Mannheim
Die Fotografien von Torsten Mitsch im Hauptbahnhof
„Es ist mir eine Ehre, Reisende hier am Hauptbahnhof mit meinen Bildern willkommen zu heißen“, sagt Mitsch und bringt damit seine Freude darüber zum Ausdruck, dass die Wahl der Organisatoren im Dezember auf ihn gefallen ist. Der Anruf von Yasmin Meinicke vom Mannheimer Kulturamt habe ihn völlig überrascht. Die Geschäftsführerin der Biennale für aktuelle Fotografie hatte ihn gemeinsam mit den Verantwortlichen von „Off/Foto“ empfohlen, einem Festival für künstlerische Fotografie in der Metropolregion Rhein-Neckar.
Das wiederum überzeugte die Verantwortlichen der Deutschen Bahn, die nach einem geeigneten Künstler für eine geplante Ausstellung in der Lindenhof-Unterführung suchte. „Attraktive Bahnhöfe sind ein wichtiger Baustein, um den Verkehrsträger Schiene weiter zu stärken“, beschreibt Bahnhofsmanagerin Andrea Kadenbach den Gedanken hinter dem Modern-Art-Projekt. Ihr Wunsch sei es gewesen, in dem langen Gang eine helle und fröhliche Atmosphäre zu erzeugen.
Viel Aufwand für die Ausstellung
Um das Projekt zu verwirklichen, wurden Printwerbungen und eingelassene Vitrinen an einer Seite der Unterführung entfernt. Anschließend wurden ausgesuchte Bildwerke des Künstlers auf Alu-Dibond-Platten gedruckt und an der betreffenden Wand angebracht. Reisende, die dieser Tage dort entlanggehen, bleiben nicht selten vor den Impressionen stehen, an denen Torsten Mitsch mit der Designerin Leonie Rapp gearbeitet hat. Manches, was man hier sehen kann, mutet wie ein surrealer Blickfang an, weil sich die Bedeutung nicht sofort erschließen lässt. Spannend ist das allemal.
Mitsch ist Autodidakt. Gelernt hat er ursprünglich den Beruf des Industriemechanikers, den er 16 Jahre lang bei der BASF in Ludwigshafen ausgeübt hat. Schließlich orientierte er sich neu und begann freiberuflich als Kameramann bei einem regionalen TV-Sender zu arbeiten. Die Liebe für die Fotografie begleitet ihn, seit er zwölf ist. „Meine ersten kommerziellen Erfolge hatte ich, als ich Bilder von Klassenfahrten an meine Mitschüler verkauft habe“, erinnert er sich lachend an seine ersten Gehversuche mit der Kamera, die ihm sein Vater geschenkt hatte.
Ganz nah dran
Heute arbeitet er als technischer Leiter bei Zeitraum-Exit. Wann immer er neben seiner beruflichen Tätigkeit die Zeit hat, widmet er sich urbanen Foto-Safaris. Seine Motive findet er hauptsächlich in Mannheim, sagt aber auch: „Ich klappere so ziemlich die ganze Region ab.“ Wenn es sich für ihn lohnt, auf den Auslöser zu drücken, befindet sich das Motiv in der Regel maximal bis zu zehn Meter vor seiner Linse. Mitsch denkt nämlich gerne in „Close-ups“. „Panoramen sind nicht so meins“, sagt er. Deshalb habe er keine fixen Motive im Repertoire. Viel spannender sei es stattdessen, sich dem Flow hinzugeben und Neues zu entdecken. „Ein Motiv kann für mich alles sein, was in dem Moment, wenn ich auf den Auslöser drücke, einen ästhetischen Sinn ergibt“, versucht er das in Worte zu fassen, wofür es im Grunde keine Worte gibt. Da ist der Foto-Künstler mehr Expressionist als Purist. Mitsch spricht gerne von „abseitigen urbanen Randzonen“, wenn er auf sein Jagdrevier angesprochen wird.
Ein Blick auf seine Bildergalerie im Mannheimer Hauptbahnhof vermittelt einen Eindruck, von dem, was ihn antreibt. Entstanden sind die Aufnahmen in einem Zeitraum von zehn Jahren. Sie zeigen Dinge, die das Auge des Betrachters auf charmante Weise in die Irre führen können. Da ist zum Beispiel ein markantes Bergmassiv, das sich bei genauem Hinschauen als Ausschnitt eines Werbeposters erweist. Läuft man ein paar Meter weiter, steht man vor einem Blumenarrangement, das durch die Intensität seiner Farben besticht und, wie die anderen Motive in der langen Flucht der Bahnhofsunterführung, eine Momentaufnahme ist. Auf einem anderen Bild galoppieren Pferde in einem mystischen Licht über die (Lein)Wand. Menschen sind bei Torsten Mitsch fast gar nicht zu sehen. Höchstens als Betrachter, die vor seinen Bildern stehen.