Schifferstadt
Eine Geschichte vom Erwachsenwerden: Alexis Bugs neues Werk „Porno“
„Als ich das Foto gesehen hatte, auf dem der Schwimmkran den Panzer aus dem Neckar hebt, hatte ich buchstäblich meinen Aufhänger gefunden und wusste, wie ich die Geschichte zu Ende erzähle“, sagte Bug im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Der US-Soldat Charles S. Keefer hatte wahrscheinlich Liebeskummer, als er sich im Juli 1982 in seinen M60-Kampfpanzer setzte und das 50-Tonnen-Ungetüm mit scharfer Munition bewaffnet durch Mannheim jagte, eine Schneise der Verwüstung hinterlassend. Wie durch ein Wunder gab es keine Toten.
„In einer Gesellschaft, in der Spiel, Spaß und Lust keine Option sind, äußern sich die unterdrückten Gefühle in Gewalt“, ist Bug überzeugt. Die Geschichte, die er erzählen will, ist ein kritischer Blick auf die 80er-Jahre und das Erwachsenwerden in jener Zeit.
Keine autobiografische Erzählung
Der Protagonist seiner Geschichte heißt Alexander, ist 15 Jahre alt, fest entschlossen, ein großer Künstler zu werden und sein Vorbild Picasso zu übertreffen. Die Geschichte ist fiktiv und Bug betont, dass er nicht identisch mit der Hauptfigur sei. Gleichwohl fließen Bugs Erlebnisse und Erfahrungen ein.
Bug, Jahrgang 1973, ist in Schifferstadt aufgewachsen und zur Schule gegangen. Den Zeithintergrund der Geschichte hat er erlebt: Es herrschte noch der Kalte Krieg, die Generation der Großeltern hat den Zweiten Weltkrieg erlebt, die Gesellschaft ist ziemlich spießig. Das merkt in der Geschichte auch Alexander. Der will nämlich für ein Aktbild ein Modell, was er aber nicht findet in seiner kleinen Pfälzer Heimatstadt, die nicht namentlich genannt wird. Er radelt nach Mannheim, um dort sein Glück zu versuchen. Als er mit seinen Freunden dort ankommt, ist gerade der liebeskranke Soldat im Panzer durch die Innenstadt gebrettert. Die Liebe trifft auch Alexander – und zwar ziemlich unerwartet in Gestalt der englischen Austauschschülerin Pamela, die aus der neuen Rutsche des Freibads schießt und ihn in jeder Hinsicht voll erwischt.
Das Kaufhaus Lehr und die Disco Magic
„Ich war nach dem Abschluss der Schauspielschule in Berlin, als ich plötzlich realisierte, dass meine Jugend vorbei ist und die Welt, in der ich aufgewachsen bin, sich verändert und verschwindet“, sagt Bug. Und er hat konkrete Beispiele: „Mit tut es richtig weh, dass es das Kaufhaus Lehr in Schifferstadt nicht mehr gibt. Das war doch ,unser’ Kaufhaus.“ Er kam dorthin noch als kleiner Junge, im Kindersitz auf dem Fahrrad der Mutter, die mit ihm über das Kopfsteinpflaster der Zwerchgasse gerüttelt ist. Beim Spielen auf dem Acker hörte er den Knall, mit dem Kampfjets die Schallmauer durchbrachen – mehrmals am Tag. Und Gefühle, erst recht Lust, die wurden unterdrückt. „Ich hab’ mir mal im Magic, der damaligen Schifferstadter Disco, ein Stück gewünscht. Ein Freund und ich haben dazu getanzt. Da kam einer und wollte uns verkloppen, weil er dachte, wir seien schwul“, erzählt Bug.
Auf die eine oder andere Art war Gewalt immer präsent, sei es als militärische Kampfmaschinen, sei es zwischen den Menschen oder gegen sich selbst, als Folge von Anpassung an die spießige Gesellschaft. „Eigentlich zeige ich in der Geschichte viel Gewalt in verschiedenen Formen“, sagt Bug. Seine Überzeugung: „Alles, was gewaltsam unterdrückt wird, will irgendwie raus.“ So wird der rasende Kampfpanzer zu einem Symbol, die aufragende Kanone ist kein Zufall. Der Titel „Porno“ ist einerseits eine Provokation des Spießertums, andererseits auch eine Art Symbol für die Gegenreaktion auf Verklemmtheit. Zu Bugs These passt, dass es in den extrem prüden USA die größte Porno-Industrie der Welt gibt.
Der „Pälzer Bu“
Besonderen Wert legt Bug auf die authentische Darstellung des Pfälzer Hintergrunds: „Ich will so klingen und mich so gebärden wie ein ,Pälzer Bu’“, betont er. Bug liest alle männlichen Rollen, Susanne Back, bekannt als eine der Schönen Mannheims, liest die weiblichen Rollen. Zum Verlauf der Handlung wird es Animationsfilme von Claudius Strack geben. Für Livemusik und Atmosphäre sorgt der Schifferstadter Musiker und Sound-Designer Karl Atteln.
Termin
„Porno – Ein heißer Sommer in der Pfalz“ am Sonntag, 8. August, Open-Air-Kino im Stadion Schifferstadt, Einlass ab 20 Uhr, Spielbeginn bei Eintritt der Dunkelheit. Tickets online unter https://rex-schifferstadt.firstvoucher.com
Zur Person
Alexis Bug
Der heute 45-jährige Schauspieler, Autor und Regisseur Alexis Bug ist in Schifferstadt aufgewachsen. In Bochum hat er von 1993 bis 1997 die Schauspielschule absolviert, Regie hat er schon an Landes- und Staatstheatern in Tübingen, Berlin und Braunschweig geführt, ebenso in Seoul/Korea, wo er auch regelmäßig bei Theaterfestivals mitwirkt und acht große Produktionen auf die Bühne gebracht hat. Seine bekannteste Filmrolle hatte er in Leander Haußmanns Liebeskomödie „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“. Als Autor wurde er 2004 mit dem Martha-Saalfeld-Förderpreis des Landes geehrt. Alexis Bug lebt mit Frau und Kindern in Berlin.