Ludwigshafen Die Zeit der Brückenbauer

Ökumene: Ein Wort, unter dem man Unterschiedliches verstehen kann. Im Griechischen von oikos, „Haus“, abgeleitet, bedeutete „Ökumene“ „das Bewohnte“. In der Antike verstand man die ganze bewohnte Welt darunter, im Neuen Testament das Römische Reich, die alte Kirche, bald die Gemeinschaft der Christenheit. Heute denkt man an Dialoge zwischen christlichen Konfessionen, bisweilen sogar an die Begegnung abrahamitischer Religionen. Ökumene in der Pfalz? Hauptsächlich das Aufeinanderzugehen katholischer und evangelischer Konfessionen: Bischof Wiesemann und Kirchenpräsident Schad, episkopal, auf Weltkirchenebene; die Gemeinden im Alltag: am Erntedankfest, an Pfingstmontag, in der Passions- und Adventszeit, mit gemeinsamen Gottesdiensten, Andachten, dem ökumenischem Hausgebet oder dem Männerfrühstück. Dort begegnen wir uns gegenseitig als Getaufte, als Christen. Wir lernen den je anderen in seiner Eigenart, seinen Prägungen, Traditionen, seinen Empfindungen wie Empfindsamkeiten, seinem Denken und Fühlen kennen; nehmen Unterschiede wahr, die für das Gegenüber bisher unbekannt, oft fremd waren. Gleichzeitig werden wir uns – in einer säkularer werdenden Gesellschaft – unseres verbindenden Fundamentes, dem Glauben an den einen Gott, der uns begleitet, immer bewusster. Die Zeit der Gräben und Mauern, sie geht zu Ende: Die Zeit der Brückenbauer ist angebrochen. Als solche waren 25 Mitarbeiter der Diözese Speyer und der Evangelischen Kirche der Pfalz unterwegs in Brüssel, dem Herzen europäischer Institutionen. Was bedeutet Kirche in Europa, Europa für die Kirche? Bald merkten wir, wie angesichts der um sich greifenden Entwicklungen beide „Gemeinschaften“ auch und gerade heute von enormer Bedeutung sind. Denken wir an das sich verändernde Klima, die spürbar werdendere Ungerechtigkeit zwischen Kontinenten und Bevölkerungsschichten, die Individualisierung, Egozentrismen, Nationalismen. All das lässt Solidarität, Hilfsbereitschaft, Interessenausgleich immer mehr in Vergessenheit geraten. Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit, Friede, die Sehnsüchte der Menschen im 18. Jahrhundert, nach 1918/45, diese Werte sind in Gefahr, weil jeder möglichst viel für sich will und den Segen gegenseitiger Achtung und des Teilens vergisst. Dabei müssten wir doch wissen, dass Einzelne gefährdeter sind, im Miteinander und Füreinander aber gute Gemeinschaft wachsen kann, die trägt. Ökumene? – Wir leben alle in einem Haus. Wir leben alle auf der einen, uns geschenkten Erde. Wir können uns gegenseitig diskriminieren, abgrenzen, einmauern, bekriegen, töten, untergehen. Oder wir können uns anerkennen, achten, öffnen, teilen, miteinander leben. Fangen wir an mit dem neben uns. Der Autor Michael Köhl (61) ist evangelischer Pfarrer in Ludwigshafen-Süd.