht noch aus, doch ist zum Beispiel zu erkennen, dass es in Friesenheim nördlich der Ebertsiedlung 1939 noch große Freiflächen gab. Auch die Bahnhofstraße war zwischen Heinig- und Bürgermeister-Kutterer-Straße noch unbebaut. „Man kann jetzt erstmals genaue Flächenangaben berechnen“, verdeutlicht Appel den Nutzen. Eine ähnliche Fleißarbeit hat Laura Körtgen übernommen. Die Studentin hat erstmals alle im Stadtarchiv vorhandenen Stadtpläne und Karten aus verschiedenen Jahren genommen und daraus eine Flächenentwicklungskarte generiert, indem sie das Wachstum der Stadt farbig in einen aktuellen Stadtplan eingetragen hat, unterteilt nach Wohnen und Industrie. „Je dunkler, desto älter“, erläutert sie die Farbsystematik der Karte. „Man kann sehr schön erkennen, dass der Hemshof von der BASF aus nach Westen gewachsen ist und später erst nach Süden in Richtung Bahnhof“, interpretiert Stefan Mörz die Karte. Für die Studentin war vor allem das immense Wachstum zwischen 1914 und 1920 erstaunlich. „Eigentlich heißt es doch, im Krieg wurde nicht gebaut“, sagt sie. Stefan Mörz hat die Erklärung parat: Das liege vermutlich daran, dass sie nur Karten von 1914 und 1920 zur Verfügung gehabt hätte. Denn auch in Ludwigshafen sei im Krieg wenig gebaut worden. Das Wachstum sei vermutlich zwischen 1917 und 1920 entstanden, denn nach dem Krieg sei es geradezu explosionsartig mit dem Wohnungsbau losgegangen, meint Mörz. Andere Studenten befassten sich mit dem Einfluss der Bevölkerungsentwicklung und der wirtschaftlichen Aktivität auf die Bautätigkeit der Stadt Ludwigshafen von 1919 bis 1942. Anhand von alten Zeitungen gingen weitere Gruppen der Frage nach, wie die Wohnungsbautätigkeiten der Wohnungsbaugesellschaften der Stadt (GAG) und der BASF in den Zwischenkriegsjahren von der Bevölkerung aufgenommen wurden. Die Feldstudien sollen fortgesetzt werden. Außerdem ist geplant, dass alle Ergebnisse in einen Sammelband zur Ludwigshafener Wohnungsbaugeschichte einfließen.