Ludwigshafen
Die iranische Künstlerin Parastou Forouhar im Ernst-Bloch-Zentrum
Die Massenproteste mit dem Schlachtruf „Frau – Leben - Freiheit“ nach der Ermordung der jungen Jina Mahsa Amini, weil sie angeblich ihr Kopftuch nicht korrekt getragen hat, haben Parastou Forouhar begeistert. Die gewaltsame Niederschlagung des Aufstands, die massenhaften Hinrichtungen, Folter und Vergewaltigung haben ihr und der Welt die Brutalität des Mullah-Regimes vor Augen geführt. Und dennoch: „Es hat ein kultureller Wandel stattgefunden“, sagt die Künstlerin. „Wenn man durch die Straße geht, ist dieser Widerstandsgeist zu spüren.“ Und sie zitiert aus einem Gedicht Hilde Domins, das einer in Osnabrück laufenden Ausstellung, an der sie beteiligt ist, den Namen gegeben hat: „Nicht müde werden, sondern dem Wunder, leise, wie einem Vogel die Hand hinhalten“.
Dass es der 61-jährigen Künstlerin an Mut mangeln würde und sie aus der Geborgenheit des sicheren Exils heraus nur mit Worten Widerstand leisten würde, lässt sich ihr wahrlich nicht vorwerfen. Zwei Tage nach der Ermordung ihrer Eltern reiste sie nach Teheran und wiederholt seitdem alljährlich ein Ritual, zuletzt im vergangenen November. Immer am Todestag, als Agenten des Geheimdiensts in die Wohnung eindrangen und Dariush und Parwaneh Forouhar niederstachen, hält sie in ihrem Elternhaus in der Teheraner Altstadt eine Gedenkveranstaltung ab, um das Verbrechen des Regimes nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Teilnehmer an ihrer Veranstaltung seien schon verhaftet und schikaniert worden, sie selbst vor Gericht gestellt und zu sechs Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt worden, erzählt sie. Aber sie lässt sich nicht abschrecken.
Wie in einem Albtraum
Im Ernst-Bloch-Zentrum ist ein Brief ausgestellt, den sie im Jahr 2000 an den Präsidenten der obersten Justizbehörde des Irans, Ayatollah Shahroudi, geschrieben hat. Darin fordert sie Gerechtigkeit, und dass „die Verantwortlichen für die Ermittlung im Fall der Ermordung“ benannt werden. Ihre Schilderung, wie sie sich um Aufklärung bemüht hat, wie eine Behörde der anderen die Verantwortung zugeschoben hat, wie der Mordfall verschleppt und verschleiert worden ist, klingt wie eine albtraumhafte, der Fantasie Franz Kafkas entsprungene Erzählung. Vor zwölf Jahren hat Parastou Forouhar ihre Reiseberichte in einem Buch mit dem Titel „Das Land, in dem meine Eltern umgebracht wurden. Eine Liebeserklärung an den Iran“ veröffentlicht. Der Titel zeigt bereits ihre Zerrissenheit, ihr Schwanken zwischen Heimatliebe und Zorn.
Das Kunstwerk, das sie zur Ausstellung im Ernst-Bloch-Zentrum beigesteuert hat, besteht aus einer langen, geknickten, etwa mannshohen Stellwand, die übersät ist mit Augen. Die Deutung des allgegenwärtigen „Großen Bruders“ in Gestalt des Geheimdiensts liegt nahe. Doch der Titel lautet: „Die Gitterstruktur des totalitären Systems ist aufgebrochen.“ Nur was da an den von Augen freien Bruchstellen sich abzeichnet, das sind Gliedmaßen: Arme, Beine, Oberkörper, Torsi, die an Folter und Verstümmelung denken lassen. Im Gespräch mit Immacolata Amodeo, der Leiterin des Ernst-Bloch-Zentrums, sprach die Konzeptkünstlerin denn auch von „Körperkontrolle“, die das Regime ausübe, insbesondere gegenüber Frauen mit dem Zwang, den Schleier, den Hijab, zu tragen.
Politische Kunst
Parastou Forouhar betont, dass ihre Kunst politisch sei. Bis zur Ermordung ihrer Eltern, die sich bereits unter dem Regime des Schahs für Demokratie und Menschenrechte und gegen die Todesstrafe eingesetzt hätten, was ihrem Vater insgesamt 13 Jahre Gefängnis eingebracht habe, sei sie nur an Kunst interessiert gewesen. Seit 2019 Professorin an der Kunsthochschule Mainz, fertigte sie schon Zeichnungen, Fotografien, computeranimierte Bilder und Installationen an. Besonderes Interesse bringt sie dem Ornament entgegen, in dem sie eine Möglichkeit der kritischen Auseinandersetzung mit dem Raum sieht. „Das Ornament in seiner Rhythmik, in seiner Symmetrie täuscht eine Lesbarkeit vor“, sagt sie. „Es will alles ordnen und regulieren, es ist totalitär. Ich versuche das zu unterminieren und fordere einen zweiten Blick, ein genaueres Hinschauen.“ Auch ihre Augen-Installation kann so wie ein großes Ornament betrachtet werden.
Die Hoffnung, dass eines Tages im Gottesstaat Iran statt despotischer Bevormundung, barbarischer Gewalt und scheinheiligen Lügen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit mit der Trennung von Staat und Religion einkehren, mag Parastou Forouhar nicht aufgeben. In die deutsche und europäische Politik, der viele vorwerfen, dass sie Wirtschaftsinteressen höher stellt als die Menschenrechte und empörten Worten keine Taten folgen lässt, setzt sie allerdings wenig Hoffnung.
Die Ausstellung
Bis Donnerstag, 21. Dezember, im Ernst-Bloch-Zentrum, Walzmühlstraße 63. Öffnungszeiten: Dienstag und Mittwoch 14-17, Donnerstag 14-20 Uhr