Mannheim
Eine Entdeckungsreise: Porträts griechischer Migranten im Marchivum
Eine Schneiderin, ein Psychologe, ein Hotelunternehmer. Eine Schuldirektorin, ein Gastronom und ein Erzbischof. Die ausdrucksstarken Porträtaufnahmen mit einigen Lokalberühmtheiten zeigen, welche Spuren die griechische Migration in der Metropolregion Rhein-Neckar hinterlassen hat. Über 4.400 Griechen leben in Mannheim, mit dem Wort „Integration“ haben die meisten keine Probleme; dank eines seit über 60 Jahren sehr aktiven orthodoxen Zentrums wird aber auch die kulturelle Identität bewahrt. Von einfachen Arbeitern und Drehern, über Musiker und Schauspieler bis zum Chefarzt der Kardiologie reicht das Spektrum. „Wir wollen damit die enge Verbundenheit vieler Griechen mit der Region dokumentieren“, betont Dimitrios Bakolas vom 2019 gegründeten Netzwerk griechischer Vereine und Institutionen in der Metropolregion Rhein-Neckar.
Bereits 2021 machte sich Adonis Malamos, Inhaber des Café Prag und Fotograf, daran, anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der griechischen Freiheitskämpfe (1821-1829) in der Region lebende Griechen und Freunde Griechenlands mit der Kamera zu porträtieren. „Ich bin selbst gar nicht so eng mit der griechischen Community verankert. Es war eine Entdeckungsreise mit speziellen Charakteren, die es mit Stolz erfüllt hat, dass ihre Lebensgeschichte in Form von Bildern erzählt wird“, betont Malamos. Manchmal wurde er auch zum Essen eingeladen, wie vom 90-jährigen Efstratios Tsambazis, der bereits 1958 als Gastarbeiter nach Ludwigshafen kam und jahrzehntelang bei der BASF arbeitete.
Auch schwere Jahre
Nur zwei oder drei, höchstens fünf Jahre wollten sie bleiben: Auch Stella Kirgiane-Efraimidis kennt die Geschichten vom Traum der Rückkehr, der immer weiter nach hinten verschoben wurde, bis er sich auflöste. „Als Kind waren es auch schwere Jahre“, sagt die in Thessaloniki geborene, zunächst im schwäbischen Sigmaringen und dann in Weinheim aufgewachsene SPD-Kommunalpolitikerin, die heute das Amt als stellvertretende Bundesvorsitzende der AG Migration und Vielfalt innehat. Denkt sie an ihre Kindheit, erinnert sie sich an heiße Schokolade von einem netten Lehrer, aber auch daran, wie die Wahl zur Klassensprecherin wiederholt wurde, weil „eine bei Mitschülern beliebte Ausländerin“ gewann. „Diese Zeiten sind vorbei, aber beim Thema Integration bleibt man hellhörig“, betont sie.
Gastarbeitergeschichte bei Gartenschau
Die Erinnerungskultur setzte spät ein, gesteht auch Mannheims Integrationsbeauftragter Claus Preißler. Am 13. Mai werde man auf dem Gelände der Bundesgartenschau einen Erinnerungsort für die Geschichte der Gastarbeiter schaffen. „Es geht bei dem Projekt nicht darum, Arbeitskräfte zu würdigen, sondern die Menschen, die gekommen sind und maßgeblich zum Wirtschaftswunder beigetragen haben. Mannheim ist dadurch reicher geworden“, erklärt er. Integration bedeutet für ihn nicht Anpassung oder Assimilation, sondern „die Schaffung von Bedingungen für gemeinsame Gestaltungen“, ohne dabei die eigene, kulturelle Identität aufzugeben. „Kultur kann man nicht alleine haben, das hat man nur zusammen“, so Preißler. Doch das Ankommen in Deutschland war auch mit einem Verlust von Familie, Sprache und kulturellen Wurzeln verbunden. „Alles war nicht-griechisch, ohne Resonanzraum.“ Dieser wurde schnell geschaffen.
Berührungspunkt Bach
Bereits 1963 entstand in Mannheim die griechisch-orthodoxe Gemeinde, die in diesem Jahr ihr 60-jähriges Jubiläum feiert und mit der Kreuzerhöhungskirche im Luzenberg eine Heimat gefunden hat. Seit 20 Jahren hat Georgios Basioudis dort die Leitung inne. Der griechische Priester nennt Johann Sebastian Bach und Wolfgang Amadeus Mozart als seine ersten „deutschen Berührungspunkte“. „Mein Vater war Buchhändler und reiste daher häufiger nach Deutschland“, verrät er. 1996 zog es ihn für ein Aufbaustudium der Theologie zunächst nach Münster, seit 2003 lebt er in Mannheim und genießt die Gemeindearbeit. „Es geht um die Begegnungen, um ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Aber wichtig ist auch, sich zu öffnen“, sagt er. 1976 wurde in Schwetzingen die Deutsch-Griechische Akademie-Gesellschaft gegründet, welche den kulturellen Austausch fördert. Diese Verbundenheit aber wird nicht nur in Gesprächen und Institutionen, sondern nun auch in Form der Porträt-Bilder spürbar.
Die Ausstellung
Die Sonderausstellung „Griechen und Freunde Griechenlands in Mannheim“ ist bis zum 21. Mai im Marchivum, Archivplatz 1
(Dammstraße/Ecke Bürgermeister-Fuchs-Straße), zu sehen. Im Netz: www.marchivum.de/de. Öffnungszeiten: dienstags, donnerstags bis sonntags, 10 bis 18 Uhr, mittwochs 10 bis 20 Uhr.